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Nanga Parbat : „Wir konnten ihn nicht retten“

  • Aktualisiert am

Walter Nones und Simon Kehrer bei ihrer Ankunft in Islamabad Bild: AP

In einem Internetvideo beschreiben die geretteten Bergsteiger die dramatischen Ereignisse am Nanga Parbat und den Absturz ihres Kameraden. Derweil regt sich in Italien immer lauter Kritik an der Rettungsaktion. Die offenen Fragen: Was hat das gekostet - und wer zahlt?

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          Nur wenige Stunden nach ihrer Rettung haben die Bergsteiger Simon Kehrer und Walter Nones in einer Internet-Videokonferenz die dramatischen Ereignisse am Nanga Parbat geschildert. „Das waren keine schönen Tage, aber dank unserer Kraft haben wir es geschafft, gesund und sicher ins Basislager zu gelangen“, sagte Nones in der Schaltung aus seinem Hotel in Gilgit. Nones und Kehrer erzählten auch vom Unfall ihres Kletter-Kollegen Karl Unterkircher, der bei der Besteigung über die bisher noch nicht erklommene Rakhiot-Eiswand abgestürzt war. Unterkircher sei im tiefen, weichen Schnee etwa 15 Meter tief in eine Felsspalte gefallen, sagten sie.

          „Dabei ist er mehrmals gegen die Felsen geschlagen. Wir haben ihn fast sofort gefunden, aber wir sahen gleich, dass wir ihm nicht mehr helfen konnten.“ Die Leiche Unterkirchers wird nach den Worten von Agostino da Polenza, der von Italien aus die Rettung geleitet hatte, am Nanga Parbat bleiben. „Wir müssten andere Leben riskieren, um ihn zu bergen und das ist unmöglich. Ich bin sicher, dass auch Karl es so gewollt hätte.“

          Mit einer spektakulären Rettungsoperation sind die beiden Südtiroler Alpinisten neun Tage nach Beginn des Dramas am Nanga Parbat in Sicherheit gebracht worden. Simon Kehrer und Walter Nones wurden am Donnerstag nacheinander mit einem Hubschrauber aus knapp 6000 Metern Höhe zum Basislager und dann gemeinsam in die Stadt Gilgit geflogen. Dort wurden sie in einem Krankenhaus behandelt und erreichten flogen heute morgen weiter nach Islamabad.

          Erinnerungsfoto mit Rettungsteam
          Erinnerungsfoto mit Rettungsteam : Bild: AP

          Offen bleibt die Geldfrage

          Unterkirchers Ehefrau Silke zeigte sich erleichtert über die Rettung der beiden Bergsteiger. „Ich bin so froh, dass sie sich nun in Sicherheit befinden“, sagte sie laut „Repubblica Online“. Die Südtiroler waren am Dienstag vergangener Woche von schlechtem Wetter überrascht worden. Der 37 Jahre alte Unterkircher war dabei abgestürzt. Er hinterlässt seine Frau und drei Kinder.

          Die Rettungsaktion trifft jedoch auch auf Kritik: Offen bleibt wie hoch die Kosten für die Rettung waren - und wer diese übernimmt. Die italienische Verbraucherorganisation Codacons will wissen, wer für diese Rettungsaktion bezahlt habe. Fabrizio Romano vom Krisenmanagement des römischen Außenministeriums hatte erklärt, die Kosten dafür seien von einer Versicherung der Bergsteiger abgedeckt. Italien habe nichts bezahlt. Italienische Zeitungen bezweifeln dies und rechnen vor, dass die Versicherungsprämien für die Besteigung eines Achttausenders über den eigentlichen Kosten der Expedition liegen müssten. „Wer hat denn bezahlt?“, fragt „La Repubblica“. Auch habe das italienische Konsulat in Pakistan gestern noch angekündigt, es werde die Kosten für die Hubschrauberrettung in 6000 Metern Höhe übernehmen.

          Nach verschiedenen Schätzungen sollen die Kosten zwischen 30.000 und 50.000 Euro liegen. Gut 40 Stunden seien die Hubschrauber in der Luft gewesen, um die Bergsteiger zu finden, sagte Luftrettungssprecher Bashia Baz. Die Flugmanöver seien sehr kompliziert und zum Teil lebensgefährlich gewesen, sagte Baz.

          Kritik an der Rettungsaktion

          Der Einsatz von Hubschraubern fand dann auch in Italien Kritiker. „Diese Operation ist eine unglaubliche Schande gewesen, man hat den Sinn für das Maß verloren“, prangerte der bekannte Bergsteiger Fausto De Stefani die Helikopterflüge zur Rettung von Simon Kehrer und Walter Nones an. Italienische Zeitungen warfen am Freitag vor allem die Frage auf, ob die Rettungsflüge überhaupt notwendig gewesen seien. „Sie sind aus eigener Kraft (bis auf 5700 Meter) abgestiegen und hätten auch so in das Basislager zurückkehren können“, meinte die römische Zeitung „La Repubblica“.

          Wer einen Achttausender besteigt, der weiß, was auf dem Spiel steht, machte De Stefani deutlich, der alle 14 Achttausender der Welt gemeistert hat. „Alpinismus ist eine Wahl, die man trifft, man ist kein Arbeiter, der zur Arbeit gehen muss, um Geld zu verdienen.“ Und auch Kehrer und Nones müssten sich ärgern, seien die Retter doch gekommen, ohne dass sie darum gebeten hätten, sagte er der Zeitung „La Stampa“. „Dieses ganze Aufgebot beim Rettungseinsatz hatte fast einen militärischen Anstrich“, meinte die Chefin der Zeitschrift „Alp“, Linda Cottino: „Das sah mir ganz wie eine große Inszenierung für das Publikum aus.“ Die Aktion sei aber nicht ganz überflüssig gewesen. Sie sei psychologisch für die beiden Bergsteiger wichtig gewesen.

          Der nackte Berg

          Der Nanga Parbat ist mit 8126 Metern der neunthöchste Berg der Welt. Sein Name in der Landessprache Urdu bedeutet „Nackter Berg“. Wegen gescheiterter deutscher Expeditionen mit mehreren Opfern in den 30er Jahren wird der Nanga Parbat auch „Schicksalsberg der Deutschen“ genannt. Der Bruder Reinhold Messners, Günther Messner, starb 1970 am Nanga Parbat.

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