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Nach Unglück in Thailand : Die Rettung als Propagandashow

Die Fußballer auf der Pressekonferenz Bild: EPA

Thailands Generäle feiern sich und das Überleben der Jungen. Den Jugendlichen bleibt nichts, als sich instrumentalisieren zu lassen. Die Aussagen ausländischer Höhlentaucher zeigen, wie gefährlich die Mission war.

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          „Wir waren schockiert, als wir herausfanden, dass ein Taucher für uns sein Leben gelassen hat“, erklärte eines der Wildschweine. Dann las die Nummer Sieben, der jüngste der Mannschaft „Die Wildschweine“, die aus der zu Teilen überfluteten Höhle in Thailand gerettet worden war, Kondolenzbotschaften an die Familie von Saman Kunan vor. Der Taucher war bei dem Rettungseinsatz ums Leben gekommen. Es war der bewegende Moment der ersten und einzigen Pressekonferenz, die die Geretteten in der nördlichen Provinzstadt Chiang Rai gaben. Sie war durchkomponiert bis ins Detail. Fragen mussten im Vorfeld von der Militärregierung freigegeben werden, die Jungs kamen mit Armee-kurzen Haarschnitten aus dem Krankenhaus, trugen Fußballtrikots mit dem roten Wildschweinmotiven, und sie versprachen, künftig „ein gutes Leben leben zu wollen“.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Stärker habe sie die Erfahrung gemacht und sie hätten in der Höhle gelernt, nicht aufzugeben, erzählten die Jungen. Die Meisten wollen weiterhin professionelle Fußballer werden. Mehrere aber werden – was in Thailand nicht unüblich ist – als Novizen zunächst für einige Zeit in ein buddhistisches Kloster eintreten. In diesem Fall allerdings ist der Aufenthalt auch darauf ausgelegt, Marinetaucher Saman die letzte Ehre zu erweisen. Als die Frage gestellt wurde, ob sie selber Marinetaucher werden wollten, wie ihre Retter, hoben mehrere Jungen brav die Hand.

          Für die Militärregierung Thailands, die sich 2014 an die Macht geputscht hat, war die Inszenierung auf einem künstlichen Fußballfeld ein Volltreffer: Nicht nur, dass die Armee mit Hilfe ausländischer Fachleute die fast unlösbare und weltweit bewunderte Aufgabe bewältigt hatte, die Jungen zu retten. Der Auftritt der Jungs vor den Kameras der Weltpresse im Abendprogramm „Thailand geht voran“, direkt nach der Nationalhymne, zeigte den aufstrebenden, mutigen Thailänder in einer harmonischen Gesellschaft, zeigte Kinder, die exakt dem von der Regierung erwünschten Bild des jungen Bürgers entsprachen.

          Normalerweise lachen die meisten Thailänder über die tägliche Propagandastunde der Militärregierung im Fernsehen, in der – zuvor freigegebene – Fragen zur Regierungspolitik verhandelt werden. Angesichts des Schicksals der Kinder aber wurde die Show zum Quotenhit. Zugleich indes ergingen starke Warnungen an die Medienvertreter, die Jungs nun nicht zu verfolgen, damit sie sich in Ruhe erholen können. Den Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren blieb an diesem Abend in Thailand nichts, als sich instrumentalisieren zu lassen.

          Der Kampf hinter der Fassade

          „Brot, Schokolade, Schweinefleisch und Reissuppe“ hätten sie in den Tagen im Krankenhaus seit ihrer Rettung schon gegessen, erzählten die Jungen strahlend. Dann sagten sie brav, sie wollten sich bei ihren Eltern entschuldigen, weil sie sich danebenbenommen hätten. „Wir haben gesagt, wir gehen Fußballspielen, stattdessen sind wir zur Tham-Luang-Höhle aufgebrochen.“ Dort saßen sie dann für bis zu 17 lange Tage fest, fast ohne Nahrung und nur begleitet von ihrem 25 Jahre alten Trainer. Als früherer Mönch praktizierte er mit den Kindern im Dunkeln Meditation. Ein Junge erzählte auf der Pressekonferenz von dem Moment, in dem Taucher die Mannschaft nach neun Tagen entdeckten: „Wir haben plötzlich jemanden reden gehört. Unser Trainer hat uns gesagt, dass wir ruhig sein sollen. Wir hatten Angst. Einer ist in Richtung der Stimmen gegangen. Dann haben wir die Taucher entdeckt. Ich wusste nicht, was ich sagen soll außer: Hallo.“

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