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Denkmalschutz und Brandschutz : In Deutschland gibt es jede Woche einen Kirchenbrand

Juni 2014: Blick in die Kirche St. Martha in Nürnberg, die komplett ausbrannte. Inzwischen ist sie wieder saniert. Bild: Tobias Schmitt

Die Suche nach der Ursache des Feuers in Notre-Dame hat begonnen. Und dort wie hierzulande wird klar – Denkmalschutz und Brandschutz gehen nur schwer zusammen.

          Das verheerende Feuer in der Pariser Kathedrale Notre-Dame fällt in das Spezialgebiet des Brandschutzingenieurs Sylwester Kabat. Bis zum vergangenen Jahr war er in Gütersloh als Kreisbrandamtsrat tätig und spezialisiert auf den Schutz historischer Bauten. Sein nächstes Fachbuch soll den Titel „Brandschutz in Kirchen und Klöstern“ tragen. 500 Seiten hat der Experte schon beisammen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Als Kabat am Montagabend die ersten Bilder der brennenden Kirche in Paris sah, befürchtete er gleich das schlimmste. „Es war ein Fall wie aus dem Lehrbuch“, sagt er. Ab einem gewissen Punkt setze ein Domino-Effekt ein, gegen den eine Feuerwehr weitgehend machtlos sei. In Paris sei dies spätestens der Fall gewesen, als der Vierungsturm Feuer fing und einstürzte, erklärt Kabat. Solch ein Ereignis setze in der Folge den gesamten hölzernen Dachstuhl in Flammen. Fehler der Feuerwehr konnte Kabat auf den ersten Blick nicht erkennen. In der französischen Hauptstadt sei sie als militärische Einheit organisiert, verfüge über ausreichend Material und habe einen guten Ruf, sagt der Experte. Das Problem bei Bränden in historische Gebäuden wie Notre-Dame sei nur, dass man wegen der Einsturzgefahr keine Feuerwehrleute mit Atemschutz hineinschicken könne, die das Feuer dann effektiv von innen bekämpfen.

          Aber auch die Brandbekämpfung von außen sei wegen der Höhe des Kirchenbaus schwierig. Das Mittel der Wahl seien die rund 30 Meter hohen Drehleitern, die nach Einschätzung von Kabats in Paris wesentlich dazu beigetragen haben, das Feuer schlussendlich zu löschen. Den über Twitter verbreiteten Vorschlag des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, den Brand mit Löschflugzeuge zu bekämpfen, hält Kabat für abwegig. „Das würde ich auf keinen Fall machen. So viel Wasser auf einmal ist so schwer, dass man dadurch noch mehr kaputt macht. Löschflugzeuge sind sinnvoll bei Flächenbränden.“

          Der Experte fragt sich allerdings, ob man sich in der Pariser Kathedrale ausreichend um die Prävention von Bränden gekümmert hat. „Ich weiß nicht welchen Brandschutz sie dort haben, augenscheinlich war es aber nicht allzu viel.“ Besonders dringlich stellt sich diese Frage angesichts der dortigen Renovierungsarbeiten. In seinen Präsentationen führt Kabat „regelwidriges und leichtsinniges Durchführen von Dacharbeiten“ als wichtigste Brandursache in historischen Kirchen an. Aus seiner Sicht gibt es jedoch einige Maßnahmen, um verheerende Brände in solchen Kulturgütern zu verhindern.

          Kostengünstig und effektiv sind Brandmelder, die oft eine frühzeitige Bekämpfung des Feuers ermöglichen. Zusätzlich ist der Einbau von automatischen Löschanlagen denkbar. Der Aachener Dom verfügt über eine Sprinkleranlage, die berühmte Wieskirche in Bayern über eine Wassernebel-Löschanlage. Deutlich weiter verbreitet sind in den deutschen Kirchen sogenannte trockene Steigleitungen. Im Brandfall kann die Feuerwehr ihr Wasser in die Leitungen pumpen, die direkt an die gefährdeten Stellen der Kirchen führen. Die „absolut erste Maßnahme“ sollte aus Sicht von Kabat der Einbau von Brandschutztüren zwischen den verschiedenen Gebäudeteilen Turm, Kircheninneres und Dachboden sein.

          Insgesamt glaubt der Experte jedoch nicht, dass die Kirchen in Deutschland viel besser gegen Brände geschützt sind als in Frankreich. Für Löschanlagen kennt der Experte nur die beiden genannten Beispiele Wieskirche und Aachener Dom. Der unzureichende Brandschutz hat auch einen rechtlichen Hintergrund. Kabat erläutert, dass für Kirchengebäude zwar die allgemeinen Gesetze wie das Brandschutzgesetz, die Landesbauordnung oder das Unfallverhütungsgesetz gelten. Anders als Hotels oder Konzerthallen unterliegen Kirchen nicht der Versammlungsstättenverordnung. Dadurch fehlten oft auch wichtige Rettungswege, klagt Kabat. Die Frage „Wie komme ich hier raus?“ stellt sich nach seiner Erfahrung insbesondere, wenn eine Kirche zusätzlich zur Grundebene auch noch über obere Bereiche verfügt. „Man entdeckt dort die tollsten Räume: Jugendräume, Meditationsräume – in der Regel alles ohne Rettungsweg.“ Mit dieser Kritik möchte Kabat aber nicht großen Umbauten oder extrem kostspieligen Gesetzesauflagen das Wort reden. „Brandschutz muss denkmalverträglich sein“, lautet sein Grundsatz.

          Dafür gebe es inzwischen sehr gute Technik: Brandschutztüren, welche die historischen Türen nicht ersetzen, sondern ergänzen. Rauchmelder, die selbst in Prunkdecken nicht sichtbar sind, weil sie die Luft über eine kleine Öffnung einsaugen. In der Praxis hat Kabat zudem den Eindruck, dass die Verantwortlichen der Kirchen sensibler für den Brandschutz geworden sind. Er hält das für wichtig, denn der Ausbruch eines Feuers in einem historischen Kirchengebäude ist kein seltenes Ereignis.

          „Statistisch gibt es einen Kirchenbrand in der Woche“, sagt der Experte und verweist auf die besonders verheerenden Fälle in jüngster Zeit: Im März 2018 entstand in der Ravensburger Kirche St. Jodok ein Millionenschaden, der Brandstifter wurde inzwischen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Im sächsischen Tellschütz brannte im Januar 2015 eine historische Kirche komplett aus. Und in Nürnberg brannte 2014 in der mehr als sechshundert Jahre alten Kirche St. Martha der Dachstuhl aus und stürzte ins Kircheninnere. Auch dort entstanden Millionenschäden. Brandschutzingenieur Kabat berichtet zudem von einer Ordensschwester, die in ihrer Klosterzelle am Rauch erstickte, weil das Kloster nicht durch eine Brandschutztür von der brennenden Kirche abgetrennt war.

          Für Kabat ist das ein weiterer Hinweis, dass bei historischen Kirchen vor allem kluge und maßvolle Prävention nötig ist. „Die Feuerwehren können da meistens nicht viel mehr machen. Die Gebäude müssen sich selbst schützen.“

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