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Nach Küblböck-Vorfall : „Viele Kreuzfahrtunfälle sind mysteriös“

  • -Aktualisiert am

Sonntagmorgen ist Daniel Küblböck von einem Schiff der Reederei „Aida Cruises“ gefallen. Bild: dpa

Noch immer ist unklar, wie und warum Daniel Küblböck von einem Kreuzfahrtschiff gefallen ist. Im Interview erklärt ein Professor für Maritime Studien, wie häufig solche Vorfälle sind – und wie sie verhindert werden könnten.

          Herr Klein, Kreuzfahrtschiffe gelten als besonders sichere Verkehrsmittel. Dennoch werden immer wieder Passagiere als vermisst gemeldet, erst am Wochenende der Sänger Daniel Küblböck. Wie oft gehen tatsächlich Personen über Bord?

          Jedes Jahr gehen im Durchschnitt etwa 20 bis 24 Kreuzfahrtpassagiere über Bord. Dieses Jahr sind es bis jetzt 19 Menschen gewesen. Seit dem Jahr 2000 gelten 321 Personen als vermisst.

          Das sind überraschend viele. Was sind die Gründe dafür?

          Es gibt zahlreiche Gründe. Natürlich gibt es Morde oder Suizide, bei denen Abschiedsbriefe gefunden werden. Es sind etwa zehn Prozent der Fälle als Selbstmorde klassifiziert. Viele andere sind unklar und mysteriös. In diesem Zusammenhang sind auch Unfälle nicht selten.

          Ist es denn möglich, einfach so von einem Schiff zu fallen?

          Es gibt etwa Menschen, die zu viel Alkohol trinken und sich über die Reling lehnen, um sich zu übergeben. Dann verlieren sie das Gleichgewicht und werden im schlimmsten Fall nie wieder gefunden. Das ist nicht so unüblich.

          Es gibt doch aber sicherlich geregelte Sicherheitsvorkehrungen.

          Die gibt es, wenn auch noch nicht allzu lange. 2005 gab es Anhörungen der amerikanischen Regierung wegen Unfällen auf See. Dort trafen sich zwei betroffene Familien und bildeten die „International Cruise Victims Association“. Unter anderem durch deren kontinuierliche Arbeit wurden 2010 die Sicherheitsrichtlinien (Cruise Vessel Security and Safety Act) erlassen, die erstmals die Sicherheitsvorkehrungen an Bord verbessern sollten. Die Reling sollte auf 1,32 Meter erhöht werden, was nach einem logischen Schritt klingt. Doch diesen Vorstoß hat die Kreuzfahrt-Lobby verhindert, indem sie sagte, die bestehenden 1,06 Meter seien mehr als genug, um eine Person daran zu hindern, von Bord zu gehen. Die Zahl hat sich dann durchgesetzt, auch wenn wir sehen, dass es offensichtlich nicht reicht.

          Wie groß ist denn die Chance, eine Person, die über Bord gegangen ist, lebend zu finden?

          Überraschenderweise nicht allzu schlecht. Etwa 20 Prozent der Menschen, die von einem Schiff fallen, werden lebend gerettet.

          Daniel Küblböck ist vor Neufundland von Bord gegangen. Sie arbeiten dort, wie sind die Wasserverhältnisse?

          Ich schätze, dass die Temperatur im Wasser in dem Bereich bei etwa drei bis vier Grad liegt. Darüber hinaus ist das Wasser nicht unbedingt ruhig, und die Wellen können zwei bis fünf Meter erreichen. Die Chance, lange zu überleben, ist nicht besonders hoch – man unterkühlt einfach sehr schnell. Realistisch gesehen kann ein Mensch sich vielleicht eine Stunde dort über Wasser halten.

          Welche Vorkehrungen werden getroffen, wenn Menschen von einem Schiff verschwinden?

          Je früher in so einem Fall ein Alarm ausgelöst wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Menschen gefunden werden – idealerweise sogar lebend. Es hat auch schon acht bis zehn Stunden gedauert, bis das Verschwinden einer Person aufgefallen ist. Dann ist eine Suche relativ zwecklos, da ein riesiges Areal abgesucht werden müsste. Wenn allerdings der Vorfall beobachtet und direkt gemeldet wird, ändert das Schiff den Kurs und fährt dorthin zurück, wo die Person zuletzt im Wasser gesehen wurde. Und dann wird von diesem Punkt ausgehend die Wasseroberfläche abgesucht. Außerdem wird die am Unglücksort zuständige Küstenwache angerufen, die zur Hilfe kommt.

          Wie lange wird normalerweise gesucht?

          Das hängt von dem Kreuzfahrtschiff ab. Es ist eine schwierige Entscheidung, denn selbst wenn die Person höchstwahrscheinlich nicht entdeckt wird, gibt es eine moralische Erwartung, noch länger zu suchen. Aus Küstenwachen-Perspektive stellt sich die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, den Menschen zu finden, lebend oder tot. Es gibt auch Personen, die von der Küstenwache gerettet wurden, als das Kreuzfahrtschiff längst mit der Suche aufgehört hat.

          Mit welchen Mitteln könnten Vorfälle wie der vom Wochenende verhindert werden?

          Abgesehen von dem Anpassen der Reling sollten auch mehr Hinweisschilder angebracht werden, die vor den Gefahren warnen. Außerdem gibt es durchaus Person-über-Bord-Systeme, die jeder Mensch an Bord tragen kann, und die automatisch einen Alarm auslösen, sobald das System mit Wasser in Berührung kommt. Aber die werden höchstens in der Marine genutzt, Kreuzfahrtschiffe setzen diese nicht ein. Diese Systeme geben einen Alarm an die Brücke ab, so dass die Kommandeure auf der Schiffsbrücke direkt wissen, dass eine Person über Bord gegangen ist und die entsprechende Prozedur einleiten kann.

          Warum setzen Kreuzfahrtschiffe kein solches System ein?

          Weil sie damit zugeben müssten, dass ein Unfall vorhersehbar ist. Das ist keine Technologie, die für die milliardenschwere Kreuzfahrtindustrie unerschwinglich wäre. Die zwei, drei Millionen pro Schiff könnten sich die Reedereien definitiv leisten. Es wäre das Minimum für die Sicherheit ihrer Passagiere. Gerade im aktuellen Fall hätte das wegen der geringen Wassertemperatur besonders wichtig sein können. Aber aus der Vorhersehbarkeit wächst eine unangenehme rechtliche Verantwortung.

          Dr. Ross A. Klein ist Professor für Maritime Studien an der „Memorial University“ in Neufundland. Er ist Experte für die Kreuzfahrtindustrie.

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