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Nach Grubenunglück in Soma : „Niemand wird uns helfen“

  • -Aktualisiert am

Minenarbeiter nach dem Unglück: fühlen sich nach dem Unglück alleine gelassen Bild: AFP

Zwölf Tage nach dem Grubenunglück in Soma warten die Überlebenden und die Hinterbliebenen noch immer auf die Unterstützung der Regierung. Viele zweifeln an Ministerpräsident Erdogans Versprechungen.

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          Er wusste, dass die Atemschutzmasken viel zu alt waren, dass die Luftvorräte im Stollen nur für eine kurze Zeit ausreichen würden. Auch Brandschutzübungen habe es nie gegeben. Yilmaz Sag wusste, dass bei einer Katastrophe nur ein Wunder die Bergarbeiter in Soma retten konnte. Wenige Minuten vor der Explosion beendete er seine Schicht. Als sich 400 Meter unter Tage das tödliche Kohlenmonoxid ausbreitete, war er gerade auf dem Heimweg. Aber von einem Wunder will der Dreißigjährige nicht sprechen. „Das war Zufall, auch ich könnte jetzt tot sein“, sagt er, immer noch fassungslos über die Katastrophe.

          Zwölf Tage sind seit dem größten Grubenunglück der Türkei vergangen. 302 Menschen kamen ums Leben. Außer seiner Familie, sagt Sag, habe niemand gefragt, wie er sich eigentlich fühle. Er spricht leise, er wirkt nicht wütend, eher lethargisch. Yilmaz Sag ist nicht sein richtiger Name. Das Bergbauunternehmen hat den Bergleuten ein Sprechverbot erteilt, deshalb will er lieber anonym bleiben. Zwar hat Premierminister Recep Tayyip Erdogan versprochen, „alle Wunden zu heilen“. Doch für Sag sind das nur leere Worte.

          Nach der Katastrophe kursierten viele Gerüchte

          „Sie sind die erste Person, die sich nach uns erkundigt“, sagt der Grubenarbeiter am Telefon, dann schweigt er. Unter den Toten ist auch sein 29 Jahre alter Cousin. Dessen 22 Jahre alte Witwe brachte in der vergangenen Woche das erste Kind zur Welt – der Sohn wird seinen Vater niemals kennenlernen. „Nach der Soma-Katastrophe haben 432 Kinder keinen Vater mehr“, rechnete die regierungskritische Tageszeitung „Todays Zaman“ am Freitag vor. Zwar hatte Energieminister Taner Yildiz versprochen, es werde alles dafür getan, die Überlebenden und Hinterbliebenen finanziell und psychologisch zu versorgen.

          „Davon ist bei uns bisher nichts angekommen. Die Regierung interessiert sich doch überhaupt nicht für uns“, sagt Sag. Fünf Jahre stieg er in die Grube hinab, für 1000 türkische Lira im Monat, 350 Euro. Die Minenbetreiber hätten zwar zugesagt, die Löhne noch drei Monate weiterzuzahlen. „Aber das glaube ich erst, wenn das Geld auf meinem Konto ist.“ Nach der Katastrophe kursierten viele Gerüchte: Kinder hätten in der Grube gearbeitet, der Unfall sei von der Betreiberfirma inszeniert worden, um zu verheimlichen, dass Hunderte syrische Hilfsarbeiter unter Tage schuften.

          Die Regierung weist jede Verantwortung von sich

          „Alles Unsinn“, sagt Askin Hür, 25, der seit sieben Jahren in der Grube arbeitete. „Jeden Tag habe ich zu meiner Frau gesagt, dass mit der Mine etwas nicht stimmt“, sagt Hür, der auch anonym bleiben will. Als das Unglück geschah, hatte er frei, half aber sogleich bei der Bergung – und erlitt eine Kohlenmonoxid-Vergiftung. Hat sich jemand Offizielles um ihn gekümmert? „Nein“, sagt Hür. „Wir sind doch arm, niemand wird uns helfen. Wir können der Regierung und dem Minenbetreiber doch mit nichts drohen.“

          Der Eingang zum Stollen wurde zubetoniert. Das Schild „Arbeitssicherheit zuerst“ hängt noch immer am Eingang. Die Soma Holding beharrt darauf, dass die Behörde das Bergwerk alle sechs Monate kontrolliert und bei der letzten Prüfung im März keine Unregelmäßigkeiten festgestellt habe. Die Regierung weist jede Verantwortung für das Unglück von sich.

          Nach der Katastrophe war es in mehreren türkischen Städten zu Protesten gekommen, bei denen Tausende Demonstranten den Rücktritt der Regierung forderten. Dass Erdogan an diesem Samstag in Köln vor Tausenden Zuhörern auftreten will, um für die Präsidentschaftswahlen im August zu werben, ist für die zwei Männer ein Hohn. „Er soll zu Hause bleiben und sich um uns kümmern“, findet Sag. „Wir haben ganz andere Probleme“, sagt Hür. „Ich weiß nicht mehr, womit wir unsere Schulden bezahlen sollen.“

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