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5 Jahre Fukushima : Die schwierige Rückkehr in eine Geisterstadt

Abends verlassen die Arbeiter die Stadt: Straßenkreuzung an der Nationalstraße 6 in Naraha, Präfektur Fukushima. Bild: 2016 Patrick Welter

Vor fünf Jahren ereignete sich die Atomkatastrophe in Fukushima. In der Nähe wurde die verstrahlte Erde weggeschaft, neue Häuser sind entstanden. Aber wer will dort leben? Eine Spurensuche in der Stadt Naraha.

          9 Min.

          Yukiei Matsumoto ist ein gelassener Mann und es scheint, als ob ihn nicht mehr viel aus der Ruhe bringen kann. Dafür hat der Bürgermeister von Naraha wohl zu viel erlebt. Fünf Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima steht er vor der Herkulesaufgabe, der Stadt neues Leben einzuhauchen.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Naraha liegt etwa neunzehn Kilometer entfernt vom Atomkraftwerk Fukushima Daiichi an der japanischen Pazifikküste. Am 11. März 2011 überschwemmte ein etwa 14 Meter hoher Tsunami das Kraftwerksgelände und zerstörte die Notstromaggregate. In drei Reaktoren kam es zur Kernschmelze. Durch den Tsunami starben in Naraha 13 Menschen. Wegen der radioaktiven Strahlung wurde die Stadt geräumt. Erst seit September vergangenen Jahres dürfen wieder Menschen in der Stadt leben.

          Draußen, auf der Nationalstraße 6, donnern fast ununterbrochen große Laster vorbei, auf dem Weg zum zerstörten Kernkraftwerk oder in die Wiederaufbaugebiete im Norden. Im Büro des Bürgermeisters von Naraha aber verbreiten Zierfische im Aquarium Ruhe. Nüchtern und wortkarg gibt sich auch der 55 Jahre alte Matsumoto. Er empfinde keinen Zorn, nicht gegenüber dem Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power Company (Tepco) und nicht gegenüber der Regierung. Er konzentriere sich allein auf den Wiederaufbau. 50 Milliarden Yen (400 Millionen Euro) habe Naraha bisher dafür ausgegeben. Bislang leisteten Regierung und Tepco genug Unterstützung, auch finanziell.

          Woher sollen die Jungen kommen?

          Eine Frage lässt den Bürgermeister dann doch Emotionen zeigen. Wie will die Stadt es schaffen, wieder junge Menschen anzulocken? „Das ist wirklich extrem schwierig“, lacht Matsumoto verzweifelt auf. „Im Frühjahr kommenden Jahres wollen wir die Schulen wieder eröffnen. Wir hoffen, dass dann auch junge Familien zurückkommen.“ Seine Reaktion deutet an, auf welch brüchigem Fundament das Versprechen des Wiederaufbaus steht.

          Von Hoffnung reden in diesen Tagen in Naraha viele. Hoffnung, dass es wieder so werde wie früher. Hoffnung, dass Freunde und Verwandte zurückkehren. Gewissheit aber hat niemand. Und die Zweifel der Menschen sind groß. Noch wirkt der Ort wie eine Geisterstadt. Gerade mal 430 Menschen sind seit September zurück gekommen, das ist ein Bruchteil der 7800 Menschen, die vor der Katastrophe hier wohnten. Und es sind die Alten, die kamen. Fast 70 Prozent der Rückkehrer sind älter als 60 Jahre.

          „Wenn ich an die wenigen Einheimischen hier denke, hat die Stadt keine große Zukunft“, sagt Yukiko Takano. „Wer Familie und Kinder hat, wie mein älterer Bruder, der scheut die Rückkehr.“ Ihr Bruder wohnt seit dem Unglück in der Präfektur Ibaraki, weiter südlich, in Richtung der Hauptstadt Tokio.

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