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Nach dem Tsunami : Die zweite Welle brachte den Tod

Trauer, Fassungslosigkeit, Wut: Helmi, 41, in seiner Werkstatt. Bild: Till Fähnders

Im indonesischen Palu haben ein paar Geschäfte wieder geöffnet. Aber viele Angehörige trauern noch um die Toten. Auch Helmi, der seine Mutter verlor.

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          Das Meer ist gespenstisch still. Die Katastrophe ist noch keine drei Tage her. Wie ein Ungeheuer hatte sich der Ozean auf die Hafenstadt Palu in der indonesischen Provinz Zentralsulawesi geworfen. Die Wellen rissen Wohnhäuser, Autos und Motorräder mit sich wie Spielzeuge. Am Ende spuckten sie sie hier, an der Küste von Donggala im Nordwesten von Palu, wieder aus. Kilometer um Kilometer reihen sich die kleinen und größeren Trümmerfelder aneinander. Hier standen einst die Häuser der Fischer und der Arbeiter aus den Steinbrüchen. Die steilen Berghänge haben das Wasser aufgehalten. Den Menschen hat das nichts gebracht. In den Trümmern ihrer Häuser suchen sie nun nach Habseligkeiten. Andere halten an der Straße Autos an und betteln um Spenden.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          In Palu selbst zeigt sich ein etwas anderes Bild. Die Strandpromenade hatte einst den bescheidenen Charme einer aufstrebenden Kleinstadt am Meer. An der Promenade hatte am Tag der Katastrophe eine Jubiläumsfeier stattgefunden. Neben der großen Moschee steht ein Einkaufszentrum: eine Ruine. In einem Obergeschoss sieht man noch einen Laufsteg, auf dem vor kurzem das „Inselmodel 2018“ gesucht wurde. Anwohner durchwühlen die Geschäfte nach allem, was noch irgendwie zu gebrauchen ist. Die Stimmung: Trauer und Fassungslosigkeit. Später kommt bei manchen die Wut. „Pray for Palu“ steht an eine Kaufhauswand gesprüht.

          Ein paar Straßen sitzt Helmi, ein 41 Jahre alter Indonesier, der wie viele hier nur einen Namen trägt, in seiner Werkstatt neben der Moschee auf einem Motorroller. Auf einem Tischchen vor dem Haus liegen mehrere Männerarmbanduhren. Sie sind seine Beute aus dem Kaufhaus. „Dies ist alles, was wir noch haben“, sagt er. Der Mann hat traurige Augen. Auf seiner Brust sind große Narben einer früheren Verletzung zu sehen. Nun sind frische Wunden dazugekommen.

          Nur noch Ruinen: Rettungskräfte neben der ehemaligen Moschee in Palu

          Mehrere kleinere Erschütterungen hatten die Anwohner am Tag des großen Bebens in Unruhe versetzt. Am frühen Abend, als das Gebet anstand, fing die Erde plötzlich an, heftig hin- und herzuschwingen. Das Haus, in dem Helmi mit seiner Familie wohnt, hatte zum Glück nur ein paar Risse. Helmi erzählt, er sei hoch in den zweiten Stock gelaufen, um sich einen Überblick über die Zerstörung zu verschaffen. Seine Angehörigen, darunter die gehbehinderte Mutter, seien im Erdgeschoss geblieben. Nach ein paar Minuten sei zum ersten Mal Wasser ins Haus geströmt. „Meine Schwestern versuchten vergeblich, unsere beleibte Mutter hochzutragen. Als die zweite, größere Welle kam, war alles vorbei. Meine Schwestern liefen nach oben. Unsere Mutter mussten sie zurücklassen.“ Helmi sah zu, wie Autos und Gebäudeteile im tosenden Wasser an seinem Haus vorbeitanzten. Den verdrehten Körper seiner 64 Jahre alten Mutter findet er später in der Dunkelheit. Sie ist tot.

          Der Tsunami ist ein Schock, von dem sich Palu nicht so schnell erholen wird. Nach dem Erdbeben gab es eine Tsunami-Warnung, aber sie wurde nach rund einer halben Stunde aufgehoben. Zu früh, sagen manche. In Palu hatten viele ohnehin keine Warnung erhalten. Das mit deutscher Hilfe aufgebaute Frühwarnsystem hat den Tod vieler Menschen nicht verhindern können. Die genaue Ursache für die Monsterwelle ist noch nicht bekannt.

          Die Erde wurde weich wie zerlassene Butter

          Das Erdbeben führte auch zu einem gespenstischen geologischen Phänomen, bei dem die Erde weich wurde wie zerlassene Butter. Bei dieser Bodenverflüssigung wurden an mehreren Orten Hunderte Häuser und Menschen mitgerissen und von der Erde quasi verschluckt. Indonesiens Vizepräsident Jusuf Kalla, der selbst aus Sulawesi kommt, rechnet insgesamt mit Tausenden Toten. Auf Satelittenbildern ist die Bodenverflüssigung zu sehen.

          In Palu herrscht in den Tagen nach dem Unglück Chaos. Es gibt kein Benzin, kaum frisches Wasser und Nahrungsmittel. Einige Straßenzüge wirken wie die einer Geisterstadt. Rund eine Woche nach dem Tsunami normalisiert sich die Lage dann etwas, wenn auch langsam. Die ersten Hilfsgüter treffen ein, ein paar Geschäfte und Märkte werden wieder geöffnet. Die Fluggesellschaften fliegen zuerst Leute mit älteren Tickets aus.

          Auf dem Rückweg fahren wir noch einmal durch Donggala, im Nordwesten. Seit unserer Ankunft Tage zuvor hat sich kaum etwas verändert: der Schutt, die bettelnden Menschen, das stille Meer. In dieser Woche war das die Normalität.

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