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Nach dem Erdbeben in Bam : Mohammed gibt auf

  • -Aktualisiert am

Mundschutz tragen oder Bam verlassen? Bild: dpa/dpaweb

Tausende von Überlebenden haben die vom Erbeben zerstörte Stadt Bam in den vergangen Tagen verlassen. Nach einer Woche sind die hygienischen Verhältnisse in der Stadt Bam unerträglich geworden.

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          Tausende von Überlebenden haben die vom Erbeben zerstörte Stadt Bam in den vergangen Tagen verlassen. Nun packen auch die letzten Familien ihre aus den Trümmern geretteten Habseligkeiten zusammen und gehen. Die hygienischen Verhältnisse sind für die Zeltbewohner in Bam unerträglich geworden.

          Neben den Zelten und in den Abwässergräben häuft sich der Müll. Es stinkt, weil die Menschen die Palmenhaine und Hausruinen als Toilette benutzen müssen. Fließendes Wasser gibt es auch nach einer Woche nicht. Alle Zeltbewohner fühlen sich verdreckt, haben eine Woche nicht duschen und waschen können, und dies in der staubverhangenen Luft der Wüstenstadt.

          Eigenhändig ausgegraben

          Mohammeds Wunden an den Händen haben sich infiziert, dort, wo die Gerölltrümmer der Zimmerdecke auf ihn fielen. Sein Vater Akbar hatte ihn eigenhändig ausgegraben und ihm so das Leben gerettet. Akbars Frau packt, denn sie wird mit ihrer Tochter zur Verwandtschaft in die Provinzstadt Kerman ziehen - wie es Tausende von Überlebenden tun. Den geretteten Hausrat stellt die Familie in Bam in einem Haus unter, das noch steht. Doch wohl ist es dem 22 Jahre alten Mohammed nicht, als er die Kisten mit einigen zerbrochenen Bildern und zerbeulten Küchenutensilien in das Haus trägt. Die Wände haben tiefe Risse, in einigen Zimmern ist die Decke eingebrochen, und über dem Eingang hängt noch die Hälfte des Balkons in der Luft.

          In welchem Grab liegt wer?

          Mohammed beeilt sich, denn immer noch erschüttern Nachbeben die Stadt, sind die Leute von einstürzenden Zimmerdecken erschlagen worden, gerade als sie ihren Hausrat retten wollten, um Bam zu verlassen. Dann faßt sich Mohammed ein Herz und beschließt, das Grab seines besten Freundes auf dem Friedhof zu besuchen, bevor die Familie die Stadt verläßt. Es ist Freitag, exakt eine Woche nach dem Beben, und der Friedhof am Rand von Bam ist voll mit Trauernden. An den Gräbern sitzen Frauen und weinen, schreien ihre Verzweiflung heraus und schlagen sich fassungslos an den Kopf. In der Nähe arbeiten Bulldozer und Planierraupen. Sie haben tiefe Massengräber ausgehoben. Staub und Verwesungsgeruch hängen über dem Friedhof, denn noch immer werden Verschüttete gebracht, die erst jetzt geborgen wurden. Noch eine Woche nach dem Beben stehen die Geistlichen der Moschee auf dem Friedhof und zitieren den Koran, während die Bestatter routiniert und schnell die Toten in weiße Leinen einwickeln. Hohe Ballen des Tuchs sind in der Nähe aufgestapelt.

          Gräber kenntlich machen

          Mohammed läuft ziellos zwischen den Gräbern herum und sucht. Angehörige haben Gräber kenntlich gemacht, um sie ihren Familien zuordnen zu können: mit einer schönen Fliese aus den Trümmern des Hauses oder mit Trümmersteinen, auf denen sie den Namen der Familie gekritzelt haben, oder sogar mit einem Teil einer besonders schönen zerbrochenen Glastür des Hauses. Mohammed versucht über sein Mobiltelefon Familienmitglieder des Freundes zu erreichen, denn wo soll er auf dem Massenfriedhof suchen? Aber er erreicht die Leute nicht.

          Dann sucht er eben das Grab seiner Freundin - sie ist mit zwanzig Familienmitgliedern umgekommen - ein so großes Grab wird er bestimmt finden. Und so läuft er seufzend zwischen den Gräbern umher und überlegt, wie viele Meter ein Grab für zwanzig Menschen wohl breit ist, fünf Meter oder sieben Meter? Und welches dieser vielen so breiten Gräber ist es? Dies dort, auf das jemand so viele Gladiolen gelegt hat? Nein, es sind sechzehn Blumen. Oder das Grab daneben? Nein, da steht ein anderer Name am Grab.

          Fragebogen über Überlebende und Tote

          Mohammed gibt auf. Als er nach Hause zum Zelt seines Vaters kommt, steht ein Trupp des Roten Halbmonds vor dem Zelteingang und füllt einen Fragebogen aus: Wer lebt in diesem Zelt? Wie viele Überlebende gibt es? Tote in der Familie? Dann krakeln sie eine Registriernummer ans Zelt und gehen weiter, Straße um Straße durch die ganze Stadt. Sie sagen nicht, daß draußen vor der Stadt riesige Flüchtlingslager vom Iranischen Halbmond aufgestellt werden, und es gibt Gerüchte, die Stadt werde evakuiert.

          Dann steht plötzlich eine malaysische Rettungsmannschaft vor dem Zelt mit Funktelefon, und sie will wissen, was Akbars Familie braucht. Es ist das erste Mal - sieben Tage nach dem Beben -, daß sich eine internationale Hilfstruppe aus dem Ausland vor dem Zelt sehen läßt. Und sie sagen, sie würden nicht mit den UN und dem Roten Halbmond zusammenarbeiten. Draußen vor der Stadt haben zig Hilfsorganisationen ganze Zeltlager errichtet und reden viel von ihren Hilfsmaßnahmen. Aber bei den Zelten von Akbar und seiner Nachbarschaft war davon die ganze Woche nichts zu spüren. Die einzige ausländische Hilfe, die Akbar sehen konnte, waren die Trupps der Spürhunde, die die Trümmer absuchten. Alle Zelte, Decken, Heizgeräte, Essen, Trinkwasser wurden vom Roten Halbmond Irans geliefert. Und alles, was in die Zelte kam, war aus Iran: eine Woche Thunfisch, Bohnen, Kekse und Fladenbrot. Daß es viele internationale Hilfsorganisationen gab und noch gibt, die mit Spendengeldern in dem Erdbebengebiet Bam tätig sind, haben die Menschen innerhalb der Trümmerstadt nicht mitbekommen.

          Die Menschen verlassen Bam

          Und so funken die Malaysier an ihre Zentrale, daß eigentlich Toiletten, Duschen und Ärzte in die Stadt müßten, um die Zelte zu versorgen. Aber vielleicht ist es überflüssig, denn die Menschen verlassen Bam ja schon - nur Akbar nicht. Er will bleiben, sitzt vor seinem Zelt, blickt auf die Trümmer seines alten Hotels und träumt von einem neuen.

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