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Nach dem Brand in Wien : Marodes Parlament in Österreich

Eine dicke Rauchsäule über dem Parlament der Republik Österreich. Bild: dpa

Auch wenn das Feuer im Parlament der Republik Österreich am Freitag schnellt gelöscht werden konnte, eine Sanierung ist überfällig: Das Haus ist im Inneren baufällig, an vielen Stellen dringt Regen ein, Balken sind morsch, Träger verrostet.

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          Dramatische Bilder haben sich am Freitag früh den Bewohnern der Wiener Innenstadt geboten: Eine dicke Rauchsäule stand über dem Parlament der Republik Österreich. Eine Kühlanlage auf dem Dach des Gebäudes, das vor rund 130 Jahren fertiggestellt wurde, hatte Feuer gefangen. Durch einen Großeinsatz der Feuerwehr konnte der Brand rasch unter Kontrolle gebracht werden; nach einer Stunde wurde „Brand aus“ gemeldet. Die Ursache war zunächst unklar. Der parlamentarische Betrieb bleibt voraussichtlich unberührt. Schon am Vormittag tagte das Parlamentspräsidium wie gewohnt, kommende Woche soll auch die Plenarsitzung im Hohen Haus stattfinden.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Das Feuer wurde kurz nach 6.30 Uhr erstmals gemeldet. Insgesamt 70 Mann der Wiener Berufsfeuerwehr wurden mit 17 Fahrzeugen in Marsch gesetzt. Gelöscht wurde sowohl von außen mit Hilfe eines Drehleiterfahrzeugs, als auch durch Trupps im Haus. Durch die verwinkelten Gänge des historischen Gebäudes, in dem sich ein Besucher auf dem Weg zu einem Pressegespräch auch mal zur falschen Fraktion verirren kann, wurden die Feuerwehrleute von Parlamentsmitarbeitern geführt. Beschädigt wurden einige Arbeitsräume des SPÖ-Klubs (Fraktion) sowie die Fassade in einem Innenhof durch Löschwasser. Der in Brand geratene Kühlturm wurde vollständig zerstört. Menschen kamen nicht zu Schaden. Warum die Kühlanlage in Brand geriet, soll nun detailliert untersucht werden, wobei die zu- und abführenden Leitungen einbezogen werden.

          Das zentrale Gebäude der Ringstraße

          Das Parlament ist nicht nur architektonisch, sondern auch wegen seiner programmatischen Bedeutung das zentrale Gebäude der Ringstraße, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts anstelle der geschleiften Stadtmauern angelegt wurde. Es liegt der kaiserlichen Hofburg gegenüber, das klassizistische Äußere erinnert an die Anfänge der Demokratie im alten Griechenland.

          Baumeister war der gebürtige Däne Theophil Hansen, dessen Name mit vielen weiteren stattlichen Gebäuden an der Ringstraße verbunden ist. Das Haus ist im Inneren jedoch ziemlich marode, an vielen Stellen dringt Regen ein, Balken sind morsch, Träger verrostet. Nur dank wieder und wieder verlängerter Übergangsgenehmigungen musste das Parlament noch nicht aus Brandschutzgründen geschlossen werden. Ob wirklich „eine erhöhte Gefahr für Leib und Leben“ besteht, wie es in einem Gutachten schon 2009 hieß, sei dahingestellt. Schon um nicht nach jedem Vorfall zu einem Vergleich zwischen Bausubstanz und politischem Zustand zu reizen, ist Abhilfe nötig.

          Es hatte nicht erst des Vorfalls vom Freitag bedurft, damit eine Generalsanierung in Angriff genommen wird. Tatsächlich ist sie bereits für das kommende Jahr geplant – erstmals seit Errichtung des damaligen k.u.k. Abgeordnetenhauses, das bislang immer nur mal hier, mal da renoviert wurde. Für drei Jahre soll dann der politische Betrieb in die Hofburg und auf den Heldenplatz umziehen. Die Nationalbibliothek muss ein wenig zusammenrücken, und auf jenem wegen der einstigen Massenhuldigung an Adolf Hitler von Thomas Bernhard schmähend besungenen Platz sollen in Holzsteckbauweise Pavillons zur Beherbergung der Abgeordnetenbüros und Klubsäle errichtet werden. Bis all das steht, also mindestens bis Frühjahr 2017, sollte das alte Parlament aber möglichst noch halten.

          Dort soll die bauliche Sanierung dann auch zu wichtigen Umgestaltungen genutzt werden. Der Plenarsaal soll offener gestaltet werden, so dass von oben künftig nicht nur Tageslicht hereinscheint, sondern auch Zaungäste hineinblicken können. Dieses Programm erinnert an den Reichstag in Berlin. Diskutiert wird auch darüber, ob elektronische Abstimmungsverfahren ermöglicht werden. Gänge sollen begradigt, Winkel aufgelöst, Innenhöfe und Dachgeschoss genutzt werden, so dass das Haus 4500 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche bekommt, ohne eigentlich größer zu werden. Das Ganze soll 350 Millionen Euro kosten, plus 50 Millionen Euro für die Provisorien.

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