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Nach dem Beben und dem Tsunami in Japan : Die Todeslisten werden stündlich länger

  • Aktualisiert am

Schätzungsweise 100.000 Kinder wurden obdachlos Bild: dpa

Über dem Atomunfall in Fukushima gerät das Schicksal Tausender Opfer des Bebens im Nordosten Japans fast aus dem Blick: Etwa 100.000 Kinder haben ihr Zuhause verloren, Notunterkünfte sind überfüllt. Lebensmittel, Medizin und Strom fehlen.

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          Die Zahl der Todesopfer bei dem Erdbeben und dem nachfolgenden Tsunami am vergangenen Freitag in Japan ist am Dienstag nach offiziellen Angaben auf fast 2800 gestiegen. Als vermisst gemeldet wurden mehr als 2300 Personen. Die Verheerungen in Städten und Dörfern der besonders hart getroffenen Präfekturen im Nordosten des Landes lassen jedoch vermuten, dass die Zahl der Todesopfer noch beträchtlich steigen wird. In manchen Quellen war sogar von vermutlich mehr als 20.000 Opfern die Rede. Die japanischen Rettungskräfte setzten die Suche auch am Dienstag unvermindert fort. Die Chancen, noch Überlebende zu finden, sanken aber mit jeder Stunde.

          Einer der wenigen Lichtblicke der Katastrophenberichte aus Japan war deshalb am Dienstag die Nachricht, dass die Rettungskräfte eine alte Frau und einen jungen Mann lebend aus den Trümmern bergen konnten. Die 70 Jahre alte Sai Abe war mit ihrem Haus in der Stadt Otsuchi von der Riesenwelle nach dem Erdbeben weggespült worden. Sie wurde am Dienstag in ihrem Haus in der Präfektur Iwate im Nordosten des Landes von Feuerwehrleute gefunden und gerettet.

          Die Frau sei bei Bewusstsein, leide aber unter Unterkühlung und sei in ein Krankenhaus gebracht worden, sagte ein Feuerwehrsprecher. Abes Sohn sagte, er habe vergeblich versucht, seine Mutter zu retten. Sie habe nicht gehen können, weil ihre Beine zu schwach seien, und er habe sie nicht tragen können, sagte Hiromi Abe im Fernsehen. Seine Erleichterung über ihre Rettung werde aber dadurch getrübt, dass sein Vater immer noch vermisst werde.

          Viele Notunterkünfte im Nordosten Japans sind überfüllt

          Im Fernsehen wurde auch die Rettung eines weiteren Überlebenden gezeigt, der als Mann in den Zwanzigern beschrieben wurde. Er wurde in der Stadt Ishimaki in der hart getroffenen Präfektur Miyagi aus den Trümmern eines Gebäudes gezogen, nachdem Helfer seine Hilferufe gehört hatten.

          Die Notunterkünfte seien überfüllt

          Die japanische Regierung stellte am Dienstag in einem ersten Schritt umgerechnet 265 Millionen Euro als Notfallhilfe für die Bürger in den Katastrophengebieten bereit. Das Geld sei für Essen, Wasser, Decken und Medizin vorgesehen, wie Regierungssprecher Noriyuki Shikata am Dienstag im Kurzmitteilungsdienst Twitter mitteilte. Am Dienstag wurde Japan innerhalb weniger Minuten von zwei Nachbeben der Stärke 6,0 und 6,4 erschüttert. Das Epizentrum des ersten Bebens lag rund 325 Kilometer nordöstlich von Tokio vor der Küste von Fukushima in der Nähe des Orts, von wo aus sich am Freitag die verheerenden Erdstöße ausgebreitet hatten. In Fukushima steht das Atomkraftwerk, in dessen Reaktorblöcken mehrere Explosionen zu einer vom Betreiber als „sehr schlimm“ bezeichneten Lage geführt haben. Drei Minuten später brachte ein weiteres Nachbeben der Stärke 6,4 abermals Häuser in Tokio ins Wanken. Das Epizentrum lag 90 Kilometer südwestlich der japanischen Hauptstadt in der Präfektur Shizuoka. Tsunamis seien nicht zu befürchten, hieß es.

          Alte Menschen seien von der Lage im Katastrophengebiet besonders in Mitleidenschaft gezogen, berichtete am Dienstag Patrick Fuller von der Internationalen Vereinigung des Rotes Kreuzes am Dienstag aus dem Ort Ishinomaki im Nordosten. Dort fehle es überall es an Lebensmitteln, Medizin und Strom. Die Wassermassen des Tsunami haben ganze Häuser mit sich gerissen und Schiffe an Land geworfen. Die Notunterkünfte seien überfüllt, sagte Fuller, die Temperaturen lägen um den Gefrierpunkt. Hinzu komme die Angst vor der radioaktiven Strahlung.

          100.000 Kinder obdachlos

          Ein Beispiel von Tausenden ist der 61 Jahre alte Toshiyuki Suzuki, dem die Welle alles nahm, was ihm wichtig war – und lebensnotwendig ist. Das Wasser riss sein Haus mit. Sein 91 Jahre alter Vater kam in den Fluten um, ebenso der 25 Jahre alte Sohn. Suzukis Herzmedikamente wurden davongespült. Ins Krankenhaus kam er nicht, weil es an der Tankstelle kein Benzin mehr gab. Bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt seien viele Menschen unterkühlt und harrten frierend unter Decken aus, berichtete der Helfer Fuller aus Ishinomaki im Nordosten. Für diesen Mittwoch waren in einigen Regionen Schnee und Regen vorhergesagt.

          Die Kinderhilfsorganisation „Save the Children“ teilte am Dienstag mit, nach ihren Schätzungen hätten nach dem Beben und dem Tsunami in Japan auch 100.000 Kinder ihr Zuhause verloren. Die Kinderrechtsorganisation hat nun zusätzliche Helfer in das Katastrophengebiet entsandt, um dort gemeinsam mit örtlichen Kräften Schutzräume aufzubauen. Am Dienstag erreichte der australische Helfer Ian Woolverton von „Save the Children“ die verwüstete Stadt Sendai. „Es ist unglaublich kalt und nass“, sagte er. Die Menschen stünden in langen Schlangen für Nahrungsmittel an. Von den Kindern, mit denen er bislang gesprochen habe, habe keines die atomare Bedrohung durch das leck geschlagene Kraftwerk Fukushima erwähnt. Was ihnen Angst mache, sei der Tsunami, sagte Woolverton. In der Schule seien sie auf Erdbeben vorbereitet worden, aber nicht auf eine Flutwelle, hätten ihm die Kinder berichtet. Einige hätten nun Angst vor einer zweiten Welle und litten unter Schlafstörungen. „Save the Children“ hat nach Angaben von Sprecherin Maya Dähne zur Zeit etwa 40 Mitarbeiter in Japan, die meisten von ihnen seien japanische Kräfte.

          Hilfe für Japan

          Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) hat eine Liste von Hilfsorganisationen zusammengestellt, die Spenden für Japan sammeln. Das DZI in Berlin legt dabei Wert darauf, dass die Organisationen über internationale Kontakte verfügen und sich mit den Behörden und anderen Organisationen im Land gut abstimmen. So soll sichergestellt werden, dass die Hilfe wirklich ankommt.

          Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe e.V.

          Commerzbank, Konto 200 070 209, BLZ 508 800 50, Stichwort: „Japan Tsunami“

          Hilfe zur Selbsthilfe e.V.

          Commerzbank, Konto 240 003 000, BLZ 370 800 40, Stichwort: „Japan“

          Geschenke der Hoffnung e.V.

          Postbank Berlin, Konto 104 102, BLZ 100 100 10, Stichwort: „Erdbebenhilfe Japan“

          ChildFund Deutschland e.V.

          Bank für Sozialwirtschaft, Konto 778 00 06, BLZ 601 205 00, Stichwort: „Japan“

          Kinderhilfswerk Stiftung Global-Care

          VR-Bank Schwalm-Eder, Konto 21 21 21, BLZ 520 626 01, Stichwort: „8320 Nothilfe Japan“

          Caritas International

          Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, Konto 202, BLZ 660 205 00, Stichwort: „Tsunami“

          Diakonie Katastrophenhilfe

          Postbank Stuttgart, Konto 502 707, BLZ 600 100 70, Stichwort: „Erdbebenhilfe Japan“

          Aktion Deutschland Hilft

          Bank für Sozialwirtschaft, Konto 10 20 30, BLZ 370 205 00, Stichwort: „Erdbeben/Tsunami Japan“

          Deutsches Rotes Kreuz

          Bank für Sozialwirtschaft, Konto 41 41 41, BLZ 370 205 00, Stichwort: „Tsunami“

          World Vision Deutschland e.V.

          Volksbank Frankfurt, Konto 20 20, BLZ 501 900 00, Stichwort: „Erdbeben Japan“

          Quelle www.dzi.de

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