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Nach dem Beben : Hilfe in Chile erreicht Erdbebenopfer

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Nach dem Hauptbeben kam es immer wieder zu starken Nachbeben, elf wurden allein seit Dienstagnacht gemessen Bild: dpa

In der Erdbebenregion in Chile hat sich die Sicherheitslage nach den Plünderungen etwas beruhigt. Inzwischen sind auf dem beschädigten Flughafen von Santiago de Chile erste Hilfslieferungen aus Peru und Argentinien angekommen.

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          Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben ist in Chile erste Hilfe aus Lateinamerika eingetroffen. Nach Unruhen in den verwüsteten Regionen Chiles hat sich den Vereinten Nationen zufolge die Situation wieder stabilisiert. „Ja, es hat Plünderungen und Schießereien gegeben, das waren aber Einzelfälle. Wir können die Situation, den Umständen entsprechend, als ruhig bezeichnen“, sagte die stellvertretende UN-Nothilfekoordinatorin Catherine Bragg am Dienstag in New York. Die Regierung von Präsidentin Michelle Bachelet hatte dennoch vorsorglich weitere 7000 Soldaten in das Katastrophen-Gebiet südlich der Hauptstadt Santiago entsandt. Die Zahl der Bebentoten stieg auf knapp 800, während immer noch hunderte Menschen vermisst wurden.

          Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton sagte dem Land bei einem Kurzbesuch die Hilfe der Vereinigten Staaten zu. Bis Dienstagmittag galt in der von dem Beben schwer getroffenen Stadt Concepción eine Ausgangssperre. Am Vortag war es in Vororten der Stadt zu Schießereien zwischen organisierten Banden, bewaffneten Bürgerwehren und dem Militär gekommen. In der Gemeinde San Pedro de la Paz seien zwei Menschen getötet worden, sagte die Journalistik-Dozentin Claudia Lagos der Deutschen Presse-Agentur dpa.

          „Soziales Erdbeben“

          Fernsehkommentatoren sprachen von einem „sozialen Erdbeben“. „Eines muss klar sein: Damit Hilfe geleistet werden kann, müssen Ruhe und Ordnung herrschen“, betonte Verteidigungsminister Francisco Vidal. Die Wiederherstellung der Ordnung sei derzeit das größte Problem, die Lage sei explosiv. Die Hilfe für die rund zwei Millionen Hilfsbedürftigen lief langsam an. Helikopter brachten erstmals in größerem Umfang Lebensmittel und Medikamente auch in entlegene Küstenorte, die von einer bei dem Beben ausgelösten Flutwelle zum Teil zerstört worden waren. Die Strom- und Wasserversorgung konnte in einigen Bereichen wiederhergestellt werden.

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          Nach dem Beben : Hilfe in Chile erreicht Erdbebenopfer

          Viele Menschen plünderten Lebensmittelgeschäfte, da es vielerorts kein Wasser und kaum Essen gab. Die wegen solider Bauweise größtenteils nicht eingestürzten Geschäfte blieben trotz gut gefüllter Warenregale wegen Strommangels geschlossen. Während die meisten Menschen bei Plünderungen nur Grundnahrungsmittel mitnahmen, nutzten Kriminelle das Durcheinander für große Raubzüge. Bragg lobte die chilenische Regierung und die Katastrophenvorsorge des Landes. „Chile ist vielleicht das Land Lateinamerikas, das am besten für eine solche Katastrophe vorbereitet ist. Es hat außerordentlich strenge Bauvorschriften. Welches andere Land würde schon ein Beben der Stärke 8,8 so überstehen?“ Es gebe eine klare Führung, die sich auch in der Krise bewiesen habe. „Deshalb sind die Vereinten Nationen auch nur mit einem verhältnismäßig kleinen Team hier. Wir helfen gern, aber die Führung liegt in Chile.“

          Bisher habe das Land keine Lebensmittelhilfe angefordert. „Chile braucht Feldlazarette, weil auch einige Krankenhäuser eingestürzt sind. Zudem haben wir Wasseraufbereitungsanlagen angeboten und logistisches Material, zum Beispiel Satellitentelefone.“ Es sei aber nicht hilfreich, unkoordinierte Hilfe zu senden. „Hilfe ist willkommen, aber wir sollten auf klare Anforderungen aus Chile warten.“ Die Vereinten Nationen hofften, dass das Land die Folgen des Erdbebens aus eigener Kraft bewältigen könne.

          Zahl der Toten bei 795 - noch hunderte Vermisste

          Die Zahl der registrierten Todesopfer des Bebens vom Samstag gab Präsidentin Michelle Bachelet mit 795 an. Allerdings wurden in den von einem Tsunami verwüsteten Küstenregionen noch Hunderte von Bewohnern vermisst. Die genaue Zahl der Obdachlosen war unbekannt. Die Zahl der zerstörten oder beschädigten Wohnungen wurde mit etwa zwei Millionen angegeben. Eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation World Vision, Paula Saez, berichtete unterdessen von schweren Zerstörungen in den Regionen Bíobío und Maule. „Einige Städte wie zum Beispiel Chillan, Curico und Lota sind von der Außenwelt abgeschnitten und zum Teil komplett zerstört. Die Menschen brauchen dringend Nahrungsmittel und Trinkwasser. Manche Dörfer, wie beispielsweise Puerto Saavedra, erscheinen völlig menschenleer. Die Bewohner haben sich aus Angst vor weiteren Flutwellen in die umliegenden Wälder und auf höher gelegene Hügel zurückgezogen“, teilte die Organisation mit. Dichato, ein kleines Fischerstädtchen, sei völlig zerstört. Das Ausmaß der Schäden sei gigantisch. In vielen der kleinen, einst malerischen Küstenorte, hätten sich zurzeit des Erdbebens tausende Urlauber aufgehalten.

          In Concepción setzten Helfer die Suche nach Überlebenden in einem umgestürzten 14-stöckigen Wohnhaus fort. Sie versuchten, zu möglicherweise sieben Überlebenden vorzudringen. Internationale Hilfe US-Außenministerin Clinton sagte Chile bei ihrem Besuch langfristige Hilfe zu. In Gesprächen mit Bachelet und deren gewähltem Nachfolger Sebastián Piñera verschaffte sie sich einen ersten Eindruck vom Ausmaß der Katastrophe. Clinton brachte unter anderem Satellitentelefone mit, um die Kommunikation in den Katastrophengebieten zu verbessern. Zudem wollten die Vereinigten Staaten acht Anlagen zur Wasseraufbereitung, ein Feldlazarett, Stromgeneratoren, Medikamente und Behelfsbrücken liefern.

          Der peruanische Präsident Alan Garcia reiste persönlich in die chilenische Hauptstadt, um die Auslieferung von 30 Tonnen an humanitären Gütern zu überwachen, darunter ein Feldlazarett sowie Zelte und Decken für hunderttausende Menschen. Auch aus Argentinien traf ein Feldlazarett an Bord einer Militärmaschine ein.

          Bolivien sagte 40 Tonnen an humanitären Hilfsgütern und 40.000 Liter Trinkwasser zu. Die kubanische Regierung versprach nach Angaben des chilenischen Botschafters in Havanna die Entsendung eines 27-köpfigen Ärzte-Teams. Brasilien wollte medizinische Geräte
          und ein mobiles Krankenhaus in die Erdbebenregion schicken.

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