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Nach Bränden im Nationalpark : Ist Polens Umgang mit Wasser gefährlich?

Soldaten im von den schweren Bränden betroffenen Biebrza-Nationalpark in Polen Bild: EPA

Die verheerenden Brände im polnischen Biebrza-Nationalpark wurden am Sonntag zwar gelöscht, doch die Folgen sind schwer – und haben in Polen eine Debatte um den Umgang mit Wasser entfacht.

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          Mitten in der Corona-Krise wird Polen von einem zweiten Unglück heimgesucht: Acht Tage lang brannte die Landschaft im größten Nationalpark des Landes, den Feuchtgebieten am Fluss Biebrza. Fliehende Elche waren die Vorboten, die die Dorfbewohner auf die Katastrophe hinwiesen. Es brannten die unter der extremen Trockenheit leidenden Wiesen, Torf- und Schilfgebiete und der Wald auf fast 60 der knapp 600 Quadratkilometer, die der Park umfasst.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Erst am Sonntagabend konnte die Feuerwehr mitteilen, sie habe ihre Löscharbeiten, an denen auch Soldaten und sechs Flugzeuge mitwirkten, beendet und sei dabei, die vier Kilometer langen Hauptschläuche einzurollen. Einsatzleiter Marcin Janowski sagte, bei einem so großen Brand müsse menschliche Mitwirkung vorliegen. „Ob das aber absichtlich war oder unabsichtlich, durch Mangel an Vorsicht oder durch Dummheit, können wir derzeit nicht sagen.“

          Andrzej Grygoruk, der Nationalparkdirektor, setzte 10.000 Zloty (etwa 2200 Euro) als Lohn für den aus, „der den Brandstifter benennt.“ Es habe im Park zuvor bereits zwölf kleinere Brände gegeben. Grygoruk hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Ähnlich wie in den Wochen zuvor bei den Waldbränden in der Ukraine wird auch hier das Abbrennen von Wiesen oder Stoppelfeldern als Auslöser der Brände vermutet. Diese Jahrtausende alte Technik, die der Düngung dienen soll, ist zwar umstritten und in beiden Ländern verboten, wird jedoch immer noch gerne angewendet.

          Der etwa 130 Kilometer nordöstlich von Warschau beginnende Nationalpark zieht sich den Fluss Biebrza entlang bis zur weißrussischen Grenze. Er beherbergt etwa 400 Elche, daneben Wölfe, Fischotter und 19 verschiedene Amphibien und Reptilien. 195 oft sehr seltene Vogelarten brüten hier, darunter der Schelladler, der Kampfläufer und der im Schilf lebende Seggenrohrsänger. Der unscheinbare Vogel ist ein Symbol des Schutzes von Feuchtgebieten: Er wurde berühmt, als er im Rahmen der „Bonner Konvention“ zum Schutz wandernder Tierarten 2003 zum Gegenstand eines eigenen Memorandums wurde, das Staaten von Russland bis Senegal abschlossen.

          Polen leidet unter „tiefer Trockenheit“

          Ein Sprecher der Feuerwehr berichtete, seine Kollegen hätten „dramatische Bilder“ von verbrannten jungen Elchen und Rehen gesehen sowie einen Seeadler, der versucht habe, seinen Horst gegen die Flammen zu verteidigen und dabei ums Leben gekommen sei. Der Nationalpark hat inzwischen aus ganz Polen Angebote von Menschen bekommen, die bereit wären, vom Brand geschädigte Tiere in Pflege zu nehmen. Er antwortete, in aller Regel töteten die Flammen die Tiere, von verletzten Exemplaren sei bisher nichts bekannt. Zugleich überwiesen 35.000 Spender bis zum Wochenende umgerechnet etwa 730.000 Euro, die der Nationalpark den Freiwilligen Feuerwehren in der Region zur Verfügung stellen will.

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          Der Biebrza-Nationalpark ist bisher eher ein Geheimtipp für Naturfreunde gewesen. Katarzyna Ramotowska, Gründerin der Touristikfirma Biebrza Eco-Travel, wohnt in der Nähe und kennt das Gebiet gut. Auf Facebook warf sie den Behörden vor, die Gefahr eines Torfbrands lange geleugnet zu haben. „Dabei hat jeder von uns Anwohnern diesen Geruch seit Tagen gespürt.“ Fachleute befürchten, wenn der Schwelbrand in die unteren Schichten des Torfmooses vordringe, könne er dort Wochen und Monate unterirdisch weiterschwelen; nur heftige Regenfälle könnten da noch helfen. Torf, die Urform der Kohle, setze außerdem im Feuer besonders viel CO2 frei.

          Die Brände haben in Polen eine Debatte über den Umgang mit Wasser und über die Gefahren für die Landwirtschaft angestoßen. Seit 15 Jahren leide das Land unter sommerlicher Trockenheit, seit drei Jahren gebe es eine „tiefe Trockenheit“, sagte der Klimaexperte Zbigniew Karaczun. Leider habe die Regierung 2018 die Wasserwirtschaft im Land durch Schaffung des Staatsunternehmens „Polnische Gewässer“ zentralisiert, während der Umgang mit Wasser am besten auf der lokalen Ebene zu organisieren sei. Das Unternehmen verweist auf Gegenargumente und auf eine entsprechende Vorgabe seitens der EU, wie der Warschauer „Dziennik“ am Wochenende berichtete.

          Die Zeitung forderte, der Umgang mit Wasser müsse sich grundlegend ändern: Über Jahrhunderte sei es als Feind und Bedrohung gesehen worden, gegen das Meliorationsgräben und Dämme gebaut werden müssten. Ende August 2019 habe die polnische Landwirtschaft durch die Trockenheit etwa 660 Millionen Euro Verlust gemacht, und im Corona-Jahr könne es – auch aufgrund fehlender Arbeitskräfte aus der Ukraine – noch schlimmer werden. Die Lebensmittelpreise steigen bereits, und eine Fachzeitung befürchtet sogar, das Land könne sich aus einem Exporteur für Agrarprodukte bald in einen Importeur verwandeln, wenn die Trockenheit anhalte.

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