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Evakuierung möglich : Moorbrand: Katastrophenfall ausgerufen

  • Aktualisiert am

Rauchwolken steigen beim Moorbrand auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD 91) in Meppen auf. Bild: dpa

Wie der Landrat mitteilt, müssen womöglich die Einwohner dreier Gemeinden nahe des Bundeswehr-Testgeländes evakuiert werden. Experten warnen vor Gesundheitsgefahren. Von der Leyen will am Samstag in das Gebiet reisen.

          Weil aufkommender Sturm den Moorbrand auf einem Bundeswehr-Testgelände in Niedersachsen frisch anfacht, hat der Landkreis Emsland am Freitag den Katastrophenfall ausgerufen. Eine Evakuierung der Gemeinden Groß Stavern und Klein Stavern mit rund 1000 Einwohnern könne nicht mehr ausgeschlossen werden, teilte Landrat Reinhard Winter mit. „Eine ganz konkrete Prognose ist derzeit nicht möglich, dennoch ist zu erwarten, dass sich Rauchbelästigung und Funkenflug verschärfen.“ Am Nachmittag gab eine Sprecherin des Landkreises zudem an, dass womöglich auch die 7.500 Einwohner die Gemeinde Sögel evakuiert werden müssen.

          Der großflächige Moorbrand war vor mehr als zwei Wochen infolge von Raketentests der Bundeswehr ausgebrochen. Rauch zog zeitweise zu Orten, die mehr als 100 Kilometer von dem Brand entfernt liegen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) reist deshalb am Samstag in die betroffene Region. Ihr Ministerium räumte nach teils heftiger Kritik aus Niedersachsen ein, dass es im Informationsverhalten Verbesserungsbedarf gegeben habe, wie ein Sprecher am Freitag in Berlin weiter sagte.

          Zuvor hatten Ärzte angesichts des Moorbrandes bei Meppen für eine Ausweitung der Schadstoffmessungen in angrenzenden Ortschaften plädiert. „Es wäre aus meiner Sicht wichtig, in Gemeinden nahe dem Brandherd die Schadstoffkonzentration zu messen, um entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen“, sagte die Umweltmedizinerin Barbara Hoffmann der Deutschen Presse-Agentur.

          Der Landkreis sei gut vorbereitet und wolle keine Unruhe erzeugen. „Da der Schutz der Bevölkerung für uns an erster Stelle steht, möchten wir aber die Einwohner der Gemeinden frühzeitig darauf aufmerksam machen, dass eine Evakuierung nicht mehr undenkbar ist.“

          Laut der Satzung des Deutschen Landkreistages wird ein Katastrophenfall dann ausgerufen, wenn „das Leben oder Gesundheit zahlreicher Menschen oder Tiere“ in einem ungewöhnlich hohem Maße gefährdet sind. Auch eine eingeschränkte Versorgung der Bevölkerung oder eine enorm hohe Sachbeschädigung können Grund dafür sein, dass ein Katastrophenfall ausgerufen sind. Dann können überregionale Einsatzkräfte alarmiert und ein Krisenstab eingerichtet werden.

          Allerdings bemisst sich die Schwere der Lage nicht nur am vorliegenden Fall, sondern auch daran, welche Kapazitäten den zuständigen Behörden zur Verfügung stehen. Überschreitet ein Fall die Leistungsfähigkeiten der Einsatzkräfte vor Ort, wird auch dann der Katastrophenfall ausgerufen. Dazu befugt sind die jeweiligen Landkreise. Diese sind auch dafür verantwortlich, die „Abwehrmaßnahmen zu koordinieren“ und die benötigten Einheiten zur Verfügung zu stellen.

          Risiko für Patienten mit Lungenerkrankungen

          Nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums vom Donnerstag hat das Feuer auf dem Übungsgelände der Bundeswehr vorübergehend zu höheren Feinstaubwerten etwa in Süd-Oldenburg geführt. Dass die Messwerte bisher nicht deutlich verändert seien, könne daran liegen, dass die Messstationen nicht genau in der Abgasfahne liegen oder schon zu weit weg sind, erklärte die Expertin, die am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Düsseldorf forscht. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hatte sich am Donnerstag vor Ort ein Bild von der Lage verschafft und dabei noch betont, dass aktuell keine Gesundheitsgefahr für irgendjemanden bestehe.

          Patienten mit einer Lungenerkrankung könnten vermehrt Beschwerden bekommen, wenn sie höheren Feinstaub- oder NO2-Konzentrationen ausgesetzt seien, betonte Hoffmann. Auch das Risiko für Herz-Kreislaufbeschwerden steige. Weitere sensible Gruppen seien Säuglinge und kleine Kinder.

          Auch der Bundesverband der Pneumologen warnte vor Gesundheitsgefahren und widersprach damit der Bundeswehr. Schleimhäute würden auf die Feinstaubbelastung reagieren, ein Kratzen im Hals oder ein Hüsteln seien die Folge, sagte Verbandssprecher Michael Barczok am Donnerstag der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Für junge und gesunde Menschen sei dies unschädlich, für Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen aber ein „echtes Problem“.

          Bei dem Moorbrand werden Experten zufolge vor allem feine und ultrafeine Partikel, Stickoxide und verschiedene weitere Verbrennungsprodukte wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe freigesetzt.

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