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Moorbrand in Meppen : Brennende Fragen an die Bundeswehr

Gefahr durch Munitionsreste: Ein Löschfahrzeug spritzt Wasser in das Moor, das im Untergrund brennt. Bild: EPA

Den Moorbrand in Meppen riecht man inzwischen sogar in Schleswig-Holstein. Ein Politiker stellte Strafanzeige gegen Verwantwortliche der Bundeswehr.

          Die Rauchschwaden sind inzwischen bis nach Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein gezogen. Etliche Bürger haben dort wegen des stechenden Geruchs vor ihrer Haustür bei der örtlichen Feuerwehr angerufen, um vor einem Brand in der Nähe zu warnen. Doch der Brandherd liegt weit entfernt im westlichen Niedersachsen nahe der niederländischen Grenze.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          In der Nähe von Meppen brennt ein Moor auf einer Fläche von vier mal zwei Kilometern – das entspricht rund 1000 Fußballfeldern. Das Gelände gehört zur „Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition“ (WTD 91) der Bundeswehr und ist der größte Schießplatz Westeuropas. Etwa 1000 Feuerwehrleute, Mitarbeiter des Technischen Hilfswerk und der Bundeswehr kämpfen gegen den Brand, der so viel Rauch entwickelt, dass man ihn noch aus dem All deutlich erkennen kann.

          Ausgebrochen ist das Feuer bereits vor mehr als zwei Wochen. Am 3. September hatte ein Kampfhubschrauber auf dem Gelände zu Testzwecken eine Rakete ins Moor abgeschossen. Die Bundeswehr bemerkte das Feuer auch und ließ wie üblich ein spezielles Löschfahrzeug in das Moorgelände ausrücken. Das Fahrzeug gleicht einer Pistenraupe, wie sie in Skigebieten eingesetzt wird, fiel wegen eines Defekts kurz nach dem Beginn des Einsatzes aus. Das zweite Löschfahrzeug war gerade in der Reparatur. Die Bundeswehr versuchte trotzdem, das Feuer selbst unter Kontrolle zu bringen, und zog erst, als dies misslang und der Brand sich immer weiter ausbreitete, Hilfe von Technischem Hilfswerk und Feuerwehr hinzu.

          Nach einem Raketentest brennt in Meppen das Moor.

          Moorbrände sind schwer zu bekämpfen, weil Torf leicht brennbar und obendrein wasserabstoßend ist. Auf dem Areal der WTD 91 wurde er niemals abgestochen, weil das Gelände schon seit 1877 militärisch genutzt wird. Das Moor ist dort wie in anderen Gebieten des Emslandes aber entwässert worden. Brände können so bis tief ins Erdreich vordringen und sich unterirdisch weiter ausbreiten.

          Zusätzlich erschwert wird der Einsatz der Brandbekämpfer dadurch, dass das Gebiet blindgängergefährdet ist. Die Einsatzkräfte können den Brand nur vom Rand her bekämpfen und sollen das Moorgebiet, in dem noch Munition vermutet wird, nicht betreten. Stattdessen pumpen die Einsatzkräfte nun Wasser in den Boden, setzen Hubschrauber zum Löschen ein, graben Kanäle und schlagen Schneisen in den Wald.

          Experten vermuten, dass es wegen der erschwerten Bedingungen noch ein bis zwei Wochen dauern wird, bis die letzten Glutnester erstickt worden sind. Eine Gesundheitsgefährdung durch den Rauch sieht die Bundeswehr, die fortwährend Messungen durchführt, nicht. Auch sind derzeit keine Evakuierungen anliegender Orte geplant. Das Land Niedersachsen stand zeitweilig kurz vor einer solchen Entscheidung und hat bereits Vorkehrungen dafür getroffen.

          Zu parteiübergreifendem Unverständnis in der Landeshauptstadt Hannover führt das Gebaren der Bundeswehr in dem Fall. „Wenn ich ehrlich sein soll: Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, nach diesem trockenen Sommer ausgerechnet im Moor Schießübungen zu veranstalten“, sagt der niedersächsische Ministerpräsident Stefan Weil (SPD). Auch Umweltminister Olaf Lies (SPD) stellt dem Verteidigungsministerium in Berlin die Frage, wie es überhaupt zu dem Brand kommen konnte: „Wenn jetzt auch noch klar ist, dass das Löschfahrzeug nicht einsatzfähig war, dann ist es mehr als fahrlässig.“

          Die Kommunikation der Bundeswehr wird ebenfalls kritisiert. Innenminister Boris Pistorius (SPD) sagte am Donnerstag, offiziell seien die zuständigen Landesbehörden bis heute nicht von der Bundeswehr über das Feuer unterrichtet worden. Inoffiziell habe er vom dem Feuer erfahren, als es bereits zehn Tage lang brannte. Pistorius hält das für „nicht nachvollziehbar“. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Dirk Toepffer hält auch die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr für „stark verbesserungswürdig“. Vor wenigen Tagen hatte ein Sprecher der Bundeswehr kundgetan, man würde den Munitionstest trotz der extremen Trockenheit wieder so durchführen. Nun heißt es von der Bundeswehr, der gesamte Vorgang werde selbstverständlich intern noch einmal geprüft.

          Der Grünen-Politiker Christian Meyer hat wegen des Brandes Strafanzeige gegen Verantwortliche der Bundeswehr gestellt. „Jeder andere, der im Moor bei einer solchen Gefahrenlage aufgrund extremer Trockenheit zündelt oder auch nur eine Zigarettenkippe wegwirft, müsste sich strafrechtlich verantworten.“

          Unabhängig von der Strafanzeige des früheren Landwirtschaftsministers hat die Staatsanwaltschaft Osnabrück inzwischen von sich aus ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. „Da kommen Branddelikte in Betracht, insbesondere die Brandstiftung und möglicherweise auch Umweltdelikte, wenn besonders geschützte Gebiete wie Naturschutzgebiete betroffen sind“, sagte ein Sprecher.

          Der große Schaden für die Umwelt ist ein weiterer Aspekt des Feuers. Moore speichern extrem viel Kohlendioxid. Durch den Brand bei Meppen könnten bisher bereits 500.000 Tonnen Kohlendioxid freigesetzt worden sein, schätzt der Naturschutzverband Nabu. Das entspricht dem jährlichen Ausstoß von etwa 50.000 Menschen. Und der Deutsche Wetterdienst meldet, dass an diesem Freitag eine Kaltfront über das Gebiet ziehen wird. Sturmböen mit einer Geschwindigkeit von 75 Kilometern in der Stunde könnten den Brand weiter anheizen.

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