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Schriftsteller Mia Couto : „Eine fast schon irreale Tragödie“

Schwer getroffen: Beira ist mit mehr als 500.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Moçambiques und ein wichtiger Hafen der Region. Bild: Juergen Escher/laif

Der Wirbelsturm Idai hat weite Landstriche Moçambiques zerstört. Besonders hart getroffen wurde Beira, die Heimatstadt des Schriftstellers Mia Couto. Ein Gespräch über eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes.

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          Herr Couto, vor dem Wirbelsturm Idai hatten die meisten Menschen hier in Deutschland noch nie von Beira gehört. Sie sind dort geboren und aufgewachsen. Wie würden Sie die Stadt beschreiben?

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Bis vor kurzem war Beira die zweitwichtigste Stadt Moçambiques. Ein wichtiger Hafen der Region, verbunden mit Zimbabwe, Sambia und Malawi, gut eine halbe Million Einwohner. In den vergangenen Jahren aber sind andere Städte schneller gewachsen, so dass Beira heute auf Platz vier liegt, was Einwohnerzahl und wirtschaftliche Bedeutung angeht. Das sind die Fakten. Beira ist aber auch meine Stadt. Es ist, als hätte sie mich in ihren Armen durch meine Kindheit und Jugend getragen. Ich bin dort gleich mehrmals geboren worden, nicht nur physisch. Ich habe in dieser Stadt die Welt erblickt, bin dort als Schriftsteller geboren worden. Sie ist voll von Geschichte und Geschichten.

          Was ist das Besondere der Geschichte?

          Sie ist so widersprüchlich. Beira war eine Kolonialstadt, aber sie wurde bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht von der portugiesischen Regierung, sondern unter Konzession von einer privaten Gesellschaft verwaltet. Dieses Unternehmen gehörte mehr oder weniger den Briten. Und so gab es die ersten Konflikte nicht entlang der Rassengrenzen. Es waren die Portugiesen, Europäer, Weiße, die sich unterordnen mussten, die von Briten und Südafrikanern diskriminiert wurden. Die Stadt war wie eine Schule für die Komplexität der Kolonialherrschaft. Es gab Apartheid, nicht offiziell, aber in Beira war die Rassentrennung am stärksten. Die schwarzen Bewohner durften Geschäfte nicht betreten, durften nicht auf den Bürgersteigen gehen. Zugleich entstand Beira mitten in einem Sumpfgebiet, so dass es nicht möglich war, die Viertel der Schwarzen weit entfernt von den Vierteln der Weißen zu bauen. Ich musste nur die Straße überqueren, dann war ich in Afrika, in Bezug auf die Menschen, die Geschichten, die Musik.

          Sie schreiben gerade ein Buch über diese Kindheit in Beira. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

          Ich bin ein Grenzgänger. Ich bin Sohn von Europäern, aber Afrikaner. Ich bin weiß, aber Moçambiquaner. Ich bin Schriftsteller und Wissenschaftler, aber die Stadt hat mir die Grenze zu den Erzählungen, zur Kultur und den lokalen Sprachen geöffnet. Als Kind habe ich eine der lokalen Sprachen von Beira gesprochen. Das hat für mich die Tür in ein anderes Universum geöffnet. Deshalb bin ich dieser Stadt in Dankbarkeit verbunden, die es mir ermöglicht, so etwas wie eine Drehtür zwischen zwei Welten zu sein.

          Mia Couto ist der bekannteste Schriftsteller Moçambiques.

          Sie haben dann in der Hauptstadt Maputo Biologie studiert – und leben dort bis heute. Als der Wirbelsturm vor zwei Wochen Beira traf, soll er bis zu 90 Prozent der Stadt zerstört haben. Was haben Sie von Ihren Freunden und Bekannten dort gehört?

          Das erste große Drama war, dass wir drei Tage lang überhaupt nichts hörten. Die Telefone funktionierten nicht, es gab keine Möglichkeit zu erfahren, ob sie noch lebten, ob sie verletzt waren. Erst nach und nach hörte ich dann von ihnen, meinen Kindheitsfreunden und Schriftstellerkollegen. Und zum Glück war keiner von ihnen ums Leben gekommen. Aber ihre Häuser sind zumindest teilweise zerstört. Einige leben in der Küche, weil nur die ganz geblieben ist. Es gibt kein fließend Wasser, Strom nur tagsüber für ein paar Stunden. Es ist eine sehr schlimme Situation.

          Haben Sie darüber nachgedacht, selbst nach Beira zu fahren, um zu helfen?

          Ja, immer wieder. Aber erst war es gar nicht möglich, weil die Straßen zerstört waren und keine Flüge gingen. Und dann merkte ich, dass diejenigen, die dort waren, auch nicht so richtig weiterwussten, weil alles so chaotisch und unkoordiniert war. Und meine Freunde in Beira sagten mir, dass ich von hier aus mehr erreichen könnte, mit Internet, mit Telefon, so wie ich es jetzt gerade tue: die Welt auf diese Katastrophe aufmerksam zu machen.

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