https://www.faz.net/-gum-9lbg0

Schriftsteller Mia Couto : „Eine fast schon irreale Tragödie“

Was wird Ihrer Meinung nach in Beira und den anderen betroffenen Gebieten nun am dringendsten benötigt?

Das ist schon der erste Punkt: Beira ist nur ein Teil dieser Tragödie. Der größere Teil spielt außerhalb von Beira, weit weg von der Stadt. Auf dem Land sind ganze Familien, ganze Dörfer ausgelöscht worden. Wir wissen noch immer nicht, wie viele Menschen getötet wurden. Klar ist, dass jetzt die Gefahr besteht, dass sich Krankheiten wie Cholera und Malaria ausbreiten, denn die sind in der Region endemisch. Die Gesundheitsversorgung sollte jetzt also höchste Priorität haben.

Moçambique ist eines der ärmsten Länder der Welt. Wie würden Sie den Gemütszustand des Landes im Angesicht dieser Katastrophe beschreiben?

Der ist ambivalent, würde ich sagen. Einerseits sind wir bestürzt, und viele wollen noch immer nicht glauben, was da passiert ist, so irreal, so absurd erscheint die Dimension dieser Tragödie. Anderseits fangen die Menschen nach diesem Schock, nach dieser großen Apathie an zu reagieren. Es gibt eine große Solidarität in Moçambique. Jeder versucht, irgendwie zu helfen. In Beira haben sie laut meinen Freunden schon angefangen, die Stadt wiederaufzubauen, so weit sie eben können. Sie haben begonnen, die Häuser, Schulen und Krankenhäuser aufzubauen. Aber natürlich ist Moçambique auf Hilfe von außen angewiesen. Ohne wird es dem Land nicht gelingen, sich wieder aufzurichten.

Idai ist nicht der erste Wirbelsturm, der Beira trifft. Und eine Ihrer ersten Kurzgeschichten handelt von schlimmen Überschwemmungen. „Der Regen regnete, bis die Brunnen anfingen, Wasser zu spucken“, schrieben Sie damals. War die Katastrophe vorhersehbar?

Ja. Die gesamte moçambiquanische Küste wird regelmäßig von Wirbelstürmen getroffen. Ich war ein Kind, als der Zyklon Claude Beira 1962 traf. Ein extrem starker Zyklon und trotzdem richtete er nicht so große Schäden an wie jetzt Idai. Als Land aber, das so gefährdet ist, müsste Moçambique vorbereitet sein, müsste Mechanismen entwickeln, um sofort zu reagieren. Unsere Regierung hat das Ausmaß der Katastrophe nicht erkannt. Der Notstand, die Hilfe, alles kam zu spät. Wir dürfen nie wieder so überraschend getroffen werden.

Haben Sie Angst, dass das Beira Ihrer Kindheit, das Beira Ihrer Bücher, aufgehört hat zu existieren?

Diese Angst habe ich, ja. Zugleich ist es wichtig, die Möglichkeit zu ergreifen, die Stadt neu zu denken, denn sie liegt wirklich schlecht. Beira liegt unter dem Meeresspiegel, Sumpfgebiete wurden überbaut, Flussarme zugeschüttet. Deshalb gibt es immer wieder Überschwemmungen. Und wir sollten nicht die Vergangenheit beschwören, sondern darüber nachdenken, wie die Stadt neu errichtet werden kann.

Noch immer sind ganze Landstriche überflutet – so wie in Ihrer Kurzgeschichte, in der Sie die Rettung eines alten Mannes beschreiben: „Jetzt, wohin? Überall ist nur Wasser, auch dort, wo das Boot herkam, ist Wasser. Es ist auch schon kein Boot mehr, sondern eine Insel mit Motor.“ Sind Sie darüber erschrocken, wie sehr die Realität nun Ihrer Fiktion von damals ähnelt?

Ich habe die Kurzgeschichte noch einmal gelesen, weil ich mich schon gar nicht mehr daran erinnerte. Und was für mich davon noch heute gilt, ist die Einstellung des Alten, der sagt: „Sie haben mich vor dem Tod gerettet, aber wer wird mich vor dem Leben retten?“ Es reicht nicht, die Menschen aus den Fluten zu retten und dann sich selbst zu überlassen. Wir müssen auch an die weniger aufsehenerregende Zeit denken, wenn die Zeitungen und Fernsehsender das Interesse wieder verlieren. An die Zeit, in der Moçambique wieder auferstehen muss, nicht nur in Beira, denn der Wirbelsturm und die Fluten haben ja fast das halbe Land getroffen.

Topmeldungen

Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.