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Mehr als 200 Opfer nach Erdbeben : Nur das Gefängnis mit den Bossen hielt

Bergung einer 24 jährigen Studentin Bild: dpa

Italiens ehemals oberster Katastrophenschützer Franco Barberi klagt über die schlechte Erdbebenvorsorge seines Landes: „Das gleiche Erdbeben in Japan oder Kalifornien hätte wahrscheinlich nicht einmal ein einziges Todesopfer gefordert.“

          Wären die bislang 228 Erdbebenopfer in L'Aquila und Umgebung zu vermeiden gewesen? Zwar konnten nach dem Erdbeben in den Abruzzen viele Verschüttete und Verletzte schnell geborgen werden. Dennoch hat einer der führenden Fachleute Italiens gegenüber Politik und Bauwirtschaft schwere Vorwürfe erhoben. „Das gleiche Erdbeben in Japan oder Kalifornien hätte wahrscheinlich nicht einmal ein einziges Todesopfer gefordert“, sagte der frühere Chef des italienischen Katastrophenschutzes, Franco Barberi, im italienischen Fernsehen.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Der ausgewiesene Vulkanologe und Erdbebenfachmann, zudem Ehrenvorsitzender des Fachausschusses für die Risikobewertung, lässt kein gutes Haar am Umgang der Italiener und der Regierenden mit dem Erdbebenrisiko. Es sei beschämend, dass ausgerechnet die als „strategisch“ angesehenen öffentlichen Bauten in L'Aquila zu Bruch gegangen seien.

          Polizei und Krankenhaus stark demoliert

          Die Präfektur, der Sitz der staatlichen Verwaltung in der Provinz, ist zusammengebrochen. Das Polizeihauptquartier ist einsturzgefährdet. Das staatliche Krankenhaus, nach jahrzehntelanger Bauzeit erst 2000 eröffnet, ist ebenso größtenteils unbenutzbar.

          Bergung einer 24 jährigen Studentin Bilderstrecke

          „Eigentlich hatte ich gedacht, dass all die modernen Bauten auch erdbebensicher seien“, sagte verwundert Italiens bekanntester Gastgeber von Fernsehdiskussionen, Bruno Vespa, der selbst aus L'Aquila stammt. Leider habe er feststellen müssen, dass die Überzeugungen getrogen hätten. Geradeunter den öffentlichen Gebäuden sind auch einige neue beschädigt. Ein Studentenheim etwa ist in sich zusammengestürzt. Ausgerechnet Studenten, die vor dem Unfrieden im Gaza-Streifen in eine beschauliche italienische Provinzstadt geflohen waren, kamen dort nun bei einem Erdbeben in einem besonders unsicheren Gebäude ums Leben.

          Mafiabosse müssen in einen anderen Knast

          Einzig das staatliche Gefängnis von L'Aquila mit vier gefährlichen Mafiabossen in Einzelhaft hat keine Schäden erlitten. Dennoch müssen die Häftlinge jetzt aus L'Aquila wegverlegt werden, weil eine Reihe von Aufsehern des Gefängnisses nun keine private Bleibe mehr haben.

          Nach dem letzten Erdbeben in Italien nahe der Adriaküste in der süditalienischen Region Molise hatten die Politiker 2002 geschworen, dass sich Ereignisse wie in San Giuliano di Puglia nicht mehr ereignen sollten. Dort waren alle Gebäude schwer beschädigt worden. Ganz eingestürzt war aber nur die Schule, ein ganzer Jahrgang Erstklässler kam dabei ums Leben.

          Risikovorschriften wurden nicht umgesetzt

          Seither haben die Fachleute viel Arbeit geleistet. Das Erdbebenrisiko des ganzen Landes wurde untersucht. Alle Orte Italiens wurden in vier Risikostufen eingeteilt: hochgefährdet sind das östliche Friaul, die Abruzzen, der südlichen Apennin bis Kalabrien und schließlich Südostsizilien. Am wenigsten bedenklich sind dagegen der Nordwesten von Piemont und Sardinien. Die Karte vom April 2004 sollte dann aber auch Konsequenzen haben: Ein Regierungsdekret vom Oktober 2005 schreibt für alle öffentlichen Bauten in gefährdeten Regionen bis ins Detail vor, wie die Gebäude gesichert werden sollen. Doch wie so vieles in Italien blieben auch diese Vorschriften nur auf dem Papier, denn die Übergangsfristen, in denen noch nichts gemacht werden musste, wurden immer wieder verlängert, zuletzt bis zum Juni 2009.

          Eine Reihe von Unarten auf dem Bau, die in Italien besonders weit verbreitet sind, haben die Risiken weiter erhöht: „Ein solides gebautes Gebäude sollte auch einem mittleren Erdbeben standhalten“, sagt der römische Architekturprofessor Paolo Rocchi. „Doch nach jeder Katastrophe können wir wieder sehen, wie öffentliche Gebäude zusammenbrechen.“ Das lieg ganz simpel an mager angemischtem Sparzement oder an falsch montierten Trägern.

          1,3 Milliarden Euro Schaden an öffentlichen Gebäuden

          Bei Bau der privaten Häuschen ist in Italien schließlich die Schwarzarbeit gang und gäbe. Viele Häuser sind ohne Genehmigung gebaut oder auf illegale Weise erweitert worden. Die Regierungen, die dafür schließlich eine Amnestie erlassen haben, zuletzt Silvio Berlusconi 1994 und 2001, konnten sich besonderer Beliebtheit erfreuen. Doch mit den Amnestien wurden nie die technischen Eigenschaften der Häuser kontrolliert. Es genügte, wenn die illegalen Bauherren ihre Ablassgebühr an das Finanzamt überwiesen.

          Weil nun an eine dritte Amnestie nicht zu denken ist, will Silvio Berlusconi die lahmliegende Wirtschaft mit einem Hausbauprogramm beleben, das Hausbesitzern Erweiterungen von bis zu 20 Prozent des Volumens ohne besondere Baugenehmigung erlauben soll. Nun sind aber besorgte Stimmen laut geworden, die eine Erlaubnis für Anbauten mit zusätzlichen Sicherungen gegen Erdbeben verbinden wollen.

          Italiens oberster Katastrophenschützer Guido Bertolaso hat indessen den Politikern schon seit Jahren vorgerechnet, dass es auf lange Sicht viel billiger komme, den Katastrophen vorzubeugen als jedes Mal den Schaden zu beseitigen. Bisher hat er aber weder die Italiener noch ihre Politiker zum Handel bewegen können. Der Minister für Transport und Infrastruktur hat unterdessen mitgeteilt, das Erdbeben in L'Aquila habe allein an öffentlichen Bauten Schäden von umgerechnet mehr als 1,3 Milliarden Euro verursacht.

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