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Massive Flugausfälle durch Aschewolke : „Schlimmer als nach dem 11. September“

Die Aschewolke auf einer Aufnahme vom 1. April Bild: dpa

Das Ausmaß der Unterbrechungen im Luftverkehr durch den Ascheregen aus Island ist ohne Beispiel - es ist größer als nach dem 11. September 2001, als sämtliche Transatlantikflüge eingestellt und der Luftraum über London, Washington und New York geschlossen worden war.

          Die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull hat einen vollständigen Zusammenbruch des Flugverkehrs in Großbritannien und über großen Teilen Nordeuropas bewirkt. Der wichtigste europäische Umsteigeflughafen, London-Heathrow, wurde am Donnerstagmittag für den Flugverkehr geschlossen, auch alle anderen Verkehrsflughäfen im Vereinigten Königreich stellten den Betrieb ein. Einige Transatlantikflüge, die schon nach Heathrow unterwegs waren, wurden umgeleitet, sämtliche nationalen und europäischen Flugverbindungen wurden gestrichen. Die europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol schätzte, dass insgesamt 4000 Flüge wegen des Vulkanstaubs am Donnerstag ausfallen mussten. Weitere massive Flugstreichungen, Umleitungen und Verspätungen werden für Freitag erwartet.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Deutschland ist am Donnerstag angesichts der Behinderungen im europäischen Flugverkehr wegen der Aschewolke aus Island glimpflich davongekommen. So war der Düsseldorfer Flughafen durch den Vulkanausbruch nur indirekt beeinträchtigt, weil bis zum frühen Nachmittag 44 Flüge von und nach Großbritannien und Skandinavien annulliert worden waren. Am Flughafen Köln/Bonn entfielen neun, in Münster/Osnabrück drei Flüge. Betroffen waren in Köln/Bonn Verbindungen nach Dublin, London, Manchester, Stockholm und Kopenhagen sowie in Köln/Bonn nach London. Da Düsseldorf seit der Schließung anderer Flughäfen als Ausweichflughafen genutzt wurde, lag die Zahl der Flugbewegungen trotz der Annullierungen am Donnerstagnachmittag bei rund 600.

          Das Ausmaß der Unterbrechungen ist ohne Beispiel

          Die europäische Flugsicherungsbehörde Eurocontrol wollte wegen der nach Kontinentaleuropa ziehenden Aschewolke am Mittag Teile des deutschen, belgischen und niederländischen Luftraums schließen. Dazu kam es zunächst doch nicht.

          Sehr schnell gelangte sie in die Höhe, daher wurde sie auch schnell nach Europa geweht

          Die britische Nationale Flugsicherung (NATS) begründete die Schließung der Verkehrsflughäfen mit den möglichen Schäden, die Stein- und Glaspartikel an den Triebwerken der Flugzeuge anrichten könnten. Sie bestätigte, das Ausmaß der Unterbrechungen im Luftverkehr sei ohne Beispiel – es sei größer als in den Tagen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, in denen sämtliche Transatlantikflüge eingestellt und der Luftraum über London, Washington und New York geschlossen worden war.

          In den Motoren zu Glasklumpen

          Der Vulkanausbruch am Eyjafjallajökull ist die zweite Eruption im Süden Islands binnen eines Monats. Anders als bei dem ersten Ausbruch werden dieses Mal Staub und Steinpartikel offenbar in große Höhen von bis zu 20.000 Metern geschleudert, wo sie sich rascher verbreiten und nach der Auffassung von Luftsicherheitsfachleuten eine ernstere Gefahr für Flugzeugtriebwerke darstellen können.

          Der britische Fernsehsender BBC zitierte am Donnerstag Geologen und Vulkanologen mit der Einschätzung, die Partikel der Staubwolke stellten gegenwärtig keine direkte Gesundheitsgefahr für Menschen und Tiere dar, da sich die Wolke in extremen Höhen bewege. Sie könnten jedoch durchaus Flugzeug-Turbinen verstopfen, indem sie wegen der herrschenden hohen Verbrennungstemperaturen in den Motoren zu Glasklumpen verschmölzen. Überdies könne der feine Vulkanstaub die Ventilationsdüsen der Motoren verschließen. Außerdem halten Fachleute für möglich, dass der feine Staub die Cockpitfenster von Flugzeugen abschmirgeln und die Sicht behindern könne.

          Ein Pilot erinnert sich

          Vor fast 30 Jahren wurden Passagierflugzeuge der British Airways und der Singapore Airways beschädigt, die in eine Asche-Wolke über Indonesien flogen – alle Triebwerke dieser Flugzeuge fielen anschließend aus. Der frühere Präsident des königlich-britischen Luftfahrtverbands, Stewart John, erinnerte sich, dass der Pilot des Jumbo-Jets von British Airways über Indonesien schließlich eines der vier Triebwerke wieder in Gang bringen konnte. Der Pilot habe dann mehrfach den Schub im Triebwerk an- und abgeschaltet um den Staub herauszupusten. Die Pilotenhandbücher seien nach diesem Vorfall um Hinweise ergänzt worden, dass bei der Begegnung mit Aschewolken die Flughöhe sofort vermindert und die Triebwerksleistung begrenzt werden solle.

          Von den Einschränkungen im Flugverkehr waren am Donnerstagmorgen zunächst nur die Flughäfen im schottischen Norden Großbritanniens betroffen. In Aberdeen wurde schon morgens der Verkehr eingestellt. Auch Hubschrauberflüge zu den Bohrinseln in der Nordsee vor der schottischen Küste mussten ausfallen. Der Sprecher einer Ölgesellschaft sagte, solche Versorgungsunterbrechungen aufgrund der Witterung seien nicht ungewöhnlich; die Beschäftigten auf den Bohrplattformen seien an derartige Verzögerungen gewöhnt.

          Spektakuläre Sonnenuntergänge

          Die schottische Seenotrettung organisierte am Donnerstag den Transport eines Schwerkranken mittels Hubschrauber in ein Londoner Krankenhaus, nachdem der Flug ausfiel, mit dem er planmäßig hätte nach Süden reisen sollen. Die Fluglinie British Airways bot am Donnerstagnachmittag allen Reisenden, die wegen der Aschewolke ihre Flüge nicht antreten konnten, entweder Entschädigungen oder Ersatzflüge zu einem späteren Zeitpunkt an.

          Die britischen Wetterbehörden beobachteten am Donnerstag den Weg der Wolke mittels Satellitenbildern. Es hieß, die exakte Konsistenz der Wolke – und damit ihre Gefährlichkeit – seien schwer zu bestimmen, da sie nicht durchflogen und keine direkten Proben genommen werden könnten. Es werde vom Wind und von anderen Wetterereignissen, etwa von aufkommendem Regen abhängen, wann der Flugverkehr über Großbritannien und Nordeuropa wieder aufgenommen werden könne. Der Vulkanforscher David Rothery prophezeite im Sender BBC, der Vulkanstaub werde in den nächsten Tagen für „spektakuläre Sonnenuntergänge“ sorgen.

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