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Loveparade-Angehörige : „Jeder weiß, dass nichts mehr gut ist“

Den Prozess als quälend erlebt: Gabriele Müller im Juni in ihrem Wohnzimmer; im Sommer vergangenen Jahres ist auch ihr Mann gestorben. Bild: Jana Mai

Gabriele Müller verlor ihren Sohn Christian bei der Loveparade-Tragödie in Duisburg. Zehn Jahre später hat sie das Gerichtsverfahren hinter sich gebracht. Eine befriedigende juristische Aufklärung sieht sie darin nicht.

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          Ein bisschen hektisch war es geworden, als Christian plötzlich nicht recht wusste, was er anziehen sollte. „Mama, sind die Klamotten besser oder diese?“, wollte er wissen, bevor er sich dann bestens gelaunt auf den Weg zur Bahn machte, um gemeinsam mit den anderen aus der Clique zur Loveparade nach Duisburg zu fahren. „Passt auf euch auf, macht nicht zu viel Blödsinn“, rief Gabriele Müller ihrem Sohn noch hinterher. Echte Sorgen machte sie sich nicht, Christian war schließlich schon 25.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          So schien der 24. Juli 2010 unbeschwert dahinzufließen wie viele andere Samstage. Nachmittags besuchte Gabriele Müller ihre Eltern. Gegen 18 Uhr fuhr sie noch rasch zum Supermarkt ins „Dorf“, wie die Leute in Hamm-Herringen ihren Stadtteil nennen. Im Autoradio lief eine CD von Christian, er hatte den Wagen am Vorabend gehabt. Weil Gabriele Müller die Songs ganz in Ordnung fand, ließ sie die CD laufen, statt Radio zu hören.

          An der Fleischtheke bediente ein Freund von Christian. „Hast du gehört, in Duisburg soll es bei der Loveparade Tote gegeben haben?“ Ein furchtbarer Schreck durchfuhr Gabriele Müller. Warum hatte sie ausgerechnet heute ihr Handy zu Hause liegen lassen? Also rasch an die Kasse – wo Marius saß, noch ein Freund von Christian. „Hast du schon gehört?“, fragte Marius, der auch gerne mit der Clique zur Loveparade gefahren wäre, aber nicht freibekommen hatte. Er suchte sie zu beruhigen: „Reg dich nicht auf, Gabi, denen ist nichts passiert. Die sind doch schon so früh aufgebrochen.“

          21 Tote und mehr als 600 Verletzte

          Seltsam, dass dann ihr Mann nicht zu Hause war, obwohl er doch „Sportschau“ sehen wollte. Und warum nur ging Christian nicht ans Handy? Die Mailbox sprang an und wieder nur die Mailbox, und wieder und wieder. Und als dann ihr Bruder und ihr Mann Uwe plötzlich in der Tür standen und noch kein einziges Wort gewechselt war, sagte Gabriele Müller: „Der Christian kommt nicht mehr nach Hause. Es ist etwas Schlimmes passiert.“

          Christian Müller war einer von 21 jungen Menschen, die sich am Nachmittag des 24. Juli vor zehn Jahren im Gedränge auf der Zugangsrampe am ehemaligen Duisburger Güterbahnhof mit anderen Techno-Fans verknäulten und schließlich zu Tode gequetscht wurden. Mehr als 600 weitere Besucher der Loveparade wurden verletzt. Gabriele und Uwe Müller hatten wie viele andere Angehörige und Opfer gehofft, ein Prozess werde ihnen helfen, besser mit der Katastrophe fertig zu werden. „Mein Mann glaubte, die Justiz macht ihre Arbeit, alles geht seinen guten Gang.“ Manchmal denkt Gabriele Müller, es ist besser, dass ihr Mann das bittere Ende des Verfahrens nicht mehr miterlebt hat.

          Eineinhalb Monate erst ist es her, dass das Landgericht Duisburg das Loveparade-Verfahren auch gegen die letzten drei noch verbliebenen Angeklagten kurz vor der Verjährung ohne Auflagen eingestellt hat, weil es sich um ein „multikausales Geschehen ohne den einen Bösewicht“ handelte, wie der Vorsitzende Richter Mario Plein formulierte. „Es war eine weitere von vielen Katastrophen nach der großen Katastrophe“, sagt Gabriele Müller.

          Erst den Sohn verloren, dann den Ehemann

          Dass es kein Urteil geben würde, hatte sich schon abgezeichnet, als Plein Mitte Januar 2019 die Verfahrensbeteiligten zu einem Rechtsgespräch bat. Zu schwierig war die Beweisführung in dem spektakulären Großverfahren. Wer ist konkret für welchen Planungsfehler verantwortlich? Was genau ist die individuelle Schuld jedes Angeklagten?

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