https://www.faz.net/-gum-a1oll

Leben mit der Katastrophe

Von KATHRIN JAKOB, DANIEL BLUM, ELENA WITZECK und JENS GIESEL
24. Juli 2020
Foto: Reuters

Ein sonniger Samstag im Juli 2010. Die Innenstadt Duisburgs füllt sich mit jungen Ravern, die auf das Gelände des alten Güterbahnhofs zuströmen. Hier findet in diesem Jahr die Loveparade statt. Technomusik schallt den Besuchern vom Festivalgelände entgegen. Die Stimmung ist ausgelassen, alle freuen sich auf eine große Party. Doch der 24. Juli 2010 entwickelt sich zu einer Katastrophe. 21 Menschen werden sterben, mehr als 650 verletzt.

Die Loveparade in Duisburg hat das Leben vieler Menschen auf ganz unterschiedliche Weise verändert. Vier von ihnen kommen hier zu Wort. 

Foto: AFP


Der Tag


„Es sollte eigentlich ein spaßiger Tag werden mit meiner Schwester.“
ROSALINDA BARBASOLA, Überlebende

Die Duisburgerin Rosalinda Barbasola kommt mit ihrer Schwester auf das Gelände. Noch ist nicht viel los, aber die ersten Raver tanzen schon. Im Laufe des Nachmittags klettern die jungen Frauen eine Böschung hinauf, um einen besseren Blick auf die Bühnen und Paradewagen zu haben. Dabei verletzt sich Rosalinda Barbasolas Schwester an der Hand. Sie wollen die Wunde bei den Sanitätern versorgen lassen. Dafür müssen sie jetzt zurück durch den Tunnel, aber dort kommen sie nie an. Daniel Assenmacher-Otto ist als Sanitäter auf der Loveparade. Er und seine Kollegen sind an der Düsseldorfer Straße stationiert, gleich neben dem Zugang West. Hier biegen die Besucher Richtung Festivalgelände ab. Für Assenmacher-Otto beginnt der Tag ruhig. Er freut sich auf seinen Einsatz.

„Wir hatten die Hoffnung, etwas von der Geräuschkulisse mitzukriegen. Doch es war einfach zu laut und zu voll.“
DANIEL ASSENMACHER-OTTO, Rettungssanitäter

Einer, der an diesem Tag zunächst fehlt, ist der Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Er mag keine Technomusik und trifft erst am Nachmittag am Pressezentrum ein, um die Besucherzahlen zu verkünden. 

„Eigentlich wollte ich zur Loveparade gar nicht in Duisburg sein.“
ADOLF SAUERLAND, damaliger Oberbürgermeister

Inzwischen drängen sich im Tunnel die Technofans. Immer mehr Besucher strömen nach, es wird eng. Eine derartige Massenveranstaltung auf einem abgeschlossenen Gelände zu veranstalten, hatte schon vorher für Skepsis gesorgt. 

„Wenn man dann von einem Jahr aufs nächste ins Ruhrgebiet geht – die haben diese Erfahrung nicht.“
DR. MOTTE, Loveparade-Gründer

Der Berliner Techno-DJ Dr. Motte ist Gründer der Loveparade. 1989 feierten die ersten Raver auf den Alleen Berlins. Mit den Jahren kamen immer mehr Technofans aus aller Welt, bis schließlich Millionen durch die Hauptstadt tanzten. 2005 verkaufte Motte die Marke an den Unternehmer Rainer Schaller und seine Firma Lopavent, 2007 zog die Parade ins Ruhrgebiet um. Nach Essen und Dortmund ist Duisburg nun die dritte Station, nachdem Bochum im Jahr zuvor die Veranstaltung abgesagt hatte.

In Duisburg kippt am Nachmittag des 24. Juli langsam die Stimmung. Rosalinda Barbasola und ihre Schwester stehen im dichten Gedränge auf der Rampe. Es geht nicht nach vorne und nicht zurück. Eine schmale Treppe scheint auf einmal der einzige Ausweg aus dem Getümmel. Raver werden in der wabernden Menge zu Boden gerissen. 

„Ich bin auf die Treppen gefallen. Man spürt manchmal sogar noch die Füße auf dem Rücken, den Druck auf den Brustkorb.“
ROSALINDA BARBASOLA, Überlebende

An der Treppe liegen jetzt Menschen über Menschen ineinander verkeilt. Einige versuchen über die Gestürzten hinweg ins Freie zu klettern. Der Druck von oben wird so stark, dass die ersten unter der Last ersticken. 

„Die Perspektive von unten – mittendrin zu sein – ist ganz anders.“
ROSALINDA BARBASOLA, Überlebende

Daniel Assenmacher-Otto erfährt von den Notfällen. Im Tunnel entdeckt er die ersten Technofans, die wegen Kreislaufproblemen kollabiert sind. Die Lage ist ernst, aber wegen des schlechten Empfangs kann er zunächst keine Unterstützung anfordern. Mit seinen Kollegen bahnt er sich seinen Weg in Richtung Rampe.

„Mein erster Gedanke war: Hat es da gerade ein Attentat gegeben?
DANIEL ASSENMACHER-OTTO, Rettungssanitäter
„Ich war nicht da. Ich war 500 Meter von der Rampe entfernt. Ich habe die Toten nicht gesehen.“
ADOLF SAUERLAND, damaliger Oberbürgermeister

Während sich im Tunnel und auf der Rampe dramatische Szenen abspielen, tritt Oberbürgermeister Adolf Sauerland vor die Presse, um die Zahlen zu verkünden. 

„Es waren vielleicht 1,5 Millionen Menschen da, wenn man die Bevölkerung dazu zählt. Aber anlässlich der Veranstaltung leider nicht.“
ADOLF SAUERLAND, damaliger Oberbürgermeister

Die Party wird nicht abgebrochen. Die meisten Besucher erfahren erst viel später, was passiert ist. Am Abend steht fest: Mehr als ein Dutzend Menschen sind in dem Gedränge umgekommen. Einige Tage später werden es 21 Tote sein – und mehr als 650 Verletzte.  

„Ich habe den Fernseher angemacht und gedacht ,Oh Gott, oh Gott’.“
DR. MOTTE, Loveparade-Gründer
„Ich habe in der Nacht gar nichts mehr gedacht, weil es körperlich doch anstrengend war.
DANIEL ASSENMACHER-OTTO, Rettungssanitäter
Die Treppe scheint für viele im Gedränge der letzte Ausweg zu sein.
Die Treppe scheint für viele im Gedränge der letzte Ausweg zu sein. Foto: APN
Rettungskräfte begehen am Abend die Unglücksstelle.
Rettungskräfte begehen am Abend die Unglücksstelle. Foto: dpa

Danach


„Ich habe eine Vorahnung gehabt, dass es zu einer Katastrophe kommen könnte. Dass dann auch noch Menschen sterben, war ein echter Gau der Technoszene.“
DR. MOTTE, Loveparade-Gründer
„Im Nachhinein bin ich ein bisschen stolz, dass ich mit dazu beigetragen habe, dass es ,nur’ 21 Tote gegeben hat.
DANIEL ASSENMACHER-OTTO, Rettungssanitäter

In den Tagen und Wochen nach der Katastrophe denkt der Sanitäter Assenmacher-Otto immer wieder an seinen Einsatz zurück. Auch Zweifel treiben ihn um: Hat er die richtigen Entscheidungen getroffen? Hätte man mehr Menschen retten können?

Unterdessen muss sich Adolf Sauerland nach einer kurzen Nacht den ersten Vorwürfen und Fragen stellen. Wie konnte ein derart verheerendes Unglück in seiner Stadt passieren? Für viele steht bereits fest, dass er als Oberbürgermeister die Schuld an den Ereignissen trägt. Er selbst wird immer wieder abstreiten, dass er es war, der die Loveparade nach Duisburg geholt hat.

„Solche Veranstaltungen, die andere nicht wollten, ins Ruhrgebiet zu holen, halte ich für völlig daneben.“
ADOLF SAUERLAND, damaliger Oberbürgermeister

Die Duisburger verübeln ihrem Oberbürgermeister, dass er keine Verantwortung übernehmen will. Hinzu kommt, dass er in ihren Augen nicht die richtigen Worte findet, um den Menschen in der Stadt Trost zu spenden. Eineinhalb Jahre nach der Katastrophe wählen sie ihn nach einem Bürgerbegehren ab. 

Rosalinda Barbasola überlebt dank einer Reanimation. Sie wacht im Krankenhaus auf, auch ihre Schwester ist schwer verletzt. In den Wochen und Monaten danach versucht sie zunächst mit den körperlichen, dann mit den seelischen Wunden zu leben.

„Es ist manchmal noch so, als laufe meine Seele neben meinem Körper.“
ROSALINDA BARBASOLA, Überlebende

Daniel Assenmacher-Otto spricht ein Jahr nach der Katastrophe stellvertretend für die Rettungskräfte auf der Trauerfeier im Duisburger Stadion. Persönlich kann er mit dem Erlebten abschließen, als Sanitäter ist er Notsituationen gewohnt. Die Bilder aber werden ihn sein Leben lang begleiten – auch bei späteren Einsätzen.

„Das sind Bilder, Gefühle, Erlebnisse, die man nicht so löschen kann.
DANIEL ASSENMACHER-OTTO, Rettungssanitäter


Heute


„Für mich und viele andere auch ist es so, als wäre diese Katastrophe nie vorbei. Und die wird auch nie vorbei sein.“
ROSALINDA BARBASOLA, Überlebende

Es vergehen Jahre, bis Rosalinda Barbasola wieder ins Leben zurückfindet. Ihren Beruf als Gastwirtin kann sie nicht mehr ausüben. Nach sechs Jahren beginnt sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Seit der Loveparade ist in ihr das Bedürfnis gewachsen, Menschen in Not zu helfen. Sie will wissen, wie es sich für diejenigen anfühlte, die am Tag der Katastrophe andere gerettet haben. 

Erst 2017 wird das Ereignis vor Gericht verhandelt. Angeklagt werden sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Angestellte des Veranstalters Lopavent. Viele Betroffene und Beobachter sind der Meinung, dass sich die Falschen verantworten müssen. Im Frühjahr 2020 wird das Verfahren ohne Schuldspruch eingestellt. Die Enttäuschung ist groß – und viele Nebenkläger bleiben auf den Gerichtskosten sitzen.

„Wie kann es sein, dass 21 Menschen sterben und niemand ist verurteilt?“
DR. MOTTE, Loveparade-Gründer
„Für mich ist es, als hätte ich den Prozess verloren, weil ich mit 12.000 Euro Schulden da rausgekommen bin.“
ROSALINDA BARBASOLA, Überlebende

Für Adolf Sauerland, der mittlerweile in einem Reisebüro arbeitet, ist vor allem die ausführliche Begründung von Bedeutung, mit der das Gericht die Einstellung des Verfahrens erklärt. Er sieht darin bestätigt, dass die Stadt – und damit er – keine Verantwortung trug. 

„Das Gericht war der Ansicht, das hätte alles verhindert werden können. Aber nicht von der Stadt Duisburg.“
ADOLF SAUERLAND, damaliger Oberbürgermeister

Für viele Betroffene ist der Alltag bis heute eine Herausforderung. Die Wochen vor den Jahrestagen belasten Rosalinda Barbasola besonders. Auch nach zehn Jahren gibt es immer wieder Momente, die sie an den Ort der Katastrophe zurückbefördern. 

„Diese sogenannten Triggersituationen, die können auch so aufkommen. Urplötzlich, man fährt Auto – und bämm!“
ROSALINDA BARBASOLA, Überlebende


Neuanfang

Dr. Motte will das Unglück von Duisburg als Schlusskapitel des Technofests nicht akzeptieren. Er möchte die Loveparade 2021 in Berlin neu auflegen. Noch hat keiner der Betroffenen öffentlich etwas daran auszusetzen gehabt.

„Die Loveparade gehört eigentlich nach Berlin. Und deswegen machen wir das jetzt auch wieder.“
DR. MOTTE, Loveparade-Gründer
„Wenn man sie hat, muss sie am richtigen Ort stattfinden. Wenn Dr. Motte das macht in Berlin, dann ist das in Berlin ok.“
ADOLF SAUERLAND, damaliger Oberbürgermeister

Daniel Assenmacher-Otto wäre in Berlin schon damals gern als Besucher dabei gewesen – vielleicht auch in Zukunft wieder. Mit einer Einschränkung. 

„Einer muss persönlich Verantwortung tragen.
DANIEL ASSENMACHER-OTTO, Rettungssanitäter

Rosalinda Barbasola hört immer noch gern Techno. Wenn ihr Sohn hingehen wollte, würde sie es nicht verbieten. Ihre Kinder sollen ohne Ängste aufwachsen.

„Ich find’s gut. Ob ich nochmal dahin gehen würde? Nein, würde ich nicht.“
ROSALINDA BARBASOLA, Überlebende

 


Redaktion: Daniel Blum, Kathrin Jakob, Elena Witzeck
Multimedia: Jens Giesel
Kamera: Daniel Blum, Florian Hofmann, Kevin Gremmel


Wir danken:
Betroffenen Initiative LoPa 2010 e.V.
DRK Kreisverband Rhein-Sieg e.V.

Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 24.07.2020 15:38 Uhr