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Winzer aus dem Ahrtal : „Das eigene Lebenswerk war einfach weggerissen“

  • -Aktualisiert am

Flüssige Hoffnung: Winzer Peter Kriechel und seine Kollegen sammeln mit der Aktion „Flutwein“ Spenden. Als Dank gibt es aus den Fluten gerettete Weinflaschen. Bild: AFP

Er und seine Kollegen haben in kurzer Zeit mehr als drei Millionen Euro gesammelt: Winzer Peter Kriechel aus dem Ahrtal spricht im Interview über große Solidarität und die Spendenaktion „Flutwein“.

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          Herr Kriechel, mit der Kampagne „Flutwein“ haben Sie und Ihre Kollegen in kurzer Zeit schon mehr als drei Millionen Euro an Spenden gesammelt. Hätten Sie mit so einer Resonanz gerechnet?

          Absolut nicht. Uns fehlt es an Worten, was uns da an positiver Energie und Hilfsbereitschaft entgegenschlägt. Ich habe nach den erfolgreichsten Crowdfunding-Kampagnen in Deutschland gegoogelt, demnach müssten wir da mittlerweile ganz vorne liegen. Aber mehr als jeder Euro zählt für mich, diese große Community zu sehen, die hinter uns steht – über 33.500 Menschen haben bisher gespendet. Aus der Branche gibt es inzwischen weitere Aktionen, bei denen Winzerkollegen Flaschen verkaufen, um für uns zu sammeln. Das gibt uns im Moment viel Hoffnung.

          Wie begann Ihre Aktion?

          Die ursprüngliche Idee hatte Linda Kleber, die ein Restaurant in Ahrweiler betreibt. Sie hat in den Fluten alles verloren. Das Einzige, was sie im Keller fand, waren Weinflaschen. Das hat sie in einen Familienchat gestellt, wo das Daniel Koller las. Der arbeitet in der Marketingbranche und hat sich dem angenommen. Daniel hat mit seinem Team innerhalb von drei oder vier Tagen eine Kampagne auf die Beine gestellt. Normalerweise braucht es dafür drei oder vier Monate, meinte er. Weil wir befreundet sind und zusammenarbeiten, kam Linda schnell auf mich zu und sagte: „Lass uns etwas machen, nicht nur für mich, für alle. Ihr Winzer habt mich in der Corona-Zeit so unterstützt, jetzt will ich etwas zurückgeben.“

          Und wie funktioniert „Flutwein“?

          Über die Plattform Startnext haben wir eine Crowdfunding-Kampagne eingerichtet. Dort kann man für die Ahrwinzer spenden, und als Dankeschön erhalten die Unterstützer den Wein, den die Winzer nach dem Hochwasser noch retten konnten. Es gibt einzelne Flaschen, Dreier- oder Sechserpakete. Unsere Kapazität ist aber begrenzt, sodass wir bald nur noch Einzelflaschen anbieten. Wir wollen den Flutwein zum Gedenken an die Katastrophe so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen.

          Verschlammt: Spender der Aktion erhalten als Dankeschön Flaschen, wie sie nach der Flut im Ahrtal geborgen wurden.
          Verschlammt: Spender der Aktion erhalten als Dankeschön Flaschen, wie sie nach der Flut im Ahrtal geborgen wurden. : Bild: dpa

          Um wie viele Flaschen geht es insgesamt?

          Wir haben am Anfang nur grob geschätzt, wie viele Flaschen wir zur Verfügung haben – irgendetwas zwischen 200.000 und 300.000 sind es wohl. In diesen Tagen zählen wir das genau. Bisher kommen wir damit für die Aktion noch hin, aber vielleicht müssen wir doch in einer Woche sagen: Es gibt leider keinen Nachschub mehr.

          Die Flaschen werden also nicht verkauft, die Spender bekommen sie als Dankeschön?

          Genau. Wir haben für die Aktion einen gemeinnützigen Verein gegründet, und mit dem geht es uns nicht darum, Gewinn zu machen. Wie beim Crowdfunding üblich, werden die Spenden zuerst gesammelt, danach verschicken wir den Wein. Das hat uns auch erst mal den Rücken freigehalten. Vor zwei Wochen hatten wir Ahrwinzer noch ganz anderes im Kopf, als den Versand von Tausenden Flaschen zu organisieren. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir das bis November hinbekommen.

          Sie wollen die Flaschen so versenden, wie Sie sie gefunden haben: „originalverschlammt“. Ist der Wein denn überhaupt noch in Ordnung?

          Das ist die Idee der Aktion, und das ist auch das, was unsere Spender erwarten. Was aber auch klar ist: Wir werden nichts Bedenkliches verschicken. Das ist unser Qualitätsanspruch. Das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz in Koblenz und die Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr sagen, dass der Inhalt unbedenklich sei. Zurzeit wird das noch mal im Labor gecheckt, um absolut sicher zu gehen.

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          Hochwasser im Ahrtal : Déjà-vu der Katastrophe Bild: Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

          Wie war der Moment, als Sie selbst nach der Flut in den Keller gegangen sind, um nachzuschauen, wie viele von Ihren Flaschen überhaupt noch heil sind?

          Ich wohne nicht selbst auf dem Weingut, sondern auf der anderen Ahrseite. Mein Vater und mein Bruder wohnen auf dem Weingut in Ahrweiler. Normalerweise ist das ein Weg von einem Kilometer, ich fahre sonst mit dem Fahrrad rüber. Nach der Flut gab es die Brücke nicht mehr. Da ging es mir am ersten Tag erst mal darum, zu hören, ob meine Familie noch am Leben ist – Gott sei Dank ja. Am Abend war ich zum ersten Mal drüben, das war eine stundenlange Anreise. Wir mussten über die Eifel auf die Autobahn fahren, um über die 61 rüberzukommen. Dann macht man sich den ersten Überblick und ist schockiert. Das eigene Lebenswerk, und das meines Vaters, war einfach weggerissen.

          Und Ihre Weinberge?

          Das ist ein Schaden, der oft vergessen wird. Wir Ahrwinzer schätzen, dass um die 50 Hektar, das ist etwa ein Zehntel der gesamten Rebfläche an der Ahr, weg sind. Das heißt: Kein Rebstock steht mehr, keine Anlage. Selbst wenn wir Teile der Fläche wieder bestocken können, können wir mit dem ersten Ertrag erst in vier Jahren rechnen. Jetzt versuchen wir zu retten, was zu retten ist, aber die Zeit läuft gegen uns. Im Herbst steht die Lese vor der Tür, das ist das Kapital der Zukunft. Wir haben die Weinberge in den vergangenen Wochen weingutunabhängig bearbeitet, also einfach von links nach rechts durch, über alle Grundstücksgrenzen hinweg. Wir hatten enorme Unterstützung von Kollegen aus den anderen Anbauregionen, von der Mosel und der Nahe, aus Rheinhessen und vom Mittelrhein, aber auch aus Franken oder Luxemburg. Da ist man richtig stolz, in so einer Branche arbeiten zu dürfen.

          Wie geht es den anderen Ahrwinzern?

          Es gibt Kollegen, da ist nichts mehr da: keine Flasche, kein Fass, keine Maschine. Bei manchen auch kein Haus mehr. Der Weinbauverband schätzt den Wert des verlorenen Weins auf rund 50 Millionen Euro. So makaber es klingt: Da sind auch die drei Millionen Euro aus der Spendenkampagne nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch die Betriebe, die keine Flaschen mehr für „Flutwein“ zur Verfügung stellen können, sollen nichtsdestotrotz von den Spenden profitieren. Gerade diese Winzer.

          Wie verteilen Sie die Spenden?

          Sie werden zuerst auf unserem gemeinsamen Konto gesammelt, dann an alle hilfsbedürftigen Ahrwinzer verteilt – ganz egal, ob in unserem Verein oder dem Verband organisiert oder nicht. Wer Hilfe braucht, der wird sie erhalten. Das hier ist keine One-Man-Show, sondern eine Aktion aller Ahrwinzer für alle Ahrwinzer.

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