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Landrat Rock zum Hochwasser : „Das Wasser sucht sich immer den Weg nach unten“

Bundespräsident Steinmeier (2.v.l.) und Ministerpräsident Laschet (3.v.l., CDU) sprechen mit Landrat Rock (r) in Erftstadt (Nordrhein-Westfalen). Bild: dpa

Der Rhein-Erft-Kreis ist besonders vom Hochwasser betroffen. Im Interview spricht Landrat Frank Rock über die nächsten Schritte, „kleine Soforthilfen“ und die Versprechen von Armin Laschet.

          3 Min.

          Herr Rock, Sie sind Landrat im besonders vom Hochwasser betroffenen Rhein-Erft-Kreis und kommen gerade vom Krisenstab. Wie ist die Lage?

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Glücklicherweise gehen die Wasserstände zurück. Von Erftstadt bis nach Bedburg hoch laufen die Aufräumarbeiten in den überfluteten Gebieten. In Blessem ist die Lage aber noch angespannt. Weil der Ort evakuiert ist und die Abbruchkante nicht zur Ruhe kommt.

          Blessem ist ein Stadtteil von Erftstadt südlich von Köln, in dem die Überflutung einer Kiesgrube dazu geführt hat, dass mehrere Häuser abgerutscht sind.

          Wir haben das große Problem, dass weiterhin über die Erft Wasser ins Becken eintritt. Wir müssen dafür sorgen, dass der Zufluss aufhört. Da wird am Montag mit schwerem Gerät und Baustoffen ein Damm gebaut. Sonst ist die Abbruchkante weiter unsicher. Das ist alles abgesperrt. Man spürt, dass die Bewohner – was man auch nachvollziehen kann – zurückwollen. Aber es gibt auch noch keinen Strom im Ort. Von einer richtigen Rückkehr sind wir noch weit entfernt.

          Wie muss man sich den Ablauf jetzt vorstellen: Wird erst die Infrastruktur wiederhergestellt – wie Brücken und Straßen? Wie lange wird es dauern, bis Orte und Häuser wieder bewohnbar sind?

          Wir müssen den Damm bauen, um die Ortslage zu sichern. Es sind derzeit etwa 650 Hilfskräfte unterwegs und Baustatiker, die prüfen, welche Häuser zeitnah in Blessem bezogen werden können. Damit die Leute auch wieder ein Stück Normalität zurückbekommen. Wobei wir Normalität garantiert für längere Zeit nicht haben werden. Wir haben ja im ganzen Kreisgebiet Unter- und Überspülungen.

          Haben Sie eine erste Schadensbilanz?

          Nein. Den größten Schaden haben die Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben. Die Schäden an der Infrastruktur sind nicht messbar, dafür ist es noch zu früh. Das wird in den nächsten Wochen die Aufgabe sein. Die Wetterlage hat Erftstadt in zwei Teile geteilt. Wir als Kreis schauen, wie unsere Kreisstraßen aussehen. Bis im Ort selbst Infrastruktur aufgebaut wird, da werden einige Monate vergehen. Jetzt muss erst überall das Wasser weg. Die A61 ist auch noch unterspült und gesperrt, das ist die Hauptachse zwischen Holland und dem Süden. An den Verkehrsknotenpunkt müssen die Kollegen der Bundesautobahn zeitnah ran. Die A1 ist stellenweise auch noch gesperrt.

          Wie kommuniziert Ihr Krisenstab mit den Kommunen, dem Land, dem Bund?

          Jede Stadt und jeder Kreis hat einen Krisenstab. Der Kreis hat im Katastrophenfall die Organisation übernommen. Bei uns sitzen rund 35 Fachleute aus den Ämtern und den Kommunen, die an der Erft sind, im Krisenstab. Wir haben zwei bis vier Sitzungen am Tag, um die Lage einzuschätzen. Schwierig ist, dass wir viele Einsatzorte haben. Es gibt eben nicht nur Blessem. Die Kommunikation ist trotz aller technischer Möglichkeiten manchmal schwierig. Aber so ist das in der Krise, das sind dynamische Prozesse.

          Zuletzt wurden noch 34 Personen vermisst. Auf der B265 haben Bundeswehr und THW Fahrzeuge geborgen, waren da Menschen drin?

          In der Tieflage auf der Luxemburger Straße, wie die an der Stelle heißt, waren 61Fahrzeuge betroffen. Aber wie durch ein Wunder wurde dort niemand verletzt. Es hat auch keine Toten gegeben. Aber es gibt noch eine Unsicherheitslage wegen eines tief liegenden Regenrückhaltebeckens. Es könnte sein, dass dort noch Autos überschwemmt wurden.

          Bürger im Kreis sollen „kleine Soforthilfen“ bekommen? Was bedeutet das?

          Wir haben eine Datenbank, in der 1500 Menschen ihre Hilfe angeboten haben. Das verbinden wir mit denen, die Hilfe benötigen. Die Solidarität der Menschen in der Region ist wirklich enorm. Aber wir können jetzt keine Ladungen von Mineralwasser oder Winterpullis gebrauchen. Die Menschen brauchen Geldspenden.

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          Am Wochenende waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ministerpräsident Armin Laschet zu Besuch: Was haben die Ihnen versprochen?

          Das Thema Versprechen ist in solchen Situationen natürlich schwierig. Sie haben uns zugesagt, dass sie alles dafür tun, dass Hilfe ankommt. Unterstützung ist auf jeden Fall da.

          Was erhoffen Sie sich vom Land und vom Bund?

          Es wäre schön, wenn Menschen unbürokratisch Hilfe bekämen auch ohne große Anträge. Damit mit Anwohnern, die nachweisen können, dass sie Not leiden, das nicht lange diskutiert wird. Und mit Auszahlungen ihre Not gelindert wird. Langfristig wird die riesige Herausforderung der Wohnraum. Wo können die Leute hin, das wird uns noch beschäftigen.

          Ist im Krisenstab schon aufgearbeitet worden, wie das passieren konnte? Dass die Erft eine Zerstörungskraft in diesem Ausmaß annimmt?

          Überhaupt noch nicht. So ein Hochwasser kannst du nicht voraussagen. Die Bezirksregierung hat für jeden Fluss Überschwemmungskarten. Selbst der Extremfall reichte bei Weitem nicht an das heran, was wir hier erlebt haben. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass der Rinnsal der Erft einmal so groß werden kann. Das Problem war der Starkregen.

          Was bedeutet das in Zukunft für den Hochwasserschutz im Kreis?

          Die Erft hat Flächen, wo sie bei Hochwasser austreten kann. Aber die haben nicht gereicht. Betroffen sind vor allem die Tieflagen. Es gibt Situationen, da hat ein halber Meter entschieden, ob du nass geworden bist oder nicht. Das Wasser sucht sich immer den Weg nach unten.

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