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Landarzt nach der Flut : „Wir haben Solidarität nicht verlernt“

  • -Aktualisiert am

Landarzt Thomas Aßmann im Bergischen Land, vor der Nepomuk-Brückenfigur bei Schloß Georgshausen in Lindlar. Bild: Frank Röth

Der Landarzt Thomas Aßmann hat durch die Flutkatastrophe eine Praxis verloren. Wie ist es ihm seitdem ergangen? Ein Interview über 18-Stunden-Tage, den Wiederaufbau und Erfahrungen mit einem Plünderer.

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          Herr Aßmann, Sie sind Landarzt im Bergischen Land, Kolumnist für die F.A.S., und haben in der vergangenen Woche geschildert, wie in der Katastrophennacht Ihre Zweitpraxis teilweise eingestürzt war. Wie haben Sie die ersten Tage nach dem Hochwasser erlebt?

          Sehr ambivalent. So richtig habe ich es immer noch nicht verinnerlicht, dass es die Praxis nicht mehr gibt. Ich wache morgens auf und denke mir, dies und jenes muss ich in der Praxis noch erledigen, und dann kommt es mir wieder: Ach ja, stimmt. Und dann sind da diese ganzen Fragen: Kann ich den Standort weiter halten? Was mache ich mit meinen Mitarbeitern? Ich möchte sie nicht entlassen, es soll ja irgendwann weitergehen. Also muss ich sie irgendwie beschäftigen. Im Moment passt das, in der Hauptpraxis in Lindlar impfen wir ja weiter gegen Corona.

          Kommen Sie denn noch dazu?

          Es ist ziemlich herausfordernd, ja. Neben dem Betrieb am Hauptstandort bin ich fast jeden Tag an der zerstörten Praxis, mal mit Kollegen, mal mit der Versicherung. Ich hoffe, dass die kulant ist und auch schnell Hilfe kommt – wir wollen das Geld ja dafür verwenden, eine neue Praxis aufzubauen, um unsere Patienten zu versorgen. Zurzeit habe ich wirklich 18-Stunden-Tage.

          Aus den anderen Krisenregionen hört man von Plünderern und Sensationstouristen. Gibt es die auch bei Ihnen?

          Ja, das Fotografieren und Filmen ist mittlerweile wirklich ein Unding. Die Leute gehen teilweise über die Absperrung drüber, um möglichst nah ran zu kommen, und reagieren richtig unverschämt, wenn man sie darauf anspricht. Auch mit einem Plünderer haben wir schon eigene Erfahrungen gemacht. Als ich nochmal mit den Kollegen an der alten Praxis war, stellte ein Kollege fest: Hier in dem Notfallrucksack fehlt doch ein Tablet! Die Schränke waren teilweise durchstöbert. Der Plünderer hat einen Rucksack und seine Schuhe dagelassen, er hat die Turnschuhe einer Mitarbeiterin angezogen, die noch in der Praxis standen. Wir haben das der Polizei weitergegeben.

          Zerstört: Aßmanns Praxis
          Zerstört: Aßmanns Praxis : Bild: privat

          Was löst das in Ihnen aus?

          Einerseits macht mich das wütend, andererseits aber auch traurig, wie jemand so wenig Empathie haben kann. Das muss doch eine ganz unglückliche Existenz sein. Was schlimm ist: Wenn bei der nächsten Gelegenheit Häuser evakuiert werden müssen, haben Menschen wegen solcher Vorfälle Angst, sie zu verlassen.

          Welche positiven Reaktionen erleben Sie?

          Die sind Gott sei Dank in der überwältigenden Mehrheit. Ich kriege Mails von Menschen, die ich gar nicht kenne, die ihre Hilfe anbieten und fragen, was sie tun können. Das hat mich sehr berührt. Wenn ich eins aus dieser Katastrophe mitnehme, dann, wie wichtig Solidarität ist. In diesen Momenten zeigt sich, ob es noch einen Zusammenhalt in der Gesellschaft gibt oder nicht. Und den erlebe ich im Moment – durch Zuspruch, Bedauern, auch das sind Formen von Solidarität. Das lässt mich hoffen, dass wir auch mit anderen Problemen wie dem Klimawandel klarkommen. Weil wir es noch nicht verlernt haben, solidarisch zu sein.

          Wie würden Sie die Stimmung in der Region beschreiben?

          Manche sind überrascht, dass so was überhaupt passieren konnte. Es gibt aber auch manche, die wirklich verzweifelt sind, denen alles zu viel ist und die nicht wissen, wie es weitergehen soll.

          Was lässt Sie in dieser Zeit durchhalten?

          Einerseits der Glaube daran, dass alles irgendwie seinen Sinn hat, auch wenn ich es vielleicht noch nicht weiß. Das einzige, was ich aus der alten Praxis mitgenommen habe, ist das Kreuz, das noch unversehrt über dem Türbogen hing. Es soll in die spätere, neue Praxis kommen. Vielleicht hat uns dieser Segen geholfen, dass wir nicht in diesem Zimmer standen, als es einstürzte. Andererseits ist es auch eine wahnsinnige Neugier auf die Zukunft. Ich will diese Situation nicht passiv erleiden. Ich will aktiv mitgestalten, was jetzt kommt.

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