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Land unter auf dem Markusplatz : Ein makabres Katz-und-Maus-Spiel

Lassen sich vom Wasser nicht stören: Touristen in Venedig Bild: EPA

Ziehen sich die Wassermassen zurück, kommen die Besuchermassen: Venedig leidet. Die Bewohner wünschen sich eine Verschnaufpause – „und auch ein bisschen Respekt“.

          3 Min.

          Es ist ein makabres Katz-und-Maus-Spiel, das seit Mittwoch in Venedig gegeben wird: Kaum haben sich die Wassermassen vom Markusplatz zurückgezogen, kommen die Besuchermassen wieder. Während die Leute aus den Geschäften, Restaurants und Hotels die Müllsäcke mit den durchnässten Überresten der jüngsten Überflutung herausschaffen, kreischen die Touristen beim Selfie-Schießen in Gummistiefeln. Dann kommt die nächste Überschwemmung. Und so weiter.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Auf der Piazzetta San Marco wringt der Eigentümer eines Ladens für Modeschmuck aus Murano, der in den vergangenen Tagen gleich mehrfach überflutet wurde, zum x-ten Mal den Wisch-Mob aus. „Wir brauchen eine Verschnaufpause“, sagt er. „Und auch ein bisschen Respekt. Die Leute benehmen sich schlimmer als bei sich daheim.“

          Sein Stoßseufzer nach einer Art Waffenruhe wurde nicht erhört. Nachdem es am Samstag an der Flutfront verhältnismäßig ruhig geblieben war, kehrte das „Acqua alta“ am frühen Sonntagnachmittag mit Macht zurück. Schon vor der Mittagszeit musste der überflutete Markusplatz abermals gesperrt werden. Wieder wurden die meterhohen Metallschotten in die Führungsschienen an Eingängen und Fenstern von Geschäften und Restaurants eingelassen. Wo immer möglich, wurden zusätzlich Bretter angebracht, um das unaufhaltsam steigende Wasser abzuhalten. Das schlechte Wetter mit Regen und Scirocco-Sturm über der Adria soll noch bis mindestens Mitte dieser Woche anhalten.

          150 Zentimeter am Sonntagnachmittag

          Gewiss, an Hochwasser ist man in Venedig gewöhnt. In einem Winter kommt es bis zu 60 Mal vor, dass Teile der Altstadt unter Wasser stehen. Zumal der Markusplatz, die am tiefsten gelegene Stelle der Stadt, wird schon bei einem recht niedrigen Pegelstand von 90 Zentimetern geflutet. Aber für diesen Fall stehen die „Passarellen“ bereit, die auf Metallböcken ruhenden Fußwege aus rutschfest beschichteten Brettern. Erst bei 110 Zentimetern Pegelstand braucht es auch in den höher gelegenen Teilen der Altstadt Passarellen. Bei 140 Zentimetern sind dann mehr als drei Viertel der gesamten Inselstadt überflutet, das Wasser dringt in fast alle Geschäfte und Restaurants ein, auch in die Erdgeschosswohnungen.

          Aber 187 Zentimeter wie in der Nacht zum Mittwoch, dann 154 am Freitagvormittag und schließlich 150 Zentimeter am frühen Sonntagnachmittag: Das übersteigt in der Summe wohl sogar das Ausmaß der Katastrophe der historischen „Acqua Granda“ vom 4. November 1966, als mit 194 Zentimetern der höchste je gemessene Pegelstand registriert worden war.

          Inzwischen sind alle maßgeblichen oder irgendwie zuständigen Politiker des Landes in Gummistiefeln und Wasserhosen über den Markusplatz gestapft. Am Samstag zeigten sich dort auch Fußball-Nationaltorwart Gianluigi Donnarumma und Verbandspräsident Gabriele Gravina. Venedig werde wieder aufstehen wie ein Athlet, der eine schwere Verletzung erlitten habe, prophezeite der baumlange Tormann.

          Diesen grundsätzlich positiven Ausblick wagte auch Kulturminister Dario Franceschini, der sich am Freitag einen Überblick über die Schäden an den Kulturschätzen der Lagunenstadt zu verschaffen versuchte. Zwar habe auch der Markusdom, dessen Krypta in der Nacht zum Mittwoch überflutet worden war, schwere Schäden erlitten. Diese seien aber „nicht irreparabel“.

          37 Millionen Touristen jährlich

          Wie dem Markusdom erging es fast 70 der insgesamt 120 Kirchen der Stadt: Auch dort war das Meerwasser eingedrungen, dessen Salz noch lange nach dem Ablaufen des Wassers Marmorböden, Mosaike und Mauerziegel zerfrisst. Franceschini forderte „eine gewaltige Anstrengung des Staates und der ganzen italienischen Gesellschaft, um das Welterbe Italiens und der Menschheit zu unterstützen“. Wie genau diese Anstrengung aussehen soll, ist jedoch unklar.

          Gummistiefel ausleeren – dann muss es weiter gehen in Venedig.
          Gummistiefel ausleeren – dann muss es weiter gehen in Venedig. : Bild: AFP

          Derweil gab Bürgermeister Luigi Brugnaro, von der Regierung in Rom zum Sonderkommissar für die Soforthilfe ernannt, am Samstag den Startschuss für die Auszahlung der Zuschüsse für Aufräum- und erste Reparaturarbeiten: Bis zu 5000 Euro erhalten Privatleute, 20.000 Euro Geschäftsleute. Per Dekret wurde zudem die Zahlungspflicht für Hypotheken für ein Jahr ausgesetzt.

          Die Mehrheit der rund 52.000 verbliebenen Einwohner der Altstadt von Venedig fühlt sich vom Bürgermeister jedoch nicht angemessen vertreten. Brugnaro, der im Stadtteil Mogliano auf dem Festland wohnt, folge dem dortigen Kommando der Wirtschaft und höre nicht auf die Leute auf der Altstadt-Insel, die von mittlerweile 37 Millionen Touristen und gut 500 Kreuzfahrtschiffen jährlich heimgesucht wird. Auf dem Festland nahe Mogliano liegt auch Mestre, mit 200.000 Einwohnern das industrielle Kraftzentrum und der Sitz der meisten Verwaltungseinheiten der Metropolregion Venedig.

          Seit 1979 hat es in Venedig, wo die Altstadt auf der Insel inmitten der Lagune jedes Jahr weitere gut 1000 Einwohner verliert, vier Volksabstimmungen über die administrative Abtrennung der historischen Altstadt von der Metropolregion gegeben. Alle vier sind gescheitert. Am 1. Dezember gibt es das nächste Referendum. Brugnaro fordert zu dessen Boykott auf: Allein, so warnt er, würde die Altstadt vollends auf verlorenem Posten stehen angesichts fortgesetzt anschwellender Wasser- und Touristenmassen.

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