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Brustkrebs : „Ich will niemanden provozieren“

  • -Aktualisiert am

„Faszinierend, zu sehen, wie die Haare ein Gesicht verändern können“: Einen „sachlichen“ Blick auf sich selbst hätten ihr die Fotos gegeben. Bild: Natalie Kriwy

Mit Anfang 30 wurde bei Natalie Kriwy ein bösartiger Tumor in der linken Brust entdeckt. Zwei Jahre lang hat die Fotografin sich selbst während der Therapie auf Bildern dokumentiert. Einblicke in einen besonderen Weg, mit dieser Diagnose umzugehen.

          Frau Kriwy, Sie haben Tausende Fotos von sich selbst und von Dingen gemacht, die mit Ihrer Brustkrebserkrankung zu tun hatten: von Infusionsbeuteln aus der Chemotherapie, von sich selbst mit Kompressions-BH in der Dusche bis hin zu Ihren ausgefallenen Haarbüscheln im Ausguss. Die wenigsten Schwerkranken dürften während so einer Zeit fotografiert werden wollen. Warum war das bei Ihnen anders?

          Ganz am Anfang, kurz nach meiner Krebsdiagnose, hatte ich vor, einfach nur die Entwicklung festzuhalten, um zu sehen, wie mich die Krankheit verändern wird. Und ich wollte die Situation auch umdrehen, mich aktiv damit auseinandersetzen und nicht nur Opfer, also passiv, sein. Nach dem Motto: „Ich habe alles im Griff, ich entscheide, wann was wie passiert.“ Aus etwas, das eigentlich furchtbar ist, wollte ich etwas machen, das mir guttut, was irgendwie auch lustig ist. Zum Beispiel, als ich mir vor der Kamera die Haare ausgerissen habe. Vor allem aber war ich neugierig. Deswegen habe ich wohl auch so viele Dinge systematisch gesammelt und alle meine Medikamente mit Dosis und Datum notiert.

          Das Tagebuch also als eine Art wissenschaftliches Projekt?

          Ja, im Nachhinein glaube ich das schon. Es war alles sehr sachlich. Letztendlich hat mir das Fotografieren und Tagebuchschreiben ganz viel Distanz gegeben.

          Und Ihnen dadurch beim Umgang mit der Diagnose geholfen.

          Durch das Projekt hat es sich tatsächlich fast so angefühlt, als ob es überhaupt nicht um mich selbst gegangen wäre. Es hat sich quasi so ergeben, dass ich auf den Bildern zu sehen bin; es hätte aber auch jemand anders sein können. So wie bei einem beruflichen Fotoprojekt zum Thema Brustkrebs. Wenn ich nicht wüsste, dass ich es auf den Bildern bin, würde ich nicht vermuten, dass das alles dieselbe Person ist. Ich finde es immer noch faszinierend, zu sehen, wie zum Beispiel meine Haare nach und nach wieder nachgewachsen sind und wie die Haare ein Gesicht verändern können.

          „Teils kamen mir meine Bilder so nahe, als seien sie gestern gewesen, teils schienen sie sehr weit weg; sehr wenige haben mich so berührt, dass ich emotional geworden bin“: Kriwy heute über die Zusammenstellung der Fotomotive für ihren Band.

          Auch wenn es bei Ihnen als Fotografin vielleicht naheliegt - wie sind Sie anfangs überhaupt auf die Idee gekommen, sich mit Ihrer Erkrankung bildlich auseinanderzusetzen?

          Die Fotografie war schon ein Thema, als ich die Diagnose noch überhaupt nicht hatte und erst einmal das Brustgewebe für die Untersuchung entnommen wurde. Meine Ärztin sah sich die Ultraschallbilder an und fragte mich, was ich beruflich mache. Ich sagte, dass ich auch mit Bildern zu tun hätte. Und als zwei Tage später klar war, dass ich tatsächlich Krebs habe, sprach ich mit der Ärztin gleich darüber, therapiebegleitend Fotos von mir zu machen, um die unterschiedlichsten Stimmungen und Ereignisse festzuhalten.

          Können Sie sich noch an das allererste Foto erinnern?

          Ja, das erste Bild habe ich am Tag nach der ersten Chemotherapie gemacht. Ich hatte von einer Nachbarin mehrere Mützen in einer Kiste bekommen, die ich auf unserer Dachterrasse anprobiert habe. Es war fröhlich, meine Mutter war da, mein Freund, der Bruder meines Freundes, wir haben ein Bierchen getrunken. Es war einfach ein schöner Herbsttag. Auf den Auslöser hat dann mein Freund gedrückt.

          Mussten Sie sich von Zeit zu Zeit zum Schreiben und Fotografieren zwingen?

          Ursprünglich wollte ich ja jeden Tag ein Foto von mir machen. Aber das hat dann doch nicht so geklappt. Es gab Tage, an denen ich so erschöpft und müde von der Therapie war, dass ich nur ein Datum ins Tagebuch geschrieben habe und einen einzelnen Satz. Im Dezember zum Beispiel, wo ja sehr viel passiert war, habe ich so gut wie nichts geschrieben. Im Januar auf der Reha habe ich dann eine Art Rückblick gemacht.

          Im Dezember 2011 haben Sie bei einer humangenetischen Untersuchung erfahren, dass Sie die Genmutation BRCA1 in sich tragen, die mit einem extrem hohen Risiko für weitere Krebserkrankungen einhergeht. Daraufhin haben Sie sich entschieden, das Brustgewebe entfernen zu lassen. Im Tagebuch finden sich sogar Bilder aus dem OP-Saal. Wie hat das denn rein praktisch funktioniert?

          Erst mal habe ich natürlich gefragt, ob das überhaupt in Ordnung ist. Dann hat mir die Ärztin zwei Tage vor der Operation den Saal gezeigt. Ich hatte mein Stativ dabei, wir haben besprochen, wo ich liegen werde und wo das Stativ hinkommt. Ich habe eine Kamera ohne Automatikmodus; das heißt, man muss so etwas wie Blende, Belichtungszeit und Schärfe immer manuell einstellen. Deswegen habe ich für die OP alles genau notiert. Und die Schwestern haben dann alles aufgestellt und die Bilder mit Fernauslöser gemacht. Ich hätte nie gedacht, dass ich mir so etwas wie meine eigene Operation mal anschauen würde. Aber auch da war ich dann irgendwie neugierig und sachlich interessiert daran, wie so etwas abläuft.

          Die Haare verlieren, aber nicht den Kopf.

          In Ihren Texten und auf den Fotos wirkt es, als ob Sie sehr stark und nüchtern mit der Diagnose und den Folgen umgegangen wären; vergleichsweise selten kommt so etwas wie Traurigkeit oder Wut hervor. Gab es das nicht?

          Ich hatte tatsächlich viel seltener negative Emotionen, als ich es anfangs erwartet hätte. In der Nacht vor der Diagnose hatte ich geträumt, dass ich Brustkrebs habe, aber alles wieder gut wird. Ich hatte natürlich gehofft, dass es nicht so kommt. Aber als ich dann paar Stunden später in die Klinik bin, habe ich so eine bestimmte Sicherheit gefühlt, wie sich alles entwickeln würde. Und daran habe ich mich die ganze Zeit über festgehalten. Als ich von der Genmutation erfahren habe, war das allerdings schon noch einmal ein ordentlicher Schlag für mich. Ich war sehr nervös und angespannt. Und ja, anfangs nach der Krebsdiagnose hatte ich auch eine Zeitlang nichts mehr gegessen. Aber allgemein bin ich an alles mit einer gewissen Zuversicht und Gefsstheit herangegangen.

          Sie haben die Fotos und Texte zunächst nur für sich selbst gemacht, sich später aber für eine Veröffentlichung entschieden. Warum?

          Ich habe immer mal wieder das Feedback bekommen, dass mein Umgang auch anderen Betroffenen helfen könnte. Auf meiner Reha habe ich den anderen Frauen Bilder gezeigt, die dann zum Beispiel gesagt haben, dass sie so etwas gerne gesehen hätten, bevor es bei Ihnen losgegangen ist. Als Angelina Jolie vor einigen Jahren aufgrund derselben Genmutation wie bei mir in den Medien war, sind einige meiner Fotos in einem Magazin erschienen. Daraufhin habe ich Unmengen an Mails bekommen, die alle sehr bestärkend waren.

          Was glauben Sie, was Ihr „Tagebuch einer Genesung“ mit Frauen in einer ähnlichen Situation macht?

          Ich denke bisher nicht so viel darüber nach, wie es andere wahrnehmen könnten. Ich hoffe einfach nur, dass es positiv aufgenommen wird und Mut macht.

          Bild aus „14/09 Tagebuch einer Genesung“.

          Auf den Fotos, auf denen Sie sich Ihre Haare ausreißen, oder auf denen Sie Ihren Körper und kahlen Kopf mit Tiermotiven bemalen lassen, sieht es so aus, als hätten Sie Spaß gehabt. Haben Sie keine Angst, dass das andere Krebskranke vor den Kopf stoßen könnte?

          Doch, das kann ich mir schon auch vorstellen. Ich habe in meinem Umfeld bereits gemerkt, dass es tatsächlich irritieren kann, aus so einer Situation so etwas zu machen. Es ist aber sicher nicht meine Absicht, jemanden damit zu provozieren. Viele Fotos, wie die, die Sie angesprochen haben, sind einfach aus der Situation heraus entstanden. Das Buch ist auch in keinster Weise als Rat oder eine Art Vorlage für andere Patientinnen gedacht. Es war bloß mein eigener, ganz individueller Weg.

          Inwiefern haben Sie Ihre Unterlagen für das Buch bearbeitet und ausgesucht?

          Ich bin ja halb Französin, halb Deutsche. Das Tagebuch war dement- sprechend auch mal auf Französisch geschrieben, mal auf Deutsch. Ich hätte ja nie im Traum daran gedacht, dass es mal in der Öffentlichkeit erscheint. Ich habe also einiges übersetzt und die Texte allgemein so über- arbeitet, dass man auch von außen besser nachvollziehen kann, was ich da so schreibe. Bestimmte Sachen, die mir dann zu privat oder intim waren, habe ich ganz gestrichen, aber das betraf nur sehr wenige Pas- sagen.

          Für das Buch haben Sie sich alle Unterlagen Jahre nach der Diagnose noch einmal genau angesehen. Wie war das im Nachhinein?

          Teils kamen mir meine Bilder so nahe, als seien sie gestern gewesen, teils schienen sie sehr weit weg. Sehr wenige haben mich so berührt, dass ich emotional geworden bin. Beim Tagebuch, bei den Texten, war das anders. An einer Stelle sind mir jedes Mal wieder die Tränen gekommen: Mein Bruder hat sehr geweint, als wir kurz nach Weihnachten 2011 über die Gendiagnose gesprochen haben. Unser Vater ist 2005 gestorben, unsere Mutter hatte 2008 Brustkrebs und dann ich; also alle Menschen, die ihm so nah sind oder waren. Das Leiden der anderen hat mir eigentlich immer mehr weh getan als mein eigenes. Ich habe mich dafür verantwortlich gefühlt, dass ich durch die Krebsdiagnose andere Menschen verletze, ihnen weh tue.

          Sich treiben lassen.

          Die Wiedererkrankungsrate bei Brustkrebs ist hoch. Haben Sie Angst vor der Zukunft? 

          Ich bin ein optimistischer Mensch, vielleicht auch naiv. Ich habe eine gewisse Leichtigkeit, wie ich mit Dingen umgehe. So eine Diagnose wird einen wohl nie komplett loslassen. Aber ich versuche, ihr nicht zu viel Platz zu geben, auch nicht meinem Gendefekt.

          Frauen mit Ihrer Genmutation haben auch ein höheres Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, weswegen neben den Brüsten in vielen Fällen die Eierstöcke vorsorglich entfernt werden.

          Ich bin jetzt 37, und der Plan, mit 40 die Eierstöcke entfernt zu bekommen, steht auch bei mir. Vor meiner ersten Chemotherapie wurden mir Eizellen entnommen, und natürlich wünsche ich mir, dass mein Freund und ich vorher noch Kinder bekommen. Aber ich muss auch realistisch sein und akzeptieren, dass daraus vielleicht nichts mehr wird.

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