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Nach Tod durch Glukose : Manche Krankenkassen übernehmen Kosten für Diabetestest

  • -Aktualisiert am

In der Heilig Geist Apotheke in Köln wurde die vergiftete Glukosemischung verkauft. Bild: dpa

Nachdem eine Mutter und ihr Neugeborenes an einer vergifteten Glukosemischung gestorben sind, haben Ermittler ein weiteres Tütchen mit Giftspuren sichergestellt. Einige Krankenkassen übernehmen derweil die Kosten für das sicherere Fertigpräparat – vorläufig.

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          Nach dem Tod einer Mutter und ihres Neugeborenen durch ein vergiftetes Glukosepräparat aus einer Kölner Apotheke sind viele Fragen weiterhin offen. Immer noch ist unklar, ob der Arznei vorsätzlich oder versehentlich Gift beigemischt wurde. Ermittler haben in einem Tütchen einer weiteren Patientin Spuren der selben toxischen Substanz festgestellt. Um welches Gift es sich handelt, wollten die Behörden aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, seien die Spuren so gering, dass sie offenbar nicht gesundheitsschädigend gewesen wären. Nach einem Aufruf der Behörden hatte die Patientin das Tütchen abgegeben, weitere Personen hätten sich nicht gemeldet.

          Unter schwangeren Frauen, die die Lösung noch einnehmen müssen, wächst derweil die Verunsicherung. „Gynäkologen haben uns erzählt, dass Patientinnen ihre Termine zur Durchführung des Tests teilweise absagen“, sagt Apotheker Holger Neye von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein.

          Der Test gilt als Standardverfahren, um Schwangerschaftsdiabetes festzustellen. Die Glukoselösung wird entweder als Fertigpräparat eingenommen oder mit Glukosepulver aus der Apotheke angerührt. Das Pulver kann bereits in der Apotheke, aber auch erst in der Praxis mit Wasser vermischt werden. Im zweiten Fall gibt die Apotheke das Pulver in kleinen Tütchen aus. Roche stellt als einziger Hersteller die Fertiglösung „Accu-Chek Dextrose OG-T“ her, die nicht extra angerührt werden muss. Der Preis des Fertigprodukts variiert zwischen 4 und 6 Euro.

          Höhere Kosten und Lieferengpässe

          Ärzte setzen vermehrt die selbst angerührte Lösung ein, weil die Krankenkasse das teurere Fertigpräparat seit 2016 nicht mehr übernimmt. Die Versicherung trägt seitdem nur noch die Kosten für das angerührte Mittel, die sich auf 1,21 Euro belaufen. „Wirtschaftliche Gründe“ seien es, die zu dieser Umstellung geführt haben, so Neye von der KV Nordrhein. Immer wiederkehrende Lieferengpässe führen zusätzlich dazu, dass das Fertigpräparat nicht verfügbar ist und die Ärzte zur Anrührmischung greifen.

          Was die Kosten des Diabetestests betrifft, soll nun ein Beschluss von nordrheinischen Krankenkassen Abhilfe für beunruhigte Patientinnen im Kölner Raum schaffen: Die Kassen wollen bis zum 31. Dezember die Kosten für das Fertigpräparat decken. Ärzte können dieses über den Sprechstundenbedarf beziehen und ausgeben, sagte eine Sprecherin der AOK Rheinland/Hamburg. Die Regelung gelte bis „zur abschließenden Klärung des Sachverhalts in den betroffenen Apotheken in Köln“.

          Die AOK Rheinland/Hamburg ist Federführer des Beschlusses, der auf Anregung der KV Nordrhein auf den Weg gebracht wurde. Auch die BKK Nordwest, die IKK classic, die Knappschaft Bahn-See und die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau haben zugestimmt. Unklar ist derzeit, ob die Vereinbarung in jedem Fall bis Ende des Jahres gilt – oder ob sie im Zuge einer früheren Aufklärung entfällt. Die AOK Rheinland/Hamburg machte hierzu bislang keine Angaben. Die grundsätzliche Zubereitung von Arzneimitteln durch Apotheken sei nicht generell anzuzweifeln, so die Sprecherin. Aus den Kölner Ereignissen könne kein systematisches Risiko für Patientinnen abgeleitet werden.

          „Die Verantwortung für die Menschen wird auch von den Krankenversicherungen getragen“

          Ärzte bemängeln die zeitliche Begrenzung der Regelung. „Die Verantwortung für die Sicherheit der uns anvertrauten Menschen wird auch von den Krankenkassen mitgetragen und endet nicht am 31. Dezember“, sagt Diabetologin Heinke Adamczewski. Die langfristige Kostenübernahme durch die Kassen sollte das Ziel sein, so die Internistin. Das Fertigpräparat sei grundsätzlich der genauere Test, da weniger Verarbeitungsschritte in Apotheke und Arztpraxis nötig seien.

          So könnten Testergebnisse verfälscht werden, wenn die Glukose sich nicht vollständig im Wasser auflöst und Restbestände im Glas bleiben. Das fertige Präparat enthält im Gegensatz zur angerührten Lösung zusätzlich Geschmacksstoffe. Laut Adamczewski können Patienten das Mittel durch den besseren Geschmack meist besser vertragen als die angerührte Lösung. Die vorläufige Maßnahme der Krankenkassen bezeichnet die Internistin als „Beruhigungsmaßnahme“.

          Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein macht man aus dieser Intention keinen Hehl. „Unser ursprünglicher Vorschlag war, das Mittel vorübergehend freizugeben, um die Situation in den Praxen zu entschärfen“, sagt Neye von der KV. „Solange, bis die Patientinnen wieder sicher sein können, dass von den Apotheken einwandfreie Ware geliefert wird.“ Die Regelung sei auf den 31. Dezember 2019 begrenzt, weil an diesem Tag das vierte Quartal ende. „Wenn im Kölner Fall bis Jahresende noch Unklarheit besteht, wovon wir nicht ausgehen, hätten wir einen Grund, die Ausnahmereglung zu verlängern“, so Neye.

          Im Kölner Fall ist nach wie vor unklar, in welchem Verarbeitungsschritt Gift in die angerührte Mischung gelangte, durch die eine Patientin und ihr Neugeborenes starben. Die drei Kölner Apotheken des Verbundes, der die Mischung verkauft hatte, bleiben weiterhin geschlossen. Am Mittwoch wurde bekannt, dass der Betreiber nun auf Wiedereröffnung klagt. Nach Angaben des Kölner Verwaltungsgerichts habe er eine einstweilige Verfügung gegen die Stadt beantragt.

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