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Kloster Marienthal : Die Neiße sprang einfach über die Mauer

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Der Schaden im Kloster St. Marienthal beläuft sich auf mehrere Millionen Euro Bild: REUTERS

In dem gerade restaurierten Kloster St. Marienthal bei Ostritz hat das Aufräumen nach der Blitzflut in Sachsen begonnen. Dort hatte das Wasser Türen und Fenster eingedrückt. Die Flut hinterließ einen Schaden in Millionenhöhe.

          Die Sonne sticht auf den Klosterhof des Zisterzienserinnenklosters St. Marienthal bei Ostritz. Es ist warm und feucht. Die Füße stehen in dunklem Schlamm, auf dem sich langsam helle Streifen abzeichnen. Am Montagmittag sind noch keine 24 Stunden vergangen, da hätte man an gleicher Stelle kinnhoch im Wasser gestanden, in einer schmutzig gelben Brühe. Am Samstagabend um 22 Uhr gab es im Kloster Katastrophenalarm. Am Sonntag war das ganze Gelände überflutet. Am Montag ist das Wasser wieder weg und hat nichts als Dreck und Zerstörung hinterlassen. Nichts, was ebenerdig bis zu einer Höhe von zwei Metern untergebracht war, ist verschont geblieben.

          Jetzt hat das Aufräumen begonnen. Aus Räumen, die einst Büros beherbergten, werden tropfnasse Akten herausgetragen. Papiere und Prospekte, die nicht in Schränken verschlossen waren, haben sich selbständig gemacht, sind mit dem Schlamm eine Verbindung eingegangen und haben sich über den Klosterhof verteilt. Vor dem Klosterladen stapeln sich Ballen von irgendwas. Rosenkränze, Heiligenbilder, Kerzen, Klosterkekse und Liköre – alles ist verklumpt, zusammengeschoben und heraus getragen worden. Computergehäuse sind von außen schlammverschmiert, innen ist die Festplatte mit Schlamm zugesetzt. Viele Hände rühren sich. Sie schieben mit Schneeschiebern den Schlamm aus den Räumen, tragen Fernsehgeräte, die vermutlich kein Bild mehr zeigen werden, und Korbmöbel ins Freie, in die Sonne.

          Auch die Klosterbäckerei und die Wäscherei sind verwüstet

          In dieser Geschäftigkeit erscheint die Äbtissin, Schwester Regina. Eine kleine zierliche Person. Über dem grauen Arbeitskleid trägt sie einen tadellos weißen Schleier. Unter dem Rocksaum lugen Gummistiefel hervor. Auch die Äbtissin trägt Schlammspuren auf ihrer Schürze. Sie wird begleitet von der Priorin, Schwester Elisabeth. Die trägt ein weißes Ordenskleid und bringt etwas Helligkeit in das schmutzige Durcheinander, auch mit ihrem Strahlen auf dem Gesicht und ihren freundlichen Gesten. Beide Ordensfrauen begrüßen den sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU), der sich im Überschwemmungsgebiet umschaut. Tillich trägt Jeans und ein Polohemd. Er vermittelt den Eindruck, als wolle er gleich mithelfen beim Aufräumen.

          Unter Wasser: Das 775 Jahre alte Zisterzienserkloster im ostsächsischen Ostritz

          Die Schwestern führen den Landesvater in die Klosterkirche. „Gehen Sie hier lang, Schwester“, ruft ein Helfer der Äbtissin zu. „Hier ist es nicht so saftig.“ Auch in der Klosterkirche hat das Wasser zwei Meter hoch gestanden. „Bis zum Tabernakel.“ Es ist nun dunkel in der Kirche. Da fällt kein Sonnenstrahl herein. Der Fußboden ist schlammig nass, eben „saftig“. Zwei Schwestern tragen in einer Wanne die Altarwäsche weg. „Die war neu gehäkelt“, sagt eine von ihnen. Zu sehen ist nur eine braune Masse. Auch im Kreuzgang hat das Wasser gestanden. Er ist wie das ganze Kloster restauriert und gerade erst fertig geworden. Vom Kreuzgang geht das Refektorium ab, der Speisesaal. Hier ist die unvorstellbare Wucht des Wassers zu sehen. Die schweren und alten Holzbänke liegen wild durcheinander gespült da. Dazwischen Heiligenfiguren. In der Klosterküche steht die Kühlzelle schräg mitten im Raum. Eigentlich hängt sie mehr als sie steht und hat einmal an der Wand in der Ecke gestanden. Auch die Klosterbäckerei ist verwüstet, ebenso die Wäscherei. Die Geräte in ihr sind kaum noch zu gebrauchen.

          „Man konnte in der Nacht das Wasser gurgeln hören“

          Dabei hätte eine Wasserschutzmauer das Kloster vor der Lausitzer Neiße, die es in einem Bogen umfließt, schützen sollen. Die ist auch rechtzeitig errichtet worden, als die ersten bedrohlichen Meldungen kamen. Aber das Wasser sei einfach über die Mauer gesprungen, berichtet die Äbtissin. Als der Damm am Witka-Stausee in Polen brach, stürzte soviel Wasser in die Neiße, dass das Wasser, das von Zittau herunterkam, in Ostritz und am Kloster nicht abfließen konnte. Deshalb suchte es sich seinen Weg über die Wasserschutzmauer und drang in alle Gebäudeteile ein.

          „Man konnte in der Nacht das Wasser gurgeln hören“, berichten einige Klostergäste. „Mit lautem Knall drückte es die Türen auf und ließ Fenster zersplittern.“ Am Samstagabend forderten Polizei und Feuerwehr die 15 Ordensfrauen auf, das Kloster zu verlassen. „Aber wir haben uns geweigert“, sagt die Äbtissin. In einer Turnhalle hätten die Schwestern Platz finden sollen. „Aber das konnte ich meinen Mitschwestern nicht zumuten“, sagt Schwester Regina. Sicherheitshalber haben sie die kranken und bettlägrigen Schwestern ein Stockwerk höher verlegt. „Aber das war eigentlich nicht notwendig.“ Seit 775 Jahren ist das Kloster Marienthal ununterbrochen bewohnt. Das wurde 2009 gefeiert, und daran soll sich auch jetzt nichts ändern.

          Die bevorstehenden kirchlichen Feste werden in Marienthal ausfallen

          Fünfzehn Schwestern in dem weiträumigen Kloster sind viel zu wenige. Um die Gebäude aber zu nutzen und zu beleben, wurde in einer Stiftung des Klosters das Internationale Begegnungszentrum (IBZ) gegründet. In mehr als 200 Veranstaltungen im Jahr und bei etwa 25 000 Übernachtungen werden dort Fortbildungen und grenzüberschreitende Begegnungen sowie Erholungsaufenthalte organisiert. Auch die Teile des Klosters, die vom IBZ genutzt werden, und das ist der größere Teil, sind vom Wasser heimgesucht worden. Das IBZ wird auf absehbare Zeit die Arbeit ruhen lassen müssen. Auch die bevorstehenden kirchlichen Feste, am 15. August Mariä Himmelfahrt und am 20. August das Fest das Heiligen Bernhard, die im Kloster Marienthal sonst mit großer Anteilnahme der Bevölkerung gefeiert wurden, „werden wir in diesem Jahr ganz still im Gebet begehen“, sagt die Äbtissin, Schwester Regina.

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