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Katastrophenschutz-Konferenz : Wettbewerb um das Frühwarnsystem

  • Aktualisiert am

Annan-Video in Kobe: Die Botschaft hörten sie wohl ... Bild: REUTERS

Die Welt müsse aus der Tsunami-Katastrophe lernen, gemeinsam in eine Vorbeugung investieren, mahnte UN-Generalsekretär Annan. Prompt gab es auf der Katastrophenschutzkonferenz Streit um den Aufbau eines Warnsystems.

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          Deutschland will den Aufbau eines Frühwarnsystems für Seebeben und Flutwellen im Indischen Ozean unter das Dach der Vereinten Nationen stellen. Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sagte auf der UN-Konferenz zum Katastrophenschutz im japanischen Kobe, nur die UN seien in der Lage, eine koordinierende Rolle bei der grenzübergreifenden Errichtung eines solchen Systems zu spielen. Zur Zeit konkurrieren Europäer, Amerikaner und Japaner um die Installierung eines Warnsystems in der zum Ende des vergangenen Jahres von dem tödlichen Tsunami heimgesuchten Region. "Es wäre eine verpaßte Chance, wenn hier nicht zusammengearbeitet wird", sagte die Ministerin.

          Die Bundesregierung biete den von der Flutwelle getroffenen Staaten Südasiens jede verfügbare wissenschaftliche, technische und finanzielle Unterstützung an, sagte Bulmahn weiter. Nach den Worten von Jörn Lauterjung, dem Leiter des Wissenschaftlichen Vorstandsstabes des Geoforschungszentrums in Potsdam (GFZ), ist im Auftrag der Bundesregierung ein Konzept ausgearbeitet worden, das die neuesten Entwicklungen in der Satelliten- und Kommunikationstechnik für die Flutwellenvorhersage nutzbar machen könne. Das System sei offen für alle, in den Grundlagen schon etabliert und verhältnismäßig preiswert. Berlin rechnet mit Kosten von 45 Millionen Euro. In zwei Jahren könnte das System einsatzbereit sein.

          Einbindung ins Galileo-Projekt

          Nach den Worten Bulmahns arbeiten seit Jahren mehrere europäische Staaten an der Entwicklung dieses Systems. So kooperierten die verschiedenen deutschen Forschungsanstalten rund um das GFZ mit den französischen Meeresforschern des Instituts Ifremer und denen der britischen SOC. Das von ihnen ausgeworfene Netz schwimmender oder auf dem Meeresgrund verankerter Meßgeräte zur Erfassung von Erschütterungen und darauf folgenden Tsunamis könnte durch Hinzufügen weiterer Geräte im Indischen Ozean nun enger geknüpft werden. Darüber hinaus könne man es auch mit anderen Netzwerken wie denen der Japaner und Amerikaner im Pazifik verbinden. Die einzelnen Meßstationen sind mit wasserdichten High-Tech-Rechnern ausgestattet, die mit Satelliten im Weltraum kommunizieren.

          Die Europäer bauen gerade ein eigenes satellitengestütztes System zur weltumspannenden Ortsbestimmung auf. Im "Galileo-Projekt" werden etwa 30 Satelliten verwendet. Mit ihnen ließen sich ohne Schwierigkeiten auch Flutwellen erfassen. Damit stehen die Europäer in direkter Konkurrenz zum amerikanischen Global Positioning System (GPS). Dessen 25 Satelliten sollen bis zum Ende des Jahrzehnts Schritt für Schritt gegen neue ausgetauscht werden. Länder Südasiens wie Indonesien haben allerdings schon Vorbehalte dagegen angemeldet, sich bei einem Tsunami-Warnsystem zu eng an Washington zu binden. Das amerikanische GPS wird auch vom Pentagon kontrolliert. Die Vorbehalte vieler Asiaten wollen die Europäer nun nutzen. Bis zur Inbetriebnahme von Galileo spätestens gegen Ende des Jahrzehnts erwägen sie, das Frühwarnsystem im Indischen Ozean über das russische Glonass-System mit seinen knapp zwei Dutzend Satelliten laufen zu lassen.

          Skepsis in Japan und den Vereinigten Staaten

          Das von der GFZ in den vergangenen Jahren erarbeitete Warnsystem kann auch auf das Mittelmeer, den Atlantik und den Pazifik ausgedehnt werden. Dort allerdings unterhalten die Japaner und Amerikaner seit Jahrzehnten ein funktionierendes Frühwarnsystem. Während die Japaner dabei in erster Linie ihre Küstengewässer im Blick haben, suchen die Amerikaner von Hawaii aus den gesamten Pazifik nach Seebeben und anschließenden Flutwellen ab. So treffen nun die von den Deutschen in Kobe vorgetragenen Pläne in Tokio und Washington auf Skepsis. Dabei führt Amerika vor allem seine bislang noch unangefochtene technologische Führungsrolle an. Japan verweist darauf, daß es die größten Erfahrungen mit Tsunamis, ihren Folgen und ihrer wissenschaftlichen Erfassung hat.

          Diese erprobten Systeme sollen nun auch in den Anrainerstaaten des Indischen Ozeans zur Anwendung kommen. Wie die Deutschen schlagen die Japaner dabei vor, dort ein länderübergreifendes Warnsystem einzurichten. Die Kosten dafür könnte sich die internationale Gemeinschaft teilen. Die Zentrale dieses Systems soll nach Vorstellung der Tokioter Regierung in Kobe liegen. Die deutsche Regierung allerdings macht sich für den Standort Potsdam, den Sitz der GFZ, stark. Darüber hinaus setzt Berlin auch auf lokale Zentren in Indonesien oder Sri Lanka. Amerika hält an seinem etablierten Standort auf Hawaii fest.

          Berlin will Großteil der Kosten tragen

          Deutschland versucht nun, sein Vorhaben im Indischen Ozean auch von der finanziellen Seite zu stützen. So hat Berlin signalisiert, daß es einen Großteil der Kosten für die Errichtung des von der GFZ entworfenen Systems übernehmen könnte. Die Bundesregierung hat den von der Flutwelle am zweiten Weihnachtsfeiertag heimgesuchten Regionen schon Hilfen von 500 Millionen Euro zugesichert. Darüber hinaus seien in der deutschen Bevölkerung Spenden in Höhe von 370 Millionen Euro gesammelt worden, sagte Bulmahn. Dieses Geld müsse nun schnell und zweckdienlich in der getroffenen Region eingesetzt werden. Dazu gehöre auch der Aufbau eines Frühwarnsystems. Dessen Etablierung sei unter dem Dach der Vereinten Nationen am effizientesten, sagte sie. "Es geht hier nicht um Konkurrenz, sondern um Hilfe."

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