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Kampf gegen die nukleare Katastrophe : Japans „größte Krise der Nachkriegszeit“

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Die Armee-Hubschrauber können 7,5 Tonnen Wasser fassen Bild: AFP

Provisorische Stromleitungen, Notstrom-Aggregate und 30 Wasserwerfer sollen den Gau in dem beschädigten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi verhindern. Am Samstag soll der Strom wieder fließen - ob dann aber auch die Kühlung anspringt, ist völlig offen. Ministerpräsident Kan sagte, die Situation erlaube keinen Optimismus.

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          Im Wettlauf gegen die nukleare Katastrophe in Fukushima versucht Japan Zeit zu gewinnen. Der AKW-Betreiber Tepco hofft, dass er die havarierten Reaktoren 1 und 2 am Samstag über die wiederhergestellte Stromleitung versorgen kann, wie der Sender NHK am Freitag berichtete. Die Helfer hoffen, dass dann die Kühlung des AKW-Wracks in Gang kommt. Fast 140 Einsatzkräfte der Feuerwehr Tokio verspritzten zudem mit 30 Spezialfahrzeugen Wasser auf den Reaktor 3. Er ist wegen seiner Plutonium-Brennstäbe besonders gefährlich. Eine Woche nach dem Erdbeben stand die Lage weiter auf der Kippe.

          Die erneuten Kühlversuche seien erfolgreich gewesen, betonte Regierungssprecher Yukio Edano. Der Fernsehsender zeigte auch einen Armeesprecher, der über Block 3 berichtete: „Wir haben das Ziel getroffen.“ Das Wasser soll eine Kernschmelze verhindern.

          Im havarierten Reaktor 4 des japanischen Katastrophen-AKW Fukushima sammelt sich seit Freitag erneut explosiver Wasserstoff. Dies geht aus der aktuellsten Analyse des Japan Atomic Industrial Forum (JAIF) hervor. Das Risiko für eine weitere verheerende Wasserstoff-Explosion ist nach Expertenmeinung aber gering. In dem bereits weitgehend zerstörten Reaktorgebäude 4 könne der Wasserstoff relativ schnell entweichen, sagte Reaktorexperte Hans-Josef Allelein von der RWTH Aachen. „Da hat es schon gebrannt, das heißt, es bestehen schon Öffnungen.“ Kleine Wasserstoff-Explosionen seien möglich, „aber keine mit großen Auswirkungen“.

          100.000 Soldaten sind im Katastrophengebiet im Einsatz
          100.000 Soldaten sind im Katastrophengebiet im Einsatz : Bild: dapd

          Wasserstoffgas kann in Reaktorkernen bei Temperaturen über 1.000 Grad Celsius durch chemische Reaktionen entstehen. Kommt dieses mit Sauerstoff in Kontakt, kann es im schlimmsten Fall zu gewaltigen Explosionen kommen - wie in Fukushima bereits mehrfach geschehen. Ähnliches droht bei Wassereinspeisung in den überhitzten Kern.

          Ein zusätzliches Krisen-Kommando aus Technikern, Soldaten und Feuerwehrleuten soll unter extremer Strahlenbelastung die vier beschädigten Reaktoren abkühlen. Insgesamt hat Fukushima Daiichi sechs Blöcke. Die Kühlversuche per Wasserwerfer sollen auch auf Reaktor 1 ausgeweitet werden. In einem Gebäude neben Block 1 wurde unterdessen ein Stromverteiler installiert, meldete der staatliche Sender NHK unter Berufung auf Tepco. Nun werde an einer Verbindung zum Transformator am Block 2 gearbeitet.

          Unfall hochgestuft

          Der Wind am Unglücksreaktor soll zu Beginn kommender Woche in Richtung der Millionen-Metropole Tokio drehen. „Wie weit sich die Radioaktivität dann ausbreitet, kann man aber noch nicht sagen“, sagte Christina Speicher vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Zunächst wehe er - und damit die strahlenden Teilchen - bis zum Wochenende aber weiter auf den Pazifik hinaus.

          Das amerikanische Militär bot Japan Unterstützung durch 450 Strahlenexperten an. Die Einheit könne dem Land bei der Bewältigung seiner Nuklearkrise helfen, sagte der Befehlshaber des amerikanischen Pazifikkommandos, Admiral Robert Willard, nach Angaben der japanischen Agentur Kyodo. Ein Team aus neun Spezialisten sei bereits nach Japan geschickt worden. Die Experteneinheit könne unter anderem zur Strahlenmessung und Dekontamination verstrahlter Menschen oder Objekte eingesetzt werden.

          Japan stufte die Gefährlichkeit des Störfalls im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi auf das Ines-Level 5 hinauf. Damit entspricht der Unfall in Fukushima jetzt dem von Harrisburg im Jahr 1979 und liegt zwei Stufen unter der Katastrophe von Tschernobyl. Diese Atomkatastrophe erreichte vor rund 25 Jahren mit der Stufe 7 das höchste Level der internationalen Ines-Skala.

          Kan mit Tränen in den Augen

          Mit der Skalierung kann die Größenordnung von Atomunfällen eingeordnet werden. Nach der Definition wird die Lage in Fukushima nun als „Unfall mit weiterreichenden Konsequenzen“ beschrieben, wie die Internationale Atomenergiebehörde IAEA am Freitag mitteilte. Bisher hatten die japanischen Behörden den Störfall als „Unfall mit lokalen Konsequenzen“ auf der INES-Stufe 4 eingeordnet.

          Damit liegt Japan weiter hinter der Sicht internationaler Experten zurück: Schon vor Tagen hatten die französische Atomsicherheitsbehörde (ASN) und das unabhängige amerikanische Institut für Wissenschaft und Internationale Sicherheit (Isis) den Unfall auf der zweithöchsten Stufe 6 - „ernster Unfall“ - eingeordnet.

          Auf die massive Kritik am Krisenmanagement der japanischen Regierung hat Ministerpräsident Naoto Kan mit dem Versprechen reagiert, mehr Informationen über die Atomkrise zu liefern. „Ich möchte versprechen, dass wir der IAEA so viele Informationen wie möglich zur Verfügung stellen wollen, auch der ganzen Welt“, sagte Kan nach einem Treffen mit IAEA-Chef Yukiya Amano in Japan.

          Von Journalisten zur Lage in Fukushima befragt, sprach Kan von einer weiterhin sehr ernsten Situation: Diese erlaube keinen Optimismus. Die Lage werde aber „in nicht weiter Ferne“ unter Kontrolle gebracht. Kan erklärte, Japan stehe vor der größten Krise der Nachkriegszeit. Als Antwort würden alle verfügbaren Kräfte gebündelt. Die atomare Krise erlaube keinen Optimismus. Kan sagte mit Tränen in den Augen, obwohl Japan ein kleines Land sei, habe es ein großes Wirtschaftswachstum erreicht. Dieses Land sei mit der Kraft aller Menschen aufgebaut worden. Es werde sich von dieser Katastrophe nicht unterkriegen lassen. Die Menschen dürften nicht pessimistisch sein: „Wir werden Japan neu aufbauen.“

          Noch mehr als 30 Kilometer vom Katastrophen-AKW Fukushima entfernt wurde am Donnerstag und Freitag eine deutlich erhöhte Strahlenbelastung festgestellt. Die höchste Belastung habe dabei in einer Zone gelegen, die bisher nicht evakuiert worden ist. Die Menschen hier wurden lediglich aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben. Nach Expertenmeinung nehmen Menschen bei der gemessenen Belastung innerhalb von sechs bis sieben Stunden so viel Strahlung auf, wie sonst innerhalb eines Jahres gerade noch verträglich wäre.

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