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Kalifornische Feuerwehrfrau : „Man erlebt, wie das Zuhause der Menschen niederbrennt“

  • -Aktualisiert am

„Viele Leute wollen ihr Hab und Gut mit aller Kraft schützen“, sagt Feuerwehrfrau Christine McMorrow im Interview. Bild: AP

Die Feuerwehrfrau Christine McMorrow spricht im Interview über die Brände in Kalifornien, darüber, wie Corona ihre Einsätze erschwert und über die dunkelsten Momente in ihrem Beruf.

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          Frau McMorrow, auf der Landkarte von Cal Fire, dem kalifornischen Amt für Forstwesen und Brandschutz, sieht es nicht gut aus. Zwischen den Salmon Mountains im Norden und dem Angeles National Forest im Süden zeigt sie unzählige rote Flammen. Hunderttausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen, Gouverneur Gavin Newsom hat den Notstand erklärt. Die für Kalifornien typische Brandsaison 2020 hat gerade erst angefangen und ist schon jetzt eine der verheerendsten aller Zeiten.

          Unglücklicherweise treffen in diesem Jahr mehrere Phänomene zusammen. Vor zwei Wochen gingen innerhalb weniger Tage fast 11.000 Blitze über Kalifornien nieder. Gleichzeitig wurde der Bundesstaat von einer Hitzewelle eingeholt. Dazu kommt noch ein besonders regenarmer Sommer. Diese Kombination ist einmalig, vor allem wegen der Trockenblitze.

          Trockenblitze?

          Ja, Blitze, die nicht Teil eines Gewitters sind. Sie bringen wenig oder gar keinen Regen mit sich. In höheren Bergregionen wie der Sierra Nevada beobachten wir das „dry lightning“ immer wieder. Vor zwei Wochen löste es etwa 600 Feuer aus. Manchmal wurde nur ein Baum in Brand gesteckt, manchmal breiteten sich die Flammen in kürzester Zeit über große Flächen aus. Aber das Feuer an einem einzelnen Baum muss ebenso in Schach gehalten werden wie ein Flächenbrand.

          In der Weinregion nordöstlich von San Francisco sowie im Osten von San Jose brachen gleich mehrere Brände aus. Anstelle wie üblich einzelne Feuer zu benennen, fasst Cal Fire sie jetzt als Komplex zusammen. Ist das neu?

          In Kalifornien gab es immer mal wieder Serien von Bränden, die wir als „complex“ einstuften. Dass es gleich mehrere dieser Feuergruppen gibt, haben wir aber noch nicht erlebt. Der LNU Lightning Complex hat sich in der Weinregion schon über mehr als 1505Quadratkilometer ausgebreitet, der SCU Lightning Complex im Osten von San Jose sogar über mehr als 1510. Und die Bezirke Santa Cruz und San Mateo werden vom CZU Lightning Complex heimgesucht, schon auf einer Fläche von knapp 340 Quadratkilometern.

          Feuerwehrfrau Christine McMorrow aus Kalifornien
          Feuerwehrfrau Christine McMorrow aus Kalifornien : Bild: privat

          Als Feuerwehrfrau sind Sie jahrelang an Bord eines Löschhubschraubers geflogen. Kommt da nicht auch ein bisschen Panik auf? Aus der Luft sieht man das Ausmaß eines Feuers ja noch besser.

          Hubschrauber werden in der Regel in entlegenen Brandgebieten eingesetzt. Ich habe Einsätze im Stanislaus National Forest, in der Region nördlich von Yosemite und in Nachbarstaaten geflogen. Das ist zwar gefährlich, aber auch aufregend.

          Gibt es ein Erlebnis, das Sie am liebsten vergessen würden?

          Vor einigen Jahren ist der Hubschrauber meiner Crew bei einem Einsatz abgestürzt. Der Pilot kam ums Leben.

          Im Moment sind schon mehr als 15.500 Feuerwehrleute im Einsatz. Cal Fire hat auch Australien und Kanada gebeten, Löschtrupps zu schicken. Wo sind die kalifornischen Häftlinge, die die Feuerwehr traditionell unterstützen?

          Kalifornien hat etwa 200 Häftlingscrews, also Freiwillige aus Gefängnissen, die bei Löscharbeiten helfen. Wegen der Corona-Pandemie fällt in diesem Jahr aber fast die Hälfte aus. Die Gefängnisverwaltung hat viele Häftlinge vorzeitig entlassen, damit sie sich hinter Gittern nicht mit Covid-19 infizieren. Im Moment sind nur etwa 100 Häftlingscrews, knapp 1400 Mann, im Einsatz.

          Macht Corona die Brandsaison 2020 komplizierter?

          Ja. In der Regel kampieren Feuerwehrleute während der Löscharbeiten in Basislagern. Dort passiert alles. Es wird auf engstem Raum übernachtet, gegessen, geduscht. Es werden Landkarten ausgearbeitet und Einsätze koordiniert. Jetzt versuchen wir, uns mehr zu verteilen. Viele schlafen in Hotels oder in Wohnwagen. Wir essen in mehreren Schichten. Und selbstverständlich tragen alle auch im Basislager Masken und halten Abstand.

          Die Behörden haben den Bewohnern möglicher Brandgebiete ans Herz gelegt, eine Tasche für den Ernstfall zu packen. In den vergangenen zwei Wochen sind schon mindestens sieben Personen ums Leben gekommen. Trotzdem weigern sich einige weiterhin, den Evakuierungsaufforderungen zu folgen.

          Viele Leute wollen ihr Hab und Gut mit aller Kraft schützen. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Ihnen kann aber nicht nur das Feuer selbst gefährlich werden. Auch die Feuerschutzmittel, die Flugzeuge und Hubschrauber ablassen, sind nicht ohne.

          Die Flammen haben nach Schätzungen schon mehr als 3000Wohnhäuser und Scheunen zerstört. LNU Lightning Complex und SCU Lightning Complex gehören zu den größten Bränden in der jüngeren Geschichte von Kalifornien. Meinen Sie, dass die Bewohner der Brandgebiete zurückkommen und wieder aufbauen?

          Einige werden nicht zurückkehren. Die meisten erfahrungsgemäß aber doch. Trotz der Feuer ist Kalifornien ihr Zuhause. Die Leute halten unglaublich viel aus.

          Laut einer Studie der Universität von Kalifornien in Los Angeles ist die Durchschnittstemperatur in Kalifornien in den vergangenen 40Jahren um 1,4Grad gestiegen, der Niederschlag nahm um 30Prozent ab. Hat der Klimawandel etwas mit den Bränden zu tun?

          Das ist schwer zu sagen. In jedem Fall beobachten wir, dass sich die Brandsaison verlängert. Die Regierung in Sacramento hat lange versäumt, vorsorgliche Brandbekämpfung zu betreiben. In den Wäldern steht zu viel potentielles Brennmaterial wie abgestorbene Bäume und Buschwerk. Wir sind jetzt dabei, sie abzuholzen oder durch kontrollierte Brände abzufackeln. So soll die Zahl von Großbränden zumindest heruntergefahren werden.

          Können Sie abschätzen, wann die Feuerkomplexe gelöscht sein werden?

          Das lässt sich nicht absehen. An einigen Tagen gelingt es, das Feuer einzudämmen. Aber dann brechen die Flammen plötzlich doch wieder durch unsere Linien. Im Moment sind wir dankbar, bei der Eindämmung der Feuerkomplexe zweistellige Prozentzahlen erreicht zu haben.

          Wie sehen die schwärzesten Momente einer Feuerwehrfrau in Kalifornien aus?

          So wie in diesen Tagen. Man erlebt, wie das Zuhause unzähliger Menschen niederbrennt. Das Feuer zerstört dabei nicht nur Häuser. Es kann das ganze Leben ruinieren.

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