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Proteste von Umweltschützern : Japan wird Fukushima-Abwasser in Pazifik ablassen

Die Atomkraftwerksruine Fukushima Daiichi an der japanischen Pazifikküste Bild: EPA

Die japanische Regierung hat entschieden, dass das behandelte Kühlwasser aus der Atomkraftwerksruine Fukushima Daiichi in den Pazifik abgelassen werden darf. Südkorea und Umweltschützer sind empört.

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          Nach langem Zögern hat die japanische Regierung am Dienstag entschieden, dass mehr als eine Million Kubikmeter weitgehend von radioaktiven Stoffen gereinigtes Kühlwasser aus dem havarierten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi kontrolliert in den Pazifik abgelassen werden darf. Für die Arbeiten zum Abriss des Reaktors, in dem es vor zehn Jahren nach einem Tsunami zur dreifachen Kernschmelze kam, ist das ein Meilenstein. Allerdings riskiert Japan mit der Entscheidung diplomatischen Ärger mit benachbarten Staaten.

          Patrick Welter
          (pwe.), Wirtschaft

          „Wir haben keine andere Wahl, als uns des Abwassers zu entledigen, weil wir mit der Außerdienststellung der nuklearen Reaktoren vorankommen müssen“, sagte Ministerpräsident Yoshihide Suga. Die Regierung werde alles in ihrer Kraft Stehende tun, um die Sicherheit des behandelten Wassers zu gewähren und mögliche Reputationsschäden zu vermeiden.

          Kühlwasser-Tanks bis Mitte 2022 voll

          Die Abgabe des Wassers in den Pazifik wird nach Angaben des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) in etwa zwei Jahren beginnen. Zuvor müssen die Tokioter Elektrizitätswerke Tepco, die das Kraftwerk betreiben, entsprechende Vorbereitungen treffen. Das Wasser wird vor dem Ablassen in den Pazifik verdünnt, so dass es den Sicherheitsrichtlinien entspricht. Industrieminister Hiroshi Kajiyama sagte vergangene Woche, dass externe Beobachter den Vorgang kontrollieren können.

          Der seit Monaten erwartete Beschluss beendet eine jahrelange Diskussion, was mit dem zur Kühlung der Reaktoren verwendeten Wasser geschehen soll. In den Reaktoren 1 bis 3, in denen es im März 2011 zur Kernschmelze kam, wird der geschmolzene Brennstoff mit Wasser gekühlt. Das radioaktiv verseuchte Wasser wird anschließend aus den Reaktoren gepumpt, durch eine Reinigungsanlage auf dem Gelände geleitet und in Tanks gelagert. Rund 1000 dieser Wassertanks stehen auf dem Kraftwerksgelände. Sie belegen nach Angaben des Betreibers Platz, der in den kommenden Jahren beim Abbau der Reaktoren benötigt werde. Die Kapazität auf dem Gelände für neue Tanks ist nach Angaben Tepcos erschöpft. Zur Jahresmitte 2022 sollen alle Tanks nach einer Prognose des Konzerns gefüllt sein.

          Der Unglücksreaktor von Fukushima
          Der Unglücksreaktor von Fukushima : Bild: AP

          Das verbrauchte Kühlwasser, das durch Alps-Filteranlagen gereinigt wird, enthält nach wie vor Tritium, das sich nur sehr schwer von Wasser trennen lässt. Global sei es üblich, dass mit Tritium belastetes Wasser kontrolliert in den natürlichen Wasserkreislauf abgegeben werde, argumentieren die japanische Regierung und Tepco. Die Menge des auf dem Kraftwerksgelände gesammelten Wassers erschreckt Umweltschützer. Die mehr als eine Million Kubikmeter Wasser entsprechen in etwa der Füllung von 500 olympischen Schwimmbecken. Verglichen mit den Weiten des Pazifiks aber ist es wenig.

          Protest aus Südkorea und von Umweltschützern

          Die Entscheidung führte umgehend zu Protesten von Nachbarstaaten. Südkoreas Regierung äußerte nach einer Dringlichkeitssitzung von Vizeministern „großes Bedauern“ über Japans Beschluss. Das Nachbarland will seine Bedenken bei der internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) geltend machen und fordert von Japan höchste Transparenz. Südkorea will auch die Kontrollen eingeführter Lebensmittel auf Radioaktivität verschärfen.

          Nach Einschätzung der Vereinigen Staaten entspricht der japanische Beschluss globalen Standards der Nuklearsicherheit, erklärte ein Sprecher des Außenministeriums. China hat Japan aufgefordert, vorsichtig mit der Angelegenheit umzugehen.

          Die Vereinigung der japanischen Fischer lehnt das Ablassen des Wassers in den Pazifik ab. Die Fischerei in den Gewässern vor dem havarierten Kraftwerk kommt nur langsam in Gang, weil die Verbraucher vor den Produkten zurückschrecken, auch wenn die Nachprüfungen keine gefährlich erhöhte Radioaktivität ausweisen. Der Fischereiverband fürchtet, dass mit dem Beschluss der Regierung die Ängste der Verbraucher neu angeheizt und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Fischer verlängert werden.

          Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierte, dass die japanische Regierung die Wünsche der Bevölkerung der Region missachte. Greenpeace fordert, dass das Wasser weiter eingelagert werde, bis in der Zukunft eine technische Möglichkeit zur risikofreien Entsorgung gefunden wird. Platz für die Einlagerung des Wassers sei auf dem Kraftwerksgelände und in den umliegenden Gebieten gegeben, argumentieren die Umweltschützer. Die Organisation sieht in der Entscheidung auch einen Verstoß gegen internationales Seerecht.

          Die Regierung hatte durch wissenschaftliche Kommissionen mehrere Vorschläge erörtern lassen, was mit dem gereinigten Abwasser geschehen soll. Im vergangenen Herbst hatte eine Expertenkommission empfohlen, das Wasser entweder zu verdunsten oder es in den Pazifik abzulassen. Letzteres ist nach Einschätzung der Regierung die kostengünstigere und praktikablere Lösung.

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