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Japan und der Reaktor-Gau : Im Schatten von Fukushima

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Seit zwei Monaten lebt Japan im Schatten der Atomkatastrophe von Fukushima. Die havarierten Atommeiler sind weiter eine Gefahr. Die Regierung will den Reaktor-Gau jetzt von einer Kommission aufarbeiten lassen.

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          Seit zwei Monaten lebt Japan im Schatten der größten Atomkatastrophe seit Tschernobyl. Zwei Monate, nachdem das besonders schwere Erdbeben und der Tsunami die Krise in Fukushima ausgelöst haben, sind noch immer vier Reaktoren nicht unter Kontrolle, noch immer tritt Radioaktivität aus dem beschädigten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi aus.

          Noch immer verdampft Wasser in dem Abklingbecken von Reaktor 4 und verbreitet radioaktive Materialien in die Luft. Weiterhin behindern auch große Mengen radioaktiven Wassers in und um die Reaktoren Fortschritte an den Reparaturarbeiten. Fortschritte bei den Arbeiten wurden bislang nur in Reaktor 1 gemeldet, den erstmals seit der Explosion vom 12. März Arbeiter jetzt wieder betreten können. Doch auch von dort gibt es eine neue Hiobsbotschaft; es wurde jetzt ein Leck festgestellt und Brennelemente sind geschmolzen.

          An die 70.000 Menschen sind im Umkreis von 20 Kilometern um das Kernkraftwerk weggebracht worden, weitere Evakuierungen aus besonders kontaminierten Gebieten in einem weiteren Umkreis sind in Vorbereitung. Das Meerwasser vor dem havarierten Kernkraftwerk ist belastet. Radioaktive Teilchen werden noch in Gemüse- und Obstsorten einzelner Regionen und in einigen Fischen gefunden.

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          „Keine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung“

          Während ausländische Wissenschaftler wie der amerikanische Physiker Kaku davor warnen, dass Fukushima Daiichi noch immer eine tickende Zeitbombe darstelle und von Stabilisierung noch keine Rede sein könne, üben sich die japanische Regierung und die Atomaufsichtsbehörde in Beschwichtigung. Die radioaktive Strahlung habe sich seit Mitte April auf niedrigem Niveau stabilisiert, heißt es.

          Für die Arbeiten am Kernkraftwerk gebe es einen Vorgehens-Plan, der das Ziel hat, das Kühlsystem in einem Zeitraum von fünf bis neun Monaten wiederherzustellen. Die austretende Menge an Radioaktivität betrage nur ein Zehntel der von Tschernobyl. In fast keiner Verlautbarung der Regierung und der Atomaufsichtsbehörde fehlt der Satz: „Es besteht keine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung“.

          Immer wieder neue Probleme oder Nebenwirkungen

          Mit dem Vorgehens-Plan, der von vielen Wissenschaftlern, auch in Japan, von Anfang an als sehr optimistisch bezeichnet wurde, ist der Betreiber Tepco aber schon im Verzug, denn weiterhin treten bei jedem Schritt, den die Betreiber machen, neue Probleme oder Nebenwirkungen auf, die wiederum neue Maßnahmen notwendig machen. Die Kühlung der Reaktoren mit Wasser produziert große Mengen radioaktiven Wassers, dessen Entfernung und Aufbereitung gesichert werden muss. Arbeiten werden durch strahlende Trümmer erschwert. Neue Nachbeben gefährden vor allem das Abklingbecken in Reaktor 4 mit seinen 1331 Brennelementen, das nach Auskunft der Atomaufsichtsbehörde baulich verstärkt werden muss.

          Zögerlich beginnt eine Aufarbeitung der Fehler der ersten Tage und der Informationspolitik von Tepco, Atomaufsichtsbehörde und Regierung. Warum wurden die wichtigen Entscheidungen in den ersten Tagen, die Kühlung der Reaktoren mit Meerwasser, die Öffnung von Ventilen bei Tepco nicht schnell genug getroffen? Warum hat man die Hilfe ausländischer Fachleute und ausländischen Geräts so spät angenommen? Warum hat die Regierung nicht die per Computer getroffene Voraussage über die zu erwartenden Strahlenbelastung der Umwelt veröffentlicht? Hat die Regierung von Anfang an gewusst, dass der Unfall auf der internationalen Skala mit 7 und nicht mit 5 einzustufen war? War es Inkompetenz oder eine gezielte Politik der Verschleierung, die da betrieben wurde?

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