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Fukushima : Nie wieder unvorbereitet sein

Kräne über den Reaktorblöcken von Fukushima Bild: REUTERS

Die japanische Regierung lässt einige Journalisten auf das Gelände des Kraftwerks in Fukushima. Man will zeigen, was man alles getan hat. Aber es bleiben Zweifel.

          Lange haben sich Tepco, die Betreibergesellschaft der havarierten Atomreaktoren in Fukushima, und die japanische Regierung gesträubt. Ausländern blieb der Katastrophenort verwehrt. Doch Tepco und die Regierung stehen unter Druck. Wie sicher ist sie wirklich, die „kalte Abschaltung“, die Regierungschef Noda im Dezember in Tokio verkündet hatte? Viele Wissenschaftler sagen, so sicher sei Fukushima noch lange nicht. Jetzt, pünktlich zum ersten Jahrestag der Katastrophe am 11. März durften erstmals ausländische Journalisten zu den Ruinen reisen - handverlesen von der Regierung.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Über den sechs Reaktorblöcken in Fukushima thronen große Kräne. Doch an diesem Dienstag stehen sie alle still. Das einzige Gerät, das sich bewegt, ist ein großer Metallarm mit Zangen, der Metallteile am schwer zerstörten Reaktor 4 zerkleinert. 45 Mikrosievert radioaktive Strahlung in der Stunde messen die Geigerzähler hier. In nur einem Tag würde ein Mensch hier fast einen Millisievert abbekommen - in normaler Umgebung darf ein Mensch dem in einem ganzen Jahr ausgesetzt sein. In Reaktor 4 lagern die Brennstäbe im Abkühlbecken. Tepco glaubt, dass sie noch intakt sind - sie sollen deswegen als erste geborgen werden. In den Reaktoren 1,2 und 3, wo es in den Tagen nach dem Tsunami zur Kernschmelze kam, ist die Situation unklarer. Was dort in den Reaktoren passiert ist, weiß Tepco bis heute nicht genau.

          Tepco-Manager Katsuhiko Iwaki berichtet mit Blick auf Block 3: „Auf dem Dach von Reaktor 3 ist die Radioaktivität am höchsten“. Deswegen könne dort oben auch niemand arbeiten. Unmittelbar an dem Gebäude zeigen die Messgeräte 1500 Mikrosievert.

          Insgesamt sind im Atomkraftwerk Daiichi seit Monaten fast 3000 Menschen damit beschäftigt, die Folgen der Katastrophe in den Griff zu bekommen. Sie pendeln Tag für Tag. Die Ingenieure kommen von Tepco oder anderen japanischen Konzernen, für die einfachen Arbeiten werden auch Leiharbeiter beschäftigt. Einer der Fachleute, die sich um die Kühlung der havarierten Reaktoren kümmern, ist Satoshi Tarumi. Der 33 Jahre alte Mann arbeitet schon seit dem 15. März an den havarierten Reaktoren. Hat er Angst vor der radioaktiven Belastung? „Ich gehöre zur Belegschaft von Daiichi“, antwortet er, „und da fühle ich mich verantwortlich.“ Die bei ihm gemessenen radioaktiven Werte lägen alle noch unter den gesetzlichen Grenzwerten. „Ich sehe kein Problem, hier zu arbeiten.“

          Ist Tarumi typisch oder ein ausgesuchter Einzelfall für die Besucher? Psychiater Jun Shigemura, der im Auftrag der Regierung Tepco-Arbeiter betreut, weiß anderes zu berichten. Er arbeitet im Gesundheitszentrum, 10 Kilometer entfernt von den Reaktoren. Shigemura hat nach dem 11. März etwa 1800 Arbeiter aus den Atomkraftwerken in Fukushima befragt. „Wenn eine Katastrophe wie der Tsunami eine Gemeinde trifft, sind etwa 1 bis 5 Prozent der Bevölkerung traumatisiert“, sagte er jetzt in einem Gespräch mit „Spiegel-online“. Bei den Katastrophenhelfern seien es 10 bis 20 Prozent. „Und bei den Tepco-Arbeitern ist diese Quote viel höher“. Viele der Arbeiter hätten ihr Zuhause verloren, viele hätten Angst vor der Radioaktivität. Gleichzeitig werden sie - anders als in Europa - in Japan nicht unbedingt als Helden gefeiert. Im Gegenteil: Die Öffentlichkeit macht ihnen Vorwürfe, weil sie für Tepco arbeiten.

          Tepco-Mitarbeiter führen Journalisten durch die Anlage

          Das bekommt auch Saori Kanesaki zu spüren. Als Mitarbeiterin der PR-Abteilung hat sie früher Besuchergruppen durch das Kraftwerk geführt. Von alten Nachbarn aus ihrer Heimatgemeinde Tomioke habe sie sich manches anhören müssen, berichtet sie. Auch Tomioke liegt in der Sperrzone, die Bewohner werden kaum in ihre Heimat zurückkommen. „Wenn ich heute immer noch sagte, dass die Atomenergie sicher ist, dann wäre das eine Lüge“, sagt Kanesaki. Sie habe sich stets für die Atomkraft eingesetzt und den Beteuerungen geglaubt, sie sei sicher. „Es tut mir leid, dass sich das als falsch herausgestellt hat“, sagt sie und verbeugt sich leicht.

          Ingenieur Tarumi hilft derweil weiter dabei, die havarierten Reaktoren zu kühlen. Rund 1000 große Wassertanks stehen auf dem Gelände, sie haben ein Fassungsvermögen von 165.000 Kubikmetern. Hier lagert Tepco das radioaktiv belastete Kühlwasser, das aufbereitet und dann wieder für die Kühlung verwendet wird. Schon in wenigen Tagen will das Unternehmen zudem damit beginnen, den Meeresgrund vor dem Atomkraftwerk mit einer 60 Zentimeter dicken Betonschicht abzudichten. Hier ist der Ozean besonders stark radioaktiv belastet.

          Sicherheitspumpen stehen für Notfälle bereit

          Tepco will so verhindern, dass die radioaktive Kontaminierung durch den regen Schiffsverkehr noch verstärkt wird. Tepco selbst spricht von „relativ hohen Konzentrationen radioaktiver Stoffe im Meeresboden.“ Der Blick zum Ozean wird in Daiichi heute von einem 14,5 Meter hohen Wall verwehrt. Drei Pumpen leiten Kühlwasser in die Reaktoren. Die Pumpen auf einem Lastwagen seien zur Sicherheit da, wenn es zu einem Notfall kommt, heißt es. Ein dritter Lastwagen hat Diesel-Generatoren geladen; noch einmal will Tepco sich nicht als unvorbereitet zeigen. Die Lastwagen stehen etwas entfernt auf einem Hügel. „Bis dahin kommt das Wasser nicht, selbst wenn ein neuer Tsunami kommt“, sagt ein Tepco-Mitarbeiter.

          Nicht nur Tepco, auch die Regierung in Tokio wollte mit dieser Öffnung der Atomruinen für Ausländer Bedenken zerstreuen. Wie wichtig ihr der Besuch der handverlesenen Journalisten ist, das zeigte am Dienstag schon der geballte Auftritt von Spitzenbeamten aus der Regierungszentrale. „Danke, dass sie an der Fahrt teilnehmen“, sagte Kabinettssekretär Noriyuki Shikata, vielleicht ahnend, dass die Regierung manche Medien gar nicht erst eingeladen hatte. Weil viel mehr Journalisten nach Daiichi wollten, haben drei Agenturjournalisten den zwangsweise Zurückgebliebenen Zitate und Beschreibungen zur Verfügung gestellt. Auf ihnen beruht auch dieser Bericht in Teilen.

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