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Jahrhunderthochwasser in China : Hunderttausende müssen Fluten weichen

In Chongqing: Ein Helfer paddelt über eine überflutete Straße. Bild: AFP

In China erreicht das Wasser an der Drei-Schluchten-Talsperre Rekordhöhe. Die Schäden werden umgerechnet auf 22 Milliarden Euro geschätzt.

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          Am schlimmsten traf es diesmal die chinesische Millionenmetropole Chongqing. Die Stadt am Jangtse-Fluss erlebte die schwersten Überschwemmungen seit mindestens 80 Jahren. Mehr als 250.000 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden, als die Fluten Ende vergangener Woche Straßen, Geschäfte und die Untergeschosse von Wohnhäusern unter sich begruben. Zeitweise musste die Trinkwasserversorgung unterbrochen werden. Am Wochenende zog die Stadtverwaltung eine erste Schadensbilanz: Mehr als 20.000 Geschäfte seien verwüstet und Werte in Höhe von 300 Millionen Euro vernichtet worden. Tote habe es nicht gegeben. Videos, die im Internet kursierten, zeigten unter anderem die Lobby des Sheraton-Hotels und Teile des Chaotian-Stadttors unter Wasser stehend.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Es ist nur der letzte Rückschlag in einem seit Monaten andauernden Kampf. Chinas Medien sprechen von einem „Jahrhunderthochwasser“. Ungewöhnlich heftige und andauernde Regenfälle haben seit Juni bereits fünf Flutwellen entlang des Jangtse verursacht. Die Schäden werden umgerechnet auf 22 Milliarden Euro geschätzt. Die Regierung hat bisher aber lediglich Nothilfemaßnahmen in Höhe von 140 Millionen Euro zugesagt. Viele Anwohner des Jangtse trifft das wirtschaftlich extrem hart, nachdem sie im ersten Teil des Jahres die Auswirkungen der Corona-Krise zu verkraften hatten. Rund 54.000 Häuser sollen zerstört worden sein. Mehr als 220 Menschen wurden getötet, meist durch Erdrutsche, die durch die Fluten verursacht wurden.

          Wie ernst die Führung in Peking die Lage nimmt, zeigt sich daran, dass sowohl Staats- und Parteichef Xi Jinping als auch Ministerpräsident Li Keqiang in die Region reisten. Xi Jinping erklärte die Flutbekämpfung zu einem „Test für die Führung und Kommandostruktur unserer Armee“. Demnach seien die Truppen bisher zu mehr als 3700 Einsätzen ausgerückt, um Deiche zu sichern und Bewohner aus überfluteten Häusern in Sicherheit zu bringen. Auch in einer Politbüro-Sitzung gab Xi Jinping Anweisungen zum Umgang mit dem Hochwasser. Ein Aufruf des Staatschefs, die Nahrungsmittelsicherheit des Landes stärker in den Blick zu nehmen, weckte Befürchtungen, dass die Lebensmittelpreise aufgrund zerstörter Felder weiter steigen könnten.

          Die Staatsmedien beteuerten am Sonntag, dass es genügend Reserven gebe. Ministerpräsident Li Keqiang reiste nach Chongqing. Bilder auf der Website der Regierung zeigten, wie er selbst in knöchelhohem Wasser und Schlamm watete und zuvor durch eine gut gefüllte Einkaufsstraße lief, was für chinesische Führer ungewöhnlich volksnah ist. Doch weder das Staatsfernsehen noch die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichteten zunächst über seinen Besuch – ein Zeichen dafür, dass der ohnehin geringe Einfluss des Ministerpräsidenten schwindet.

          Forscher rechnen damit, dass extreme Wetterphänomene in der Region wegen des Klimawandels in den kommenden Jahren zunehmen werden. Viele Augen richten sich deshalb auf die Drei-Schluchten-Talsperre, die knapp 500 Kilometer flussabwärts von Chongqing liegt. Dort erreichte der Wasserstand am Samstagmorgen 167 Meter, den höchsten Wert, der je in dem 2009 eröffneten Bauwerk gemessen wurde und der bedenklich nahe an die vorgesehene Maximalhöhe von 175 Metern heranreichte. Deshalb wurden über die Fluttore 49.400 Kubikmeter pro Sekunde abgelassen, während 75.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in das Staubecken strömten. Der Staudamm, der in China hochumstritten ist, wurde auch mit dem Versprechen gebaut, die Wucht der alljährlich wiederkehrenden Hochwasser entlang des Jangtse zu lindern.

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