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Italien nach dem Erdbeben : Hilfe für Onna, das zweimal zerstörte Dorf

Deutschland will seine Erdbebenhilfe auf Onna konzentrieren Bild: AFP

Vor 65 Jahren haben deutsche Soldaten in dem Ort ein Massaker angerichtet. Deshalb hat Außenminister Steinmeier angekündigt, dass Deutschlands Hilfe vor allem nach Onna fließen soll.

          Die Liebe der Bürger von Onna zu ihrem Dorf ist groß. Hotelzimmern an der Adria ziehen sie primitive Unterkünfte in Zelten vor. Von 350 Einwohnern sind 40 bei dem Erdbeben umgekommen. 285 Bewohner hat die neue Zeltsiedlung neben dem zerstörten Dorf. „Die Leute geben ihre Bindung an diesen Ort nicht auf“, sagt Franco Albanese vom Zivilschutz, der mit 80 Betreuern das Lager von Onna verwaltet. Die Küche funktioniert, die Zelte bieten Schlafplätze für alle. Aber Duschcontainer oder Bettdecken für die kalten Nächte fehlen noch.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          „Das ist hier etwas anderes als ein Camping-Wochenende“, sagt Elisabetta Benedetto in Anspielung auf Silvio Berlusconi, der sagte, man müsse die Situation nehmen wie bei einem Zelturlaub. Drei Nächte habe sie im Auto geschlafen. „Am Anfang gab es hier zwar Wasser, aber nichts zu essen und keine Zelte“, sagt die Biologie-Dozentin, die so etwas wie eine Sprecherin der Bewohner geworden ist. Zu Beginn fehlte gar Kleidung für die Bewohner, die barfuß im Pyjama auf die Straße geflüchtet waren.

          „Hier ist das Kalifornien Italiens“

          Inzwischen sind Spenden gekommen. Zwei Mitarbeiter der Schuhhauskette Bata notieren Namen und Schuhgrößen. Für die Nächte bekommt das Lager nun auch Heizgeräte. Doch der Blick auf die Trümmer führt direkt zu den Sorgen der Zukunft: „Hier ist das Kalifornien Italiens“, sagt Benedetto. „Trotzdem wollen wir hier leben - aber in sicheren Häusern.“

          Die meisten Bewohner haben noch mit der Vergangenheit genug zu tun. „Viele sind traumatisiert“, sagt Nicola Marcone, der mit seiner Frau aus L'Aquila gekommen ist. Die Frau ertrage zwar die Zerstörung der Wohnung in L'Aquila und die Obdachlosigkeit. Doch sobald sie in ihren Heimatort zurückkehre, weine sie nur noch. Fast alle, sagt Marcone, hätten Tote in der Familie zu beklagen.

          Zweimal zerstört in 65 Jahren

          Die Berichte aus dem Ort, der am meisten unter dem Erdbeben leidet, haben einen Jesuitenpater aus Rom nach Onna geführt. Der Ungar György Tökes fuhr am Dienstagmorgen mit dem ersten Zug nach L'Aquila und ging die zehn Kilometer nach Onna zu Fuß. Nun sitzt er in einem Zelt, hört die Beichte und spricht mit den Menschen. „Wer nur das Haus verloren hat, sieht sich wie durch ein Wunder gerettet“, sagt er. Wer Angehörige verloren habe, wolle noch gar nicht über die traumatischen Erfahrungen sprechen.

          Für Onna ist das Erdbeben die zweite Zerstörung innerhalb von 65 Jahren. In der Ortsgeschichte immer noch lebendig ist ein Massaker, das deutsche Besatzer im Jahr 1944 anrichteten. An jedem 11. Juni wird unter großer Anteilnahme der Region der 16 Opfer gedacht. Die Hauptstraße heißt mit Blick auf die Geschichte auch „Straße der Märtyrer“. Die Gedenktafel hat das Beben unbeschadet überstanden.

          Deutsche Hilfe soll sich auf Onna konzentrieren

          Der Anlass für die Ereignisse des 11. Juni 1944 sei immer noch unerforscht, sagt Luigi Nardecchia-Marzolo, der damals als 13 Jahre alter Junge nur durch einen Zufall dem Massaker entging. Angeblich eignete sich ein deutscher Soldat ein Pferd an und wurde von dessen Besitzer erschossen. Die Leiche des Soldaten sei aber nie gefunden worden. Die Besatzer hätten zunächst die Auslieferung des Täters verlangt, dann die Angehörigen in ihrem Haus zusammengetrieben und erschossen sowie mehrere Häuser gesprengt.

          Für die Nachfahren der Opfer wie die 65 Jahre alte Dora Paolucci stehen aber nicht die verschwommenen Erinnerungen des Dorfes an 1944 im Vordergrund. Für sie ist das Erdbeben ein persönlicher Rückschlag, weil sie bis 1976 die ererbte Ruine ihres Elternhauses wieder aufgebaut hat und nun wieder vor den Trümmern steht. Die Geschichte von dem Ort, der zweimal zerstört wurde, hat nun die Deutsche Botschaft und den deutschen Außenminister beeindruckt. Deutschland werde sich besonders um Onna kümmern, teilte Frank-Walter Steinmeier am Freitag mit. Die Hilfsangebote aus Deutschland sollten auf Onna konzentriert werden, sagt Botschafter Michael Steiner. So könne man auch psychologisch ein Hoffnungszeichen bieten.

          Für die Menschen aus Onna ist das wie ein Geschenk des Himmels. Nichts drückt sie mehr als die Aussicht, dass sich der Wiederaufbau - wie in Süditalien - über Jahrzehnte hinziehen könnte. „Wir wollen nicht zum Spielball von italienischen Interessen werden, die den Wiederaufbau für persönliche Bereicherung nutzen“, sagt die Ärztin Rosita Nardecchia-Marzolo. „Wenn nun die Geschichte einen Anknüpfungspunkt bietet, um mit Deutschland in Kontakt zu kommen, wäre vielleicht der Tod unserer Märtyrer nicht ganz umsonst gewesen.“

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