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Italien : Nach dem Beben die Nachbeben

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Vergebliche Suche: Ratlose Helfer stehen vor den Trümmern der Fabrik des Medizintechnik-Herstellers Haemotronic in Medolla. Bild: AFP

Die Emilia-Romagna wird weiter erschüttert. 17 Menschen kamen um. Tausende haben ihre Wohnung verloren. Der Ministerrat hilft schnell.

          Das war am Mittwoch auch schon die einzige gute Nachricht aus dem italienischen Erdbebengebiet: Aus den Trümmern ihres Hauses in Cavazzo in der Provinz Modena wurde eine Fünfundsechzigjährige lebend gerettet. Die Frau hatte laut Ansa gerade Kleidung aus ihrer Wohnung holen wollen, die beim ersten Beben stark beschädigt worden war, als die abermaligen Erschütterungen das Haus vollkommen zum Einsturz brachten.

          Ansonsten gab es nur Schreckensnachrichten. Die Zahl der Todesopfer in der Emilia-Romagna hat sich auf 17 erhöht. Einen Tag nach den neuerlich heftigen Beben mit einer Stärke von fast 6,0 bargen die Rettungskräfte zwei Arbeiter, die in Mendolla bei Modena in ihrer Fabrik von dem einstürzenden Dach getötet worden waren. Es gebe keine weiteren Vermissten mehr, hieß es später beim Zivilschutz. Rund 8000 Menschen wurden obdachlos. 350 Personen wurden bei dem Beben vom Dienstag verletzt. Insgesamt 14 000 Menschen müssen in Camps, Hotels und anderen provisorischen Unterkünften untergebracht werden, nachdem bei dem Beben am 20. Mai bereits 6000 Menschen ihre Wohnung verloren hatten.

          Schon bei diesem ersten Erdbeben in derselben Region vor zehn Tagen waren sieben Menschen ums Leben gekommen. Seither hatte es immer wieder Nachbeben gegeben. Auch am Mittwoch kam die Erde nicht zur Ruhe. Der 4. Juni, also der kommende Montag, wurde zum nationalen Trauertag für die Opfer erklärt. Papst Benedikt XVI. bekundete am Mittwoch bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz sein Beileid und rief die italienische Nation zur Solidarität auf.

          Die Nachbeben könnten noch monatelang andauern, sagte Gianluca Valensise, Mitglied des Nationalen Instituts für Geologie und Vulkanologie: „Es wird bestimmt noch zu weiteren Erdstößen kommen. Nach dem Erdbeben von 1570, das die Stadt Ferrara erschütterte, dauerten die Nachbeben vier Jahre lang.“ Allein in der Nacht zum Mittwoch wurden mehr als 60 Nachbeben registriert. Das stärkste mit einer Intensität von 3,8 hatte sein Epizentrum in der Nähe von Modena, berichtete der Seismologe. Aus Furcht vor weiteren Erschütterungen verbrachten viele Menschen die Nacht in ihren Autos oder in Zelten. Die Koordinatorin des Zivilschutzes, Carmine Lizza, sagte, Psychologen seien zur Stelle, um die Einwohner zu beruhigen: „Sie werden Wochen brauchen, um sich zu erholen, weil das Beben eine tiefe Wunde schlug.“

          Der Ministerrat beschloss unterdessen, die Steuer auf Treibstoffe zu erhöhen. Benzin und Diesel werden um zwei Cent pro Liter teurer. Das Geld soll direkt in den Fonds für die vom Erdbeben betroffenen Provinzen fließen. Von der Katastrophe betroffene Kommunen werden von der Pflicht entbunden, die Bestimmungen der Sparpolitik einzuhalten. Die Regierung entschied zudem, die Notstandsregion von Modena auf die Provinzen Reggio Emilia und Rovigo auszudehnen. Ministerpräsident Mario Monti will sich auch für eine enge Zusammenarbeit zwischen Banken und politischen Kräften einsetzen, um geschädigten Unternehmen schnell und unbürokratisch zu helfen. Aus der EU versprach Kommissionspräsident Jose Barroso Finanzhilfen für den Wiederaufbau.

          Bei den eigentlich schwachen Nachbeben am späten Dienstag und Mittwoch stürzten Gebäude ein, die von den stärkeren Beben früher schon in Mitleidenschaft gezogen waren. Dort, wo sich jetzt an den Häusern Risse zeigen, verlieren die Menschen bisweilen das Vertrauen und wollen nicht mehr in ihre Wohnungen zurückkehren. Experten versuchten am Mittwoch, die Stabilität mehrerer Häuser zu überprüfen. Schulen und Fabriken blieben geschlossen. Schon haben sich Rechtsanwälte bereit erklärt, gegen Bauherren oder Fabrikbesitzer rechtlich vorzugehen, deren Häuser womöglich nicht ordnungsgemäß gegen Beben gesichert waren und nun zusammenbrachen. Sie wollen auf fahrlässige Tötung klagen.

          Italienische Geologen kritisierten die mangelnde Vorsorge vor schweren Erdbeben. Fast drei Millionen Menschen lebten in Gebieten mit einem „hohen Erdbebenrisiko“, während 21 Millionen Bürger in Gebieten mit einem „erhöhten Risiko“ wohnten, teilte der nationale Rat der italienischen Geologen CNG mit. In Italien gebe es aber kaum Prävention.

          725 Gemeinden sind nach Angaben der Geologen von Beben sehr bedroht, eine erhöhte Gefahr bestehe in 2344 Gemeinden, vor allem in Mittel- und Süditalien. Auf seismisch aktivem Gebiet befänden sich zwölf Millionen Privatwohnungen und sechs Millionen öffentliche Gebäude. Allein in der von dem Erdbeben betroffenen Region Emilia Romagna wohnten 1,3 Millionen Menschen in Gebieten mit einer erhöhten Gefahr, stellt der Rat fest.

          Da nimmt es nicht wunder, dass sich auch Präsident Giorgio Napoletano der Meinung der Geologen anschloss: „Die Politik zur Vorbeugung von Erdbebenschäden war in hohem Maße unzureichend.“ Der Oberstaatsanwalt von Modena, Vito Zincani, kündigte denn auch schon an, Ermittlungen einzuleiten. Vor allem geht es dabei um die eingestürzten Fabriken, die Ingenieure teils gerade erst wieder freigegeben hatten. Solche Fabrikanlagen zu bauen, meint der Oberstaatsanwalt, sei „selbstmörderisch“. Auch juristisch könnten dem Beben also weitere Beben folgen.

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