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Interview mit Höhlenretter : „Wenn sie beim Tauchen hyperventilieren, ist es aus“

Bild: AFP

Michael Petermeyer war medizinischer Einsatzleiter bei der spektakulären Rettung von Johann Westhauser aus der Riesending-Schachthöhle. Ein Interview über die eingeschlossenen Jugendlichen in Thailand.

          2 Min.

          Herr Petermeyer, haben Sie als erfahrener Höhlenretter daran geglaubt, dass die Jugendlichen in Thailand nach neun Tagen noch lebend gefunden werden?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Nein. Aber es gibt ein paar Faktoren, die ihnen wohl zugute kamen: Ich war schon öfter in tropischen Höhlen, die sind alle ziemlich großräumig und horizontal, man muss sich nicht groß abseilen. Trotzdem geht es auf und ab, auch wenn man das beim Laufen kaum merkt. Wenn in so eine Höhle Wasser einbricht, dann laufen die Siphons zu, also die Teile der Höhle, die tiefer liegen. Dann kommt man einfach nicht mehr raus. Aber das Wasser steigt einem trotzdem nicht bis zum Hals, wenn man sich in die höher liegenden Abschnitte zurückzieht. Dann muss man einfach die Ruhe bewahren und hoffen, dass jemand kommt oder das Wasser wieder abläuft. Normalerweise kann man so eine Situation aber vermeiden, indem man einfach auf den Wetterbericht achtet. Es ist gerade bei touristischen Höhlen bekannt, welche Bereiche gefährlich sind.

          Das wäre dann die Aufgabe des Gruppenleiters, oder?

          Absolut.

          Was könnte den Jugendlichen noch geholfen haben, so lange zu überleben?

          In Deutschland ist das größte Problem in solchen Fällen die Kälte. In Höhlen herrscht die Jahresmitteltemperatur der Region, das sind hier etwa neun Grad. Bei der Rettung von Johann Westhauser hatte es in der Riesending-Schachthöhle nur vier Grad. In der Höhle in Thailand sollte es dagegen um die 20 Grad warm sein. Damit fällt eine der größten Gefahren weg. Und ein gut genährter Mensch kommt auch mal zwei, drei Wochen ohne Essen aus.

          Michael Petermeyer ist Neurochirurg, Anästhesist, Notarzt und seit Jahren als Retter in den Bergen und in Höhlen im Einsatz. Der Leiter des regionalen Schmerzzentrums im hessischen Diez war 2014 medizinischer Koordinator bei der Rettung von Johann Westhauser aus der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden.
          Michael Petermeyer ist Neurochirurg, Anästhesist, Notarzt und seit Jahren als Retter in den Bergen und in Höhlen im Einsatz. Der Leiter des regionalen Schmerzzentrums im hessischen Diez war 2014 medizinischer Koordinator bei der Rettung von Johann Westhauser aus der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden. : Bild: Privat / Schmerzzentrum Diez

          Die Jugendlichen in Thailand sind jetzt körperlich noch zu geschwächt, um zu schwimmen oder zu tauchen. Wie bekommt man sie wieder fit?

          Mit hochkalorischer Nahrung, meistens Gel. Aber die Taucher können auch eingeschweißte Nahrung reinbringen. Die Jugendlichen brauchen erst mal Zucker. Ein Schokoriegel und dann ein Brot wären gut. Aber wahrscheinlich gibt es dort Reis.

          Wie lange dauert es, bis sie fit genug zum Tauchen sind?

          Das kommt drauf an, wie weit sie tauchen müssen. Es wird ja nicht nur ein kleiner Siphon sein, sondern schon eine längere Strecke, die zu bewältigen ist. Beim Tauchen ist die Psyche ein ganz wichtiger Faktor. Wenn man da hyperventiliert, ist es aus. Und in einer Höhle sieht man überhaupt nichts, das können Sie vergessen. Da können fünf Meter reichen, um Panik zu bekommen. Man muss ganz ruhig bleiben und am besten gut trainiert sein. Wenn sie es nicht schaffen, das Wasser abzupumpen, werden die Retter wahrscheinlich ein Seil durchs Wasser legen, an dem die Jugendlichen mit Sauerstoffflasche und Maske rausgeführt und so gesichert werden, dass man sie auch rausziehen kann. Außerdem könnten sie leicht sediert werden, das haben wir bei Rettungen auch schon gemacht.

          Was war Ihre aufwendigste Höhlenrettung?

          Ganz klar die von Johann Westhauser aus der Riesending-Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen. Das war die größte Rettungsaktion dieser Art aller Zeiten, 700 Leute waren beteiligt. Ich wurde damals auf dem Weg zur Arbeit angerufen, habe meine Sachen gepackt und bin los. Das Problem bei solchen Rettungen ist, das man kaum etwas standardisieren kann, weil jede Höhle anders ist. Selbst medizinische Standards kann man oft nicht anwenden. Bei Johann haben wir medizinisches Neuland betreten. Wer ein schweres Schädel-Hirntrauma hat, darf eigentlich nicht bewegt werden. Da muss man eine Risikoabwägung machen. Wir haben damals beschlossen: Wir holen ihn da raus, und zwar jetzt und nicht irgendwann.

          Bild: Thailändische Regierung und thailändisches Militär

          Wie war es, als das geklappt hatte?

          Wahnsinn, unvorstellbar, unbeschreiblich. Und in Thailand war die Chance ja noch kleiner, dass man sie überhaupt findet. Umso größer wird die Freude gewesen sein.

          Was bedeutet das für die Psyche, zehn Tage und länger in einer Höhle gefangen zu sein?

          Man kann sich glaube ich nicht vorstellen, was das für eine Todesangst bedeutet. Selbst von außen hat man denen keine Chance mehr gegeben, wie soll man sich dann erst drin gefühlt haben? Es kommt in so einem Moment sehr auf die Führungsperson an, und es ist auf jeden Fall ein Vorteil, wenn man in einer Gruppe ist. Aber man kann nur hoffen, dass alle bald wohlbehalten draußen sind und dann auch psychologische Betreuung bekommen.

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