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Indonesien nach Tsunami : Weiterhin höchst gefährlich

„Kind des Krakatau“: Der Vulkan Anak Krakatau in der Sundastraße könnte schon bald eine weitere Katastrophe auslösen. Bild: Reuters

Der Anak Krakatau kommt nicht zur Ruhe. Die Behörden warnen vor einem möglichen neuen Tsunami. Und der Einsatz der Rettungskräfte hat gerade erst begonnen.

          Am Samstag spürte der 27 Jahre alte Wadi, dass sich am Anak Krakatau etwas verändert hatte. Der Indonesier war aufs Meer hinausgefahren. „Ich merkte, dass etwas anders war mit dem Vulkan an diesem Abend. Die Grummeltöne klangen anders, und die Lava an seinem Gipfel erschien heller als sonst“, berichtete der Fischer der Zeitung „Jakarta Post“. Dann bemerkte er, dass sich der Meeresspiegel hob. Die Wellen am Strand schienen plötzlich weiß zu leuchten. „Ich dachte, es sei die Reflektion des Vollmonds. Aber dann stieg der Meeresspiegel plötzlich in kurzer Zeit. Da bemerkte ich, dass etwas Furchtbares passieren würde.“ Knapp eine halbe Stunde später spürte er heftige Wellen unter seinem Fischerboot.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Später, nachdem sich das Meer beruhigt hatte und er zurück an die Küste gekehrt war, fand Wadi, der wie viele Indonesier nur einen Namen trägt, ein Bild der Zerstörung vor. Viele Menschen waren vom Wasser mitgerissen worden. Anders als der Fischer, hatten die meisten Küstenbewohner davor nichts Außergewöhnliches bemerkt. Es fehlten die üblichen Warnzeichen für einen Tsunami. Das Meer hatte sich nicht wie bei früheren Katastrophen zunächst von der Küste zurückgezogen. Und selbst wenn: Das Unglück hatte um 21.27 Uhr zugeschlagen. Den meisten wären die Warnzeichen aufgrund der Dunkelheit wahrscheinlich nicht aufgefallen. So wurden die Menschen an der Küste von der bis zu drei Meter hohen Welle überrumpelt.

          Das Überraschungsmoment dürfte auch einen Anteil an der hohen Zahl von mindestens 429 Todesopfern haben. 1485 Menschen wurden verletzt, 154 am Mittwochabend noch vermisst. In Indonesien wird nun auch darüber diskutiert, warum die Behörden die Küstenbewohner an der Meerenge zwischen Sumatra und Java nicht vor der Katastrophe gewarnt hatten. Mit deutscher Hilfe hatte Indonesien nach dem verheerenden Tsunami am zweiten Weihnachtstag im Jahr 2004 ein teures Frühwarnsystem aufgebaut. Damals waren rund 220.000 Menschen getötet worden, davon rund 160.000 in Indonesien. Am Jahrestag an diesem Mittwoch versammelten sich Tausende Indonesier an Grabstätten und in Moscheen, um für die Opfer zu beten.

          Aber schon nach dem Erdbeben auf der Insel Sulawesi im September hatte das Warnsystem die Katastrophe nicht verhindern können. Dort hatte ein Tsunami weite Teile des Küstenstreifens in der Stadt Palu zerstört. Mehr als 2000 Menschen kamen ums Leben. Der Sprecher des indonesischen Katastrophenschutzes, Sutopo Purwo Nugroho sagte nun, dass sämtliche Messbojen des Systems seit 2012 nicht mehr funktionierten. Schon länger ist bekannt, dass die Bojen durch Diebstahl, Vandalismus und mangelnde Wartung verkommen sind.

          Das Warnsystem verlässt sich deshalb schon seit Jahren nur noch auf Messstationen für Erdbeben, Pegelstände und GPS-Daten. Es konnte bei dieser Katastrophe aber ohnehin nicht viel ausrichten, wie der Sprecher ausführte. Es ist darauf ausgerichtet, Wellen zu entdecken, die durch Erdbeben ausgelöst werden, aber nicht durch Vulkanausbrüche oder Erdrutsche am Meeresboden. Dennoch hat der indonesische Präsident Joko Widodo nun Verbesserungen am System angekündigt. Er habe die zuständige Behörde beauftragt, neue Detektoren anzuschaffen. Ein Sprecher der Behörde für Meteorologie, Klimatologie und Geophysik (BMKG) berichtete dem Sender BBC, dass ein neues System installiert werden soll, das stärker auf der Messung der Wellenhöhe und nicht nur der Erdbeben beruhen solle.

          Für die Opfer des Tsunamis in der Sundastraße kommt das zu spät. Während die Familie des Fischers Wadi die Riesenwelle überlebte, hatten andere weniger Glück. So musste auch der Sänger der Rockband Seventeen seine Ehefrau und mehrere Bandmitglieder zu Grabe tragen. Das Amateurvideo von dem Moment, in dem der Tsunami die Bühne unter der Gruppe wegspülte, war in den Tagen danach um die Welt gegangen.

          Da es sich um äußerst komplexe Zusammenhänge handelt, die zu einer solchen Katastrophe führen, erscheinen Vorhersagen schwierig. Aber Indonesien ist mit seiner Lage am pazifischen Feuerring, einer der geologisch aktivsten Regionen der Erde, auf solche Warnsysteme angewiesen. Der Anak Krakatau selbst befindet sich auf einer Vulkaninsel in der Sundastraße zwischen Sumatra und Java. Er ist an dem Ort entstanden, an dem im Jahr 1883 der Vulkan Krakatau fast komplett explodiert war. Daher kommt auch der Name Anak Krakatu: „Kind des Krakatau“. Der Ausbruch des Krakataus war eine der größten Naturkatastrophen der Moderne. Er hatte zu einem riesigen Tsunami geführt, der rund 37.000 Menschen das Leben kostete. Die gewaltige Aschewolke beeinflusste das Klima auf der ganzen Welt.

          Nach dem Ausbruch am Samstag zeigt der Anak Krakatau weiter hohe Aktivität. Die Behörden warnen, dass es noch einmal zu einem Tsunami kommen könnte. Die Menschen sind angehalten, sich von der Küste fernzuhalten. Derweil sind die Rettungskräfte fieberhaft mit der Bergung der Opfer beschäftigt. In einigen der am schwersten zu erreichenden Gegenden hat ihr Einsatz gerade erst begonnen. Die Arbeiten werden durch Regen behindert. Viele Anwohner sind in Notunterkünften untergebracht. Es mangelt an sauberem Wasser und Medizin. Wie blank die Nerven liegen, zeigte sich, als am Dienstag das Gerücht von einem neuen Tsunami in dem Dorf Sumber Jaya zu einer Massenpanik führte. Die Einwohner waren allerdings nur durch den normalen Gezeitenwechsel aufgeschreckt worden.

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