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Indonesien : Geplagtes Land der Superlative

Ihre Angehörigen sind bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen Bild: dpa

Noch herrscht Verwirrung um die Anzahl der Opfer. Aber beim jüngsten Flugzeugabsturz in Indonesien sind vermutlich bis zu 100 Menschen ums Leben gekommen. Wenige Tage zuvor ist eine Fähre gesunken. Abermals wird Indonesien von Katastrophen zurückgeworfen.

          Wenigstens in einer Hinsicht zog die indonesische Regierung in der vergangenen Woche eine positive Bilanz: 2006 war das erste Jahr seit langem gewesen, in dem das Land nicht Terroropfer zu beklagen hatte - zumindest keine Toten. Die vielen Tausend, deren Angehörige in den vergangenen Monaten bei Katastrophen aus dem Leben gerissen wurden, tröstete das allerdings wenig, und so waren die Silvesterfeiern, die vielerorts von schweren Stürmen begleitet waren, in manchen Landesteilen ausgesetzt worden. In den ersten Tagen des neuen Jahres kämpfen die Behörden gleich an drei Unglücksorten gleichzeitig: im Nordwesten Sumatras, wo noch immer 15.000 Umweltflüchtlinge auf eine Rückkehr in ihre überschwemmten Dörfer warten, an der Nordküste Javas, wo Rettungsmannschaften nach letzten Überlebenden der Fähre „Senopati Nusantara“ suchen, und auf der Insel Sulawesi, wo am Dienstag nach dem Wrack des am Neujahrstag verschwundenen Passagierflugzeugs der „Adam Air“ gesucht wurde - zunächst offenbar vergebens.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die Meldungen über den Absturz der Boeing 737-400 wühlten die Indonesier besonders auf, weil ein Sprecher der Fluggesellschaft am Dienstag mit der Information zitiert wurde, dass zwölf Passagiere überlebt hätten. Im Laufe des Tages dementierte das Verkehrsministerium aber Informationen, nach denen das Wrack des Unglücksflugzeugs auf Sulawesi gefunden worden sei. Insgesamt befanden sich 96 Passagiere, unter ihnen elf Kinder, und sechs Besatzungsmitglieder an Bord. Wie viele Ausländer den Flug gebucht hatten, war noch nicht klar. Bestätigt wurde nur, dass ein Amerikaner mit seinen zwei Töchtern an Bord war.

          Etwa eine Stunde vom Radarschirm verschwunden

          Die Maschine mit der Flugnummer KI-574 war am Neujahrstag um 12.59 Uhr von Surabaya in Ostjava in Richtung Manado in Nordsulawesi gestartet, als sie nach etwa einer Stunde vom Radarschirm verschwand und der Pilot einen Notruf sendete. Das Transportministerium in Jakarta teilte mit, dass die Boeing offiziell zugelassen und zuletzt vor zwölf Monaten gewartet worden sei. Das Flugzeug wurde vor 17 Jahren gebaut und hatte 45 371 Flugstunden hinter sich. Adam Air ist eine der zahlreichen privaten Gesellschaften, die seit der Liberalisierung des indonesischen Flugmarkts im Jahr 1999 den Betrieb aufgenommen haben. Erst im vergangenen Februar war eine andere Boeing der Gesellschaft nach einem Navigationsfehler notgelandet. Der indonesische Vizepräsident Jusuf Kalla warnte jedoch am Dienstag davor, hastig Verurteilungen auszusprechen. Das Unternehmen Adam Air, das im Jahr 2003 von Kallas Parteifreund und Parlamentspräsident Agung Laksono gegründet wurde, sei „sehr vorsichtig“.

          Auf der Suche nach Erklärungen wurde verschiedentlich auf das stürmische Wetter hingewiesen, dass den Archipel seit Tagen heimsucht und schon am Freitag die „Senopati Nusantara“ mit mehr als 620 Passagieren und Besatzungsmitgliedern im Meer zwischen Java und Kalimantan hatte sinken lassen. Auch dort gingen die Bergungsarbeiten am Dienstag weiter. Mehr als 200 Passagiere hätten aus den Fluten gerettet werden können, teilte das Krisenzentrum im Gesundheitsministerium mit. Manche der Überlebenden hätten sich tagelang über Wasser gehalten und den bis zu acht Meter hohen Wellen getrotzt, hieß es in Berichten. Mindestens bis zum kommenden Sonntag sollten die Retter nach den mehr als 400 Vermissten weitersuchen, kündigten die Behörden an.

          Von Unglücksfällen zurückgeworfen

          Staatspräsident Susilo Bambang Yudhoyono sagte am Dienstag vor Börsenmaklern, er gehe „mit gemischten Gefühlen in dieses Jahr“. Einerseits mache das Land Fortschritte, andererseits werde es immer wieder von Unglücksfällen und Naturkatastrophen zurückgeworfen. Tatsächlich ist fast schon wieder in Vergessenheit geraten, was in den zwei Jahren nach dem Tsunami alles geschehen ist. Nur drei Monate nach der monströsen Flutwelle, die allein in Indonesien zwischen 130 000 und 170 000 Menschenleben gefordert hat, kamen bei einem weiteren Beben vor der Küste Sumatras 900 Indonesier ums Leben. Im Herbst desselben Jahres stürzte ein Flugzeug der Mandala-Gesellschaft in eine Wohnsiedlung bei Medan - 149 Menschen, Passagiere wie Bewohner, kamen ums Leben.

          Auch 2006 begann kaum besser. Drei Tage nach Neujahr wurden 200 Javaner bei einem Erdrutsch unter Schlamm und Felsen begraben. Im Juni und im Dezember gab es nach heftigen Regenfällen weitere Todesopfer: 300 in Südsulawesi und mindestens 100 in Nordsumatra. Im Mai bebte die Erde in Zentraljava. Dabei kamen 5800 Personen ums Leben; mehr als 36 000 wurden verletzt. Nicht einmal zwei Monate später schwappte dann nach einem Seebeben vor der Südküste Javas - unweit der zerstörten Dörfer - ein neuer Tsunami ins Land, bei dem 600 Küstenbewohner ums Leben kamen.

          Für viele der Katastrophen bieten Wissenschaftler und Statistiker Erklärungen an. Indonesien, das oft als Land der Superlative beschrieben wird, liegt über einem Ausläufer des pazifischen Feuerrings, was es anfällig für Erd- und Seebeben macht. Mehr als hundert aktive Vulkane verteilen sich über den Archipel, unter ihnen der besonders gefährliche Merapi, der ebenfalls im vergangenen Jahr Lava spuckte und Evakuierungen erzwang. Mit seinen 240 Millionen Einwohnern zählt Indonesien außerdem nicht nur zu den bevölkerungsreichsten, sondern auch zu den größten Ländern der Erde. Zwischen Aceh im Westen und Westpapua im Osten erstrecken sich 5000 Kilometer, die in den vergangenen Jahrzehnten mit einem dichten Flugnetz erschlossen worden sind. Viele Indonesier können sich die erstaunliche Häufung von Katastrophen aber nur noch mit dem Zorn der Götter erklären, für den in vielen Landesteilen verschiedene Gründe angeboten werden. Bis ins politische Feld reichen die Deutungen: In der Hauptstadt Jakarta machen Gegner des Staatspräsidenten gerne darauf aufmerksam, dass die Unglücksserie mit Yudhoyonos Amtsantritt im Herbst 2004 begonnen habe.

          Im Luftverkehr 2006 insgesamt 1292 Tote

          Im vergangenen Jahr sind so wenige Flugzeuge verunglückt wie seit 1963 nicht mehr. Die Zahl der Todesopfer lag mit 1292 jedoch im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre, wie das Genfer Luftverkehrsunfall-Register (BAAA) am Dienstag mitteilte. Demnach verunglückten im vergangenen Jahr 156 Flugzeuge mit mindestens sechs Personen an Bord. Das seien 22 Fälle weniger als im Jahr 2005. Die Zahl der Todesopfer sei um elf Prozent gefallen. Mit 32 Prozent aller Unfälle lag Nordamerika in der Statistik vorn. Dahinter kamen Afrika mit 18 Prozent und Asien mit 17 Prozent. Der schwerste Unfall ereignete sich im August, als beim Absturz einer Tupolew-154 in der Ukraine 170 Personen ums Leben kamen. (Reuters)

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