https://www.faz.net/-gum-ae1fn

Waldbrände in Sibirien : Schwelende Gefahr

In Jakutien: Freiwillige Helfer versuchen, einen Waldbrand zu löschen. Bild: dpa

In Sibirien brennen die Wälder, die betroffene Fläche ist fast so groß wie Schleswig-Holstein – doch oft werden die Flammen erst gar nicht bekämpft. Anwohner wandten sich mit einer Petition an Präsident Wladimir Putin.

          3 Min.

          Dichter Rauch hüllt die sibirische Großstadt Jakutsk ein. Seit Wochen schon stehen die Wälder in Russlands Fernem Osten in Flammen. Die Rauchentwicklung ist mittlerweile so schlimm, dass die Behörden in Jakutsk am vergangenen Wochenende den Schiffs- und Flugverkehr eingestellt haben. Eine Verbesserung der Situation wird nicht vor Mitte August erwartet. Es ist das dritte Jahr in Folge, dass in Sibirien riesige Waldflächen brennen. Mehr als 200 Brände lodern nach Angaben des russischen Katastrophenschutzministeriums derzeit in der Teilrepublik Jakutien. Die betroffene Fläche ist mit rund 1,52 Millionen Hektar fast so groß wie Schleswig-Holstein.

          Othmara Glas
          Volontärin

          Waldbrände sind nicht ungewöhnlich in Sibirien. Durch Blitzeinschläge entzündet sich der trockene Waldboden. „Das ist ökologisch wichtig, um den Lärchenwald zu erhalten“, sagt die Geografin Elisabeth Dietze vom Alfred-Wegener-Institut und Geoforschungszentrum in Potsdam. Doch die Dimension der Brände sei neu. Einerseits dauere die Waldbrandsaison länger als früher. Andererseits gebe es mehr Brände, die nicht nur am Boden schwelen, sondern auch Baumkronen erfassen. Schon 2019 und 2020 zerstörten Feuer in Sibirien mehrere Millionen Hektar Wald. „Je mehr Fläche und je intensiver es brennt, desto länger braucht das Ökosystem, um sich zu regenerieren“, sagt Dietze.

          Etwa 3500 Menschen bei der Brandbekämpfung im Einsatz

          Jakutien ist bekannt für eisige Winter mit bis zu minus 60 Grad. Doch die Region hat auch mit immer wärmeren Sommern zu kämpfen. Im Juli erreichen die Temperaturen fast 40 Grad. Das hat vor allem Folgen für den Permafrostboden, der langsam auftaut. Die Feuer beschleunigen diesen Prozess. „Nach einem Brand bleibt eine schwarze Oberfläche zurück, die weniger reflektiert und durch Sonneneinstrahlung stärker erwärmt wird“, sagt Dietze. Der Permafrostboden, die darüber liegenden organischen Schichten sowie die Wälder sind riesige Kohlenstoffspeicher. Wenn sie verbrennen, gelangen Kohlenstoffverbindungen in die Atmosphäre und können zur Erderwärmung beitragen. Die wiederum begünstigt das Entstehen von neuen Waldbränden. Zudem bedeutet die kalte Jahreszeit nicht, dass die Feuer verschwinden: Ein niederländischer Forscher hat kürzlich entdeckt, dass die Sommerbrände auch im Winter unter der Schneedecke weiter schwelen können.

          Etwa 3500 Menschen sind aktuell bei der Brandbekämpfung in Jakutien im Einsatz. Dass sie die Brände nur schwer in den Griff bekommen, hat nicht nur mit der riesigen Fläche zu tun. „Die meisten Brände dort werden erst gar nicht gelöscht“, kritisierte der Brandschutzexperte und Greenpeace-Aktivist Grigorij Kuksin in einem Interview mit dem Onlinesender Nastojaschee Vremja. „Wir weigern uns aus wirtschaftlichen Gründen, aus Armut, die Brände zu löschen“, sagt er. Für den deutschen Feuerökologen Johann Goldammer vom Global Fire Monitoring Center ist das hingegen eine Frage der Abwägung. Russland müsse sich fragen: „Was müssen wir tun? Was können wir tun? Oder was können wir nicht tun, weil wir es nicht schaffen werden?“

          „Wir ersticken, unsere Atemorgane werden vergiftet“

          Ein Großteil der brennenden Flächen liegt in sogenannten kontrollierten Zonen. Seit 2015 gibt es die Vorschrift, dass die lokalen Behörden in diesen Zonen nichts tun müssen, wenn die Kosten des Löschens höher sind als der durch den Brand entstehende Schaden. Brandbekämpfer werden oft erst tätig, wenn Siedlungen durch die Flammen bedroht sind. Langfristige Kosten durch den auftauenden Permafrostboden oder gesundheitliche Folgen durch Rauchentwicklung sind in der Vorschrift nicht berücksichtigt.

          Neben der Großstadt Jakutsk gibt es 106 weitere bewohnte Orte in der Region, die momentan unter extremer Rauchbelastung leiden. Die Situation ist so schlimm, dass sich Einwohner Jakutiens mit einer Petition an Präsident Wladimir Putin gewandt haben. „Wir ersticken, unsere Atemorgane werden durch den beißenden Rauch vergiftet“, schreiben die Initiatoren. Vor allem der Zustand von Corona-Patienten verschlimmere sich durch den Rauch zusätzlich.

          „Russland befindet sich in einem Dilemma“, sagt Goldammer. Einerseits sei da die Verantwortung für den globalen Klimahaushalt. Durch die Brandbekämpfung könne vermieden werden, dass noch mehr Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangt. Andererseits sei Russland nicht allein für diese Entwicklung verantwortlich, der Klimawandel habe globale Ursachen. Ein Lösungsansatz wäre, den terrestrisch gebundenen Kohlenstoff in Wert zu setzen – im Sinne eines globalen Kohlenstoff-Emissionshandels. Dann habe ein nicht brennender Wald einen wirtschaftlichen Wert. Letztlich müsse man aber lernen, mit dem Feuer in einem Ökosystem zu leben, das nicht mehr im Gleichgewicht ist. „Wir versuchen eine Entwicklung aufzuhalten, die sich nicht aufhalten lässt“, sagt Goldammer.

          Topmeldungen

          Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgiewa

          Kristalina Georgiewa : Manipulationsverdacht gegen IWF-Chefin

          Chinas Position im vielbeachteten „Doing Business“-Ranking wurde offenbar auf Anweisung der Weltbank-Führung nach oben gehievt. Ein Prüfbericht führt die Unregelmäßigkeiten auf die heutige Chefin des Internationalen Währungsfonds zurück.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.