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In Madrid werden immer mehr Fragen laut : Besorgte Passagiere durften nicht aussteigen

  • Aktualisiert am

Empörung bei den Angehörigen der Opfer Bild: AFP

Die Besatzung des abgestürzten Flugzeugs hat nach den ersten technischen Problemen mehreren besorgten Passagieren den Ausstieg verweigert. „Sie lassen uns nicht raus, alles ist geschlossen“, schrieb ein Fluggast per SMS an seine Frau.

          Die Besatzung des in Madrid abgestürzten Flugzeugs hat nach spanischen Medienberichten mehreren nach technischen Problemen besorgten Passagieren den Ausstieg aus dem Flugzeug verweigert. Angehörige des bei dem Unglück getöteten Ruben Santana bestätigten am Freitag, dieser habe in seiner letzten SMS-Nachricht geschrieben: „Sie lassen uns nicht raus, alles ist geschlossen“. Seine Frau hatte ihn demnach zum Ausstieg gedrängt, nachdem er ihr telefonisch von der Verspätung des Spanair-Fluges wegen technischer Probleme berichtet hatte. Laut der Zeitung ABC wurde auch weiteren Passagieren der gewünschte Ausstieg verwehrt. Die Entscheidung darüber trifft in der Regel der Pilot.

          Santana berichtete nach Angaben seines Sohnes vor dem Unglück auch, der Pilot habe wegen eines Schadens im linken Triebwerk nicht abheben wollen. Die Maschine war nach Angaben von Spanair vor dem Start wegen eines überhitzten Luftschachts unter dem Cockpit zum Gate zurückgekehrt. Diese Panne wurde nach Angaben der Fluggesellschaft behoben.

          Feuerwehrmann rettet drei Kinder

          Francisco Martinez war einer der ersten Feuerwehrleute am Unglücksort. In den Trümmern des abgestürzten Flugzeugs entdeckte er eine Frau, die zusammen mit ihrer Tochter inmitten von Metallstreben in ihrem Sitz eingeklemmt war. „Ich wollte zuerst die Frau befreien, denn ihr Zustand schien dramatischer zu sein“, berichtete der 42 Jahre alte Feuerwehrmann. Die Mutter sträubte sich jedoch und bat ihn: „Rette zuerst meine Tochter!“

          Die Hinterbliebenen auf der Suche nach Erklärungen

          Dies sollte der letzte Wunsch der Frau sein. Sie starb im Flammenmeer am Madrider Flughafen, wo insgesamt 153 Menschen ihr Leben ließen. „Am Anfang waren dort zu wenige Feuerwehrleute“, erklärte Martinez. Die kleine María dagegen, die der Retter gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, erholt sich nun in einem Krankenhaus der spanischen Hauptstadt. Später besuchte der Feuerwehrmann sie dort. „Das Mädchen war vollkommen verwirrt, trotz der Vielzahl an schweren Verletzungen sprach oder beklagte sie sich nicht“, sagte er. Marias Vater gehört ebenfalls zu den nur 19 Überlebenden des Unglücks. Mutter und Schwester sind in den Flammen gestorben.

          „Wann ist dieser Film zu Ende?“

          Feuerwehrmann Martinez rettete auch zwei Jungen das Leben, nachdem das Flugzeug der Fluggesellschaft Spanair am Mittwoch kurz nach dem Start verunglückte. Er zog einen sechs und einen acht Jahre alten Jungen aus den Trümmern. Einer der beiden habe ihn gefragt, ob das Unglück wirklich real sei, sagt Martinez. „Er dachte es wäre ein Film und fragte, wo sein Vater sei und wann der Film ende.“

          Der Junge liegt derzeit mit schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus und ist noch bewusstlos. Der Vater überlebte das Unglück nicht, seine Mutter liegt in einem Krankenhaus im Koma. Unter den 153 Opfern des Flugzeugunglücks von Madrid sind auch eine vierköpfige deutsche Familie, eine deutsche Frau und eine Spanierin deutscher Abstammung. Das bestätigte die spanische Regierung. Die deutsche Botschaft sie bereits informiert.

          Brannte das Triebwerk oder brannte es nicht?

          Bei der Suche nach den Ursachen der Katastrophe sind unterdessen neue Fragen aufgetaucht. Beim Start der Unglücksmaschine der spanischen Fluggesellschaft Spanair hat wohl doch kein Triebwerk gebrannt. Dies geht nach Medienberichten aus dem Video hervor, den eine Kamera der staatlichen Flughafengesellschaft AENA aufgenommen hatte. Auf dem Film sei weder ein Feuer noch eine Explosion in einem Triebwerk zu erkennen. Die Maschine sei erst in Flammen aufgegangen, als sie auf der Erde aufschlug und zerschellte.

          Die Zeitung El Mundo berichtete, die Pilotengewerkschaft SEPLA habe sich bei der Konzernführung von Spanair in den vergangenen Monaten mehrfach über das „organisatorische Chaos“ in dem Unternehmen beschwert. Das Durcheinander habe ein solches Ausmaß angenommen, dass die Sicherheit der Flüge in Gefahr sei, heiße es in einem Schreiben der Gewerkschaft.

          Erster Flug von Madrid nach Gran Canaria nach dem Unglück

          24 Stunden nach der Katastrophe flog erneut ein Spanair-Jet auf derselben Route wie die Unglücksmaschine von Madrid nach Gran Canaria. Es war wieder ein Flugzeug vom Typ MD-82, und es startete wieder von der Bahn 36-L, auf der sich am Mittwoch die Katastrophe ereignet hatte. Die Maschine war gut besetzt, nur 15 Plätze blieben frei. Der Besatzung sei die Nervosität anzumerken gewesen, berichtete ein Reporter der Zeitung „El País“. Eine Stewardess sagte: „Das Unglück geht uns sehr nahe, aber wir müssen unsere Arbeit tun.“ Die Frau war kurz vor der Katastrophe mit der Unglücksmaschine von Barcelona nach Madrid geflogen und hatte mit drei Kolleginnen Dienst getan, die in den Flammen ums Leben kamen.

          Die Passagiere, die am Tag nach dem Unglück flogen, wirkten eher gelassen. Sie gingen wohl davon aus, dass sich eine Katastrophe nicht zweimal an derselben Stelle ereignet. „Nach dem, was am Mittwoch geschah, ist ein Platz auf dieser Flugroute der sicherste der Welt“, meinte ein Fluggast. Als die Maschine sich nach dem Start in die Luft erhob, blickten alle Passagiere aus dem Fenster, um etwas von der Absturzstelle sehen zu können. Dort zeugte nur noch eine verbrannte Grasfläche von der Katastrophe. Als das Flugzeug sicher auf Gran Canaria landete, applaudierten einige Fluggäste dem Piloten.

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