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Erdbeben-Katastrophe : Ein Stich ins Herz Italiens

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Bild der Verzweiflung: Eine Frau sitzt am Freitag vor einem zerstörten Konvent in Amatrice. Bild: AP

Nach dem Erdbeben im Apennin soll alles anders werden in Italien. Geld soll fließen – und auch ankommen. Die Erdbebensicherheit soll endlich ernst genommen werden. Doch die Leute in Amatrice glauben nicht daran.

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          Im Apennin bebt die Erde noch immer. Das könne auch noch Wochen so weitergehen, sagen Seismologen. Einer der Schläge in der Nacht zum Freitag erreichte unter der kleinen, fast völlig zerstörten Ortschaft Amatrice wieder eine Stärke von 6,2, wie schon zu Beginn in der Schicksalsnacht zum Mittwoch. Abermals brachen Wände in den ohnedies schon ramponierten Häusern zusammen; die Zahl der Toten steigt weiter. Am Morgen war zunächst von 268 Opfern in den vier Orten Amatrice, Accumoli sowie Pescara und Arquata del Tronto im Dreieck zwischen den Regionen Latium, Marken und Umbrien die Rede und von fast 390 Verletzten in Krankenhäusern. Zugleich sollen positive Meldungen Mut machen: Mit fast 250 Menschen seien mehr Überlebende denn je nach einem Erdbeben aus den Trümmern geborgen worden, hieß es.

          Doch das alles sind Zahlen, die das Leid nicht fassen, die Mischung aus Trauer und Wut wegen der unzureichenden Prävention nicht lindern können. Während sich die Überlebenden auf die Trauergottesdienste für ihre Angehörigen an diesem Samstag vorbereiten, während sie versuchen, sich in den Zeltstädten der Provisorien für die nächsten Monate einzurichten, wendet sich die Öffentlichkeit deshalb zunehmend auch der Politik in Rom zu.

          Dort will Ministerpräsident Matteo Renzi alles anders machen. Nach einer Sondersitzung seines Kabinetts am späten Donnerstag, auf der für das Katastrophengebiet der Notstand ausgerufen, eine erste Nottranche von 50 Millionen Euro auf den Weg gebracht und für die nächsten Jahre Steuerfreiheit für alle Bürger in den betroffenen Gemeinden beschlossen wurde, sagte Renzi: „Wenn es darum geht, eine Katastrophe provisorisch in den Griff zu bekommen, sind wir Italiener die besten in der Welt. Aber das reicht jetzt nicht mehr.“ Italien müsse endlich zum Marathonläufer werden.

          „Wir brauchen eine Vision über den Notstand hinaus: Lasst uns diesen Moment der nationalen Gemeinsamkeit nutzen, um mit einem Sprung der Qualität endlich zu einem Italien der Prävention“ zu werden – und nicht mehr nur der halbherzigen Reaktion. Schätzungsweise 24 Millionen Italiener leben in Häusern, die nicht erdbebensicher seien; sieben von zehn Gebäuden seien nicht erdbebengerecht, heißt es in den Zeitungen. „Casa Italia“ (Das Haus Italien) soll das in Rom beschlossene Projekt heißen, ein großartiger Titel, auch wenn Renzi vor „trügerischen Slogans“, vor „falschen Versprechen“ und langwierigen Debatten warnt.

          Ein Wiederaufbau dauert länger als ein Neubau

          Die haben freilich längst begonnen. Sollen die fast vollständig zerstörten Ortschaften neu wieder an alter Stelle errichtet werden? Geht das überhaupt? Ignazio Delrio, Infrastrukturminister und einst Bürgermeister von Reggio Emilia, will keine neuen Städte. Natürlich werde Rom nicht über die Köpfe der Gemeinden hinweg entscheiden. Natürlich würden die Bürgermeister und Gemeinderäte gehört, sagt der Minister, der als einer der engsten Vertrauten Renzis galt, dem nun aber nachgesagt wird, er hege auch für sich selber ehrgeizige Pläne. Er könne sich aber vorstellen, wie die Betroffenen in den Orten denken. „Ich bin doch, wie Renzi einst in Florenz selbst auch Bürgermeister gewesen. Unsere Städte sind unsere Geschichte; und das gilt noch viel mehr für solche kleinen Ortschaften, die das Herz Italiens repräsentieren“, wird Delrio in der Zeitung „Corriere della Sera“ zitiert.

          Dabei sei klar, dass so ein Wiederaufbau länger daure als die Konstruktion neuer Siedlungen, wie sie zum Beispiel 2009 nach dem Erdbeben am Stadtrand von L‘Aquila in den Abruzzen entstanden. Als erstes müsse die städtische Gemeinschaft wieder zum Leben erweckt werden, sagt Delrio, und will zunächst „gemeindliche Funktionen“ wieder in Stand setzen wie Rathaus und Schule.

          Warum braucht Amatrice aber eigentlich auch eine neue Schule? Erst 2012 wurde das „Istituto Scolastico Romolo Capranica“ erneuert und eingeweiht – angeblich erdbebensicher. Aber vermutlich eben nur der Teil, in dem jetzt der Katastrophenschutz die Aufräumarbeiten federführend für alle anderen Organisationen koordiniert. Der ältere mehrstöckige Gebäudeteil ist zwar auch frisch in Kaminrot gestrichen, aber in sich zusammengebrochen. Zum Glück war es Nacht, herrschten Ferien – und so war das Haus leer. Die gesamte Schule aber galt seit 2012 als „sicher“. Wohin sind also die 700.000 Euro geflossen, die der Staat der Gemeinde Amatrice nach einem schweren Erdbeben vor 14 Jahren in der angrenzenden Region Molise dafür gab?

          Rettungskräfte suchen auch Tage nach dem verheerenden Erdbeben noch nach Überlebenden in den Trümmern.

          Staatsanwalt Giuseppe Saieva ermittelt deshalb in der zuständigen nahen Großstadt Rieti wegen Fahrlässigkeit mit Todesfolge gegen Unbekannt. Auch für das Krankenhaus am Eingang von Amatrice standen zwei Millionen Euro zur Verfügung, um es ebenfalls erdbebensicher zu machen. Doch nichts geschah, und so mussten in der Nacht zum Mittwoch alle Patienten eilends hinausgetragen werden. Zum Glück wurde niemand getötet. Aber die Schäden sind schwer; und niemand in der Ortschaft kann sich vorstellen, dass sie sich einfach so ausbessern ließen. Ein völlig neues Krankenhaus müsse gebaut werden, heißt es.

          In L‘Aquila wurde nur ein Bruchteil des Geldes abgerufen

          Die „Bürokratie“ wird dafür verantwortlich gemacht, dass die zur Verfügung gestellten Gelder nicht abgerufen, nicht sinnvoll eingesetzt oder gar zweckentfremdet wurden. Nach dem Erdbeben 2009 in L‘Aquila in den Abruzzen habe die Regierung von Silvio Berlusconi für den Zeitraum bis 2016 eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt, um in den besonders gefährdeten Gebieten der „Kategorie 1“ – wie in Amatrice und den anderen jetzt betroffenen Gemeinden – Häuser gegen Erdbeben zu sichern. Es gab also noch einmal Geld nach jenem vor 16 Jahren. Die Rathäuser hätten die neuen Summen beim Zivilschutz abrufen, für sich selbst nutzen oder an die Bürger weitergeben können: pro Kubikmeter umbauten privaten Raums zwischen 100 und 200 Euro, berichtet die Zeitung „Repubblica“. Aber nur ein Bruchteil auch dieser Milliarde sei abgerufen worden. Die meisten Bürger wussten der Zeitung zufolge nicht einmal etwas davon, weil sie nicht informiert worden waren.

          Zudem griff eine heute heftig kritisierte Vorschrift, wonach nur jene Bürger Anträge stellen konnten, für die das betreffende Haus auch erster Wohnsitz ist. Im Sommer leben in Amatrice etwa 15.000 Personen, aber nur für 2750 ist der Ort auch der erste Wohnsitz. Die meisten der oft aus dem 17. Jahrhundert stammenden historischen Wohnhäuser fallen deshalb nicht unter die Hilfsgelder. Ein bürokratischer Unsinn, heißt es: Das Geld blieb in den staatlichen Kassen, und ganz Italien muss heute trauern. Es dürfe nicht länger um die „Residenz“ bei der Berechtigung für einen Bauzuschuss gehen, sondern nur noch um den Nachweis des Eigentums, fordert deshalb die Zeitung.

          Feuerwehrmänner inspizieren ein zerstörtes Gebäude. Im Hintergrund lässt sich erahnen, wie malerisch der einst so schöne Ort liegt.

          Am Rande berichte die Presse auch über einen zynischen Streit zwischen den Parteien. Der Chef der Region Lombardei, Roberto Maroni, der zu der populistischen und nationalistischen Lega Nord gehört, hat sich laut „Messaggero“ beim Bürgermeister der Stadt Mailand, Giuseppe Sala von der in Rom regierenden sozialdemokratischen Partei (PD) unter Renzi, darüber beschwert, dass er die eigens für die Expo geschaffenen mobilen Wohneinheiten ins Erdbebengebiet geschickt habe, um sie dort den Obdachlosen zur Verfügung zu stellen. Gegen Migranten, bisher kamen gut 95.000 in diesem Jahr neu dazu, richtet sich ein weiterer Vorwurf: Wie könne es eigentlich sein, dass die Erdbebenopfer wie in Amatrice nun in Zeltstädten leben müssten, während die Schwarzafrikaner in Hotels untergebracht würden? „Da werden Italiener böse“, behauptet die rechtsoppositionelle Tageszeitung „Libero“.

          „Nichts ist uns geblieben, alle sind tot“

          Gewiss ist es eine Leistung, dass innerhalb von nur einem halben Tag am Mittwochabend schon auf dem Fußballplatz von Amatrice eine Zeltstadt entstand. Die Freiwilligen können sich rühmen, dass nun dort die „Pasta alla Amatriciana“, ausgeteilt wird, die in dem zerstörten „Hotel Roma“ im Zentrum der Ortschaft zu Ende vergangenen Jahrhunderts erstmals gekocht wurde. „Aber kannst du Dir vorstellen, dass wir vor den Trümmern unserer Existenz leben können?“, fragt eine Freundin Benedetta, die Journalistin, die das erste Mal seit dem Beben in der Nacht zum Mittwoch ihre Heimatstadt besucht. Sie kennt dort jeden, und so schließt sie gleich der alte Nachbar in die Arme, der seine Frau und zwei Enkel verlor und keine Hoffnung mehr hat: „Nichts ist uns geblieben, alle sind tot; Kinder Omas Väter – Amatrice ist nicht mehr.“

          Auf der Erkundung durch ihr Heimatdorf kommt sie zum Elternhaus, aus dem es ihr Vater mit dem Hund gerade noch geschafft hatte, lebend herauszukommen: Da sei ein Schrank fast über ihm zusammengebrochen, die Treppe habe bereits Risse gehabt, und die Tür haben sich nicht mehr öffnen können. Doch der Vater habe sie aus den Angeln stoßen und fliehen können – bis zum Ende des Ortes. „Erst jetzt vor diesem völlig zerstörten Haus verstehe ich, dass das Überleben hier ein Wunder war“, sagt Benedetta.

          Wenig später hält sie vor den Überresten einer Villa mit Garten, in dem üppig Rosen blühen, die aber wohl niemand mehr pflücken wird. Im Schutt des Hauses fand man nur noch Leichen. Schön seien die Feste in diesem Garten gewesen, erinnert sich Benedetta. Strahlend blau scheint jetzt die Sonne über Amatrice, die Gipfel der Apenninen grüßen wie immer herüber; aber dieser majestätisch-schöne Anblick wirkt jetzt wie eine Drohung. Die meisten Freunde und Bekannten, denen Benedetta auf dem Gang durch ihre Vergangenheit begegnet, umarmen sie fest, aber reden wollen sie nicht. So fühlt sie bald eine Fremde zu ihren alten Vertrauten; wohl möglich weil sie erst jetzt kommt und nicht daheim war, als ihre Heimat zusammenbrach. Und es geht ihr plötzlich, als gehöre sie mehr zu jenen 5370 Helfern, die aus der Ferne kamen, und bald wieder in die Ferne ziehen.

          Auch viele Einwohner wird es nicht mehr lange halten. Immer wieder hört man die Worte: Man glaube nicht an die Versprechungen der Politiker, die doch nach jedem Erdbeben immer wieder dasselbe sagten und falsche Hoffnungen weckten. Und Benedetta wird zum Abschied auch das noch gesagt: „Fahr Du auch gleich wieder und bewahre Dir die schönen Erinnerungen an den Ort Deiner Kindheit, den es nie mehr geben wird. Das ist Dein Abschied.“

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