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Erdbeben-Katastrophe : Ein Stich ins Herz Italiens

  • -Aktualisiert am

Bild der Verzweiflung: Eine Frau sitzt am Freitag vor einem zerstörten Konvent in Amatrice. Bild: AP

Nach dem Erdbeben im Apennin soll alles anders werden in Italien. Geld soll fließen – und auch ankommen. Die Erdbebensicherheit soll endlich ernst genommen werden. Doch die Leute in Amatrice glauben nicht daran.

          6 Min.

          Im Apennin bebt die Erde noch immer. Das könne auch noch Wochen so weitergehen, sagen Seismologen. Einer der Schläge in der Nacht zum Freitag erreichte unter der kleinen, fast völlig zerstörten Ortschaft Amatrice wieder eine Stärke von 6,2, wie schon zu Beginn in der Schicksalsnacht zum Mittwoch. Abermals brachen Wände in den ohnedies schon ramponierten Häusern zusammen; die Zahl der Toten steigt weiter. Am Morgen war zunächst von 268 Opfern in den vier Orten Amatrice, Accumoli sowie Pescara und Arquata del Tronto im Dreieck zwischen den Regionen Latium, Marken und Umbrien die Rede und von fast 390 Verletzten in Krankenhäusern. Zugleich sollen positive Meldungen Mut machen: Mit fast 250 Menschen seien mehr Überlebende denn je nach einem Erdbeben aus den Trümmern geborgen worden, hieß es.

          Doch das alles sind Zahlen, die das Leid nicht fassen, die Mischung aus Trauer und Wut wegen der unzureichenden Prävention nicht lindern können. Während sich die Überlebenden auf die Trauergottesdienste für ihre Angehörigen an diesem Samstag vorbereiten, während sie versuchen, sich in den Zeltstädten der Provisorien für die nächsten Monate einzurichten, wendet sich die Öffentlichkeit deshalb zunehmend auch der Politik in Rom zu.

          Dort will Ministerpräsident Matteo Renzi alles anders machen. Nach einer Sondersitzung seines Kabinetts am späten Donnerstag, auf der für das Katastrophengebiet der Notstand ausgerufen, eine erste Nottranche von 50 Millionen Euro auf den Weg gebracht und für die nächsten Jahre Steuerfreiheit für alle Bürger in den betroffenen Gemeinden beschlossen wurde, sagte Renzi: „Wenn es darum geht, eine Katastrophe provisorisch in den Griff zu bekommen, sind wir Italiener die besten in der Welt. Aber das reicht jetzt nicht mehr.“ Italien müsse endlich zum Marathonläufer werden.

          „Wir brauchen eine Vision über den Notstand hinaus: Lasst uns diesen Moment der nationalen Gemeinsamkeit nutzen, um mit einem Sprung der Qualität endlich zu einem Italien der Prävention“ zu werden – und nicht mehr nur der halbherzigen Reaktion. Schätzungsweise 24 Millionen Italiener leben in Häusern, die nicht erdbebensicher seien; sieben von zehn Gebäuden seien nicht erdbebengerecht, heißt es in den Zeitungen. „Casa Italia“ (Das Haus Italien) soll das in Rom beschlossene Projekt heißen, ein großartiger Titel, auch wenn Renzi vor „trügerischen Slogans“, vor „falschen Versprechen“ und langwierigen Debatten warnt.

          Ein Wiederaufbau dauert länger als ein Neubau

          Die haben freilich längst begonnen. Sollen die fast vollständig zerstörten Ortschaften neu wieder an alter Stelle errichtet werden? Geht das überhaupt? Ignazio Delrio, Infrastrukturminister und einst Bürgermeister von Reggio Emilia, will keine neuen Städte. Natürlich werde Rom nicht über die Köpfe der Gemeinden hinweg entscheiden. Natürlich würden die Bürgermeister und Gemeinderäte gehört, sagt der Minister, der als einer der engsten Vertrauten Renzis galt, dem nun aber nachgesagt wird, er hege auch für sich selber ehrgeizige Pläne. Er könne sich aber vorstellen, wie die Betroffenen in den Orten denken. „Ich bin doch, wie Renzi einst in Florenz selbst auch Bürgermeister gewesen. Unsere Städte sind unsere Geschichte; und das gilt noch viel mehr für solche kleinen Ortschaften, die das Herz Italiens repräsentieren“, wird Delrio in der Zeitung „Corriere della Sera“ zitiert.

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