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Erdbeben-Katastrophe : Ein Stich ins Herz Italiens

  • -Aktualisiert am
Feuerwehrmänner inspizieren ein zerstörtes Gebäude. Im Hintergrund lässt sich erahnen, wie malerisch der einst so schöne Ort liegt.

Am Rande berichte die Presse auch über einen zynischen Streit zwischen den Parteien. Der Chef der Region Lombardei, Roberto Maroni, der zu der populistischen und nationalistischen Lega Nord gehört, hat sich laut „Messaggero“ beim Bürgermeister der Stadt Mailand, Giuseppe Sala von der in Rom regierenden sozialdemokratischen Partei (PD) unter Renzi, darüber beschwert, dass er die eigens für die Expo geschaffenen mobilen Wohneinheiten ins Erdbebengebiet geschickt habe, um sie dort den Obdachlosen zur Verfügung zu stellen. Gegen Migranten, bisher kamen gut 95.000 in diesem Jahr neu dazu, richtet sich ein weiterer Vorwurf: Wie könne es eigentlich sein, dass die Erdbebenopfer wie in Amatrice nun in Zeltstädten leben müssten, während die Schwarzafrikaner in Hotels untergebracht würden? „Da werden Italiener böse“, behauptet die rechtsoppositionelle Tageszeitung „Libero“.

„Nichts ist uns geblieben, alle sind tot“

Gewiss ist es eine Leistung, dass innerhalb von nur einem halben Tag am Mittwochabend schon auf dem Fußballplatz von Amatrice eine Zeltstadt entstand. Die Freiwilligen können sich rühmen, dass nun dort die „Pasta alla Amatriciana“, ausgeteilt wird, die in dem zerstörten „Hotel Roma“ im Zentrum der Ortschaft zu Ende vergangenen Jahrhunderts erstmals gekocht wurde. „Aber kannst du Dir vorstellen, dass wir vor den Trümmern unserer Existenz leben können?“, fragt eine Freundin Benedetta, die Journalistin, die das erste Mal seit dem Beben in der Nacht zum Mittwoch ihre Heimatstadt besucht. Sie kennt dort jeden, und so schließt sie gleich der alte Nachbar in die Arme, der seine Frau und zwei Enkel verlor und keine Hoffnung mehr hat: „Nichts ist uns geblieben, alle sind tot; Kinder Omas Väter – Amatrice ist nicht mehr.“

Auf der Erkundung durch ihr Heimatdorf kommt sie zum Elternhaus, aus dem es ihr Vater mit dem Hund gerade noch geschafft hatte, lebend herauszukommen: Da sei ein Schrank fast über ihm zusammengebrochen, die Treppe habe bereits Risse gehabt, und die Tür haben sich nicht mehr öffnen können. Doch der Vater habe sie aus den Angeln stoßen und fliehen können – bis zum Ende des Ortes. „Erst jetzt vor diesem völlig zerstörten Haus verstehe ich, dass das Überleben hier ein Wunder war“, sagt Benedetta.

Wenig später hält sie vor den Überresten einer Villa mit Garten, in dem üppig Rosen blühen, die aber wohl niemand mehr pflücken wird. Im Schutt des Hauses fand man nur noch Leichen. Schön seien die Feste in diesem Garten gewesen, erinnert sich Benedetta. Strahlend blau scheint jetzt die Sonne über Amatrice, die Gipfel der Apenninen grüßen wie immer herüber; aber dieser majestätisch-schöne Anblick wirkt jetzt wie eine Drohung. Die meisten Freunde und Bekannten, denen Benedetta auf dem Gang durch ihre Vergangenheit begegnet, umarmen sie fest, aber reden wollen sie nicht. So fühlt sie bald eine Fremde zu ihren alten Vertrauten; wohl möglich weil sie erst jetzt kommt und nicht daheim war, als ihre Heimat zusammenbrach. Und es geht ihr plötzlich, als gehöre sie mehr zu jenen 5370 Helfern, die aus der Ferne kamen, und bald wieder in die Ferne ziehen.

Auch viele Einwohner wird es nicht mehr lange halten. Immer wieder hört man die Worte: Man glaube nicht an die Versprechungen der Politiker, die doch nach jedem Erdbeben immer wieder dasselbe sagten und falsche Hoffnungen weckten. Und Benedetta wird zum Abschied auch das noch gesagt: „Fahr Du auch gleich wieder und bewahre Dir die schönen Erinnerungen an den Ort Deiner Kindheit, den es nie mehr geben wird. Das ist Dein Abschied.“

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