https://www.faz.net/-gum-8kssh

Erdbeben-Katastrophe : Ein Stich ins Herz Italiens

  • -Aktualisiert am

Dabei sei klar, dass so ein Wiederaufbau länger daure als die Konstruktion neuer Siedlungen, wie sie zum Beispiel 2009 nach dem Erdbeben am Stadtrand von L‘Aquila in den Abruzzen entstanden. Als erstes müsse die städtische Gemeinschaft wieder zum Leben erweckt werden, sagt Delrio, und will zunächst „gemeindliche Funktionen“ wieder in Stand setzen wie Rathaus und Schule.

Warum braucht Amatrice aber eigentlich auch eine neue Schule? Erst 2012 wurde das „Istituto Scolastico Romolo Capranica“ erneuert und eingeweiht – angeblich erdbebensicher. Aber vermutlich eben nur der Teil, in dem jetzt der Katastrophenschutz die Aufräumarbeiten federführend für alle anderen Organisationen koordiniert. Der ältere mehrstöckige Gebäudeteil ist zwar auch frisch in Kaminrot gestrichen, aber in sich zusammengebrochen. Zum Glück war es Nacht, herrschten Ferien – und so war das Haus leer. Die gesamte Schule aber galt seit 2012 als „sicher“. Wohin sind also die 700.000 Euro geflossen, die der Staat der Gemeinde Amatrice nach einem schweren Erdbeben vor 14 Jahren in der angrenzenden Region Molise dafür gab?

Rettungskräfte suchen auch Tage nach dem verheerenden Erdbeben noch nach Überlebenden in den Trümmern.

Staatsanwalt Giuseppe Saieva ermittelt deshalb in der zuständigen nahen Großstadt Rieti wegen Fahrlässigkeit mit Todesfolge gegen Unbekannt. Auch für das Krankenhaus am Eingang von Amatrice standen zwei Millionen Euro zur Verfügung, um es ebenfalls erdbebensicher zu machen. Doch nichts geschah, und so mussten in der Nacht zum Mittwoch alle Patienten eilends hinausgetragen werden. Zum Glück wurde niemand getötet. Aber die Schäden sind schwer; und niemand in der Ortschaft kann sich vorstellen, dass sie sich einfach so ausbessern ließen. Ein völlig neues Krankenhaus müsse gebaut werden, heißt es.

In L‘Aquila wurde nur ein Bruchteil des Geldes abgerufen

Die „Bürokratie“ wird dafür verantwortlich gemacht, dass die zur Verfügung gestellten Gelder nicht abgerufen, nicht sinnvoll eingesetzt oder gar zweckentfremdet wurden. Nach dem Erdbeben 2009 in L‘Aquila in den Abruzzen habe die Regierung von Silvio Berlusconi für den Zeitraum bis 2016 eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt, um in den besonders gefährdeten Gebieten der „Kategorie 1“ – wie in Amatrice und den anderen jetzt betroffenen Gemeinden – Häuser gegen Erdbeben zu sichern. Es gab also noch einmal Geld nach jenem vor 16 Jahren. Die Rathäuser hätten die neuen Summen beim Zivilschutz abrufen, für sich selbst nutzen oder an die Bürger weitergeben können: pro Kubikmeter umbauten privaten Raums zwischen 100 und 200 Euro, berichtet die Zeitung „Repubblica“. Aber nur ein Bruchteil auch dieser Milliarde sei abgerufen worden. Die meisten Bürger wussten der Zeitung zufolge nicht einmal etwas davon, weil sie nicht informiert worden waren.

Zudem griff eine heute heftig kritisierte Vorschrift, wonach nur jene Bürger Anträge stellen konnten, für die das betreffende Haus auch erster Wohnsitz ist. Im Sommer leben in Amatrice etwa 15.000 Personen, aber nur für 2750 ist der Ort auch der erste Wohnsitz. Die meisten der oft aus dem 17. Jahrhundert stammenden historischen Wohnhäuser fallen deshalb nicht unter die Hilfsgelder. Ein bürokratischer Unsinn, heißt es: Das Geld blieb in den staatlichen Kassen, und ganz Italien muss heute trauern. Es dürfe nicht länger um die „Residenz“ bei der Berechtigung für einen Bauzuschuss gehen, sondern nur noch um den Nachweis des Eigentums, fordert deshalb die Zeitung.

Topmeldungen

Baden-Württemberg, Stuttgart: Ein Mercedes-Stern dreht sich auf dem Daimler-Werk in Untertürkheim. Die weltweiten Rückrufe und Verfahren im Zusammenhang mit dem Dieselskandal kosten den Autobauer Daimler für 2019 nochmals bis zu 1,5 Milliarden Euro zusätzlich.

Folgen des Diesel-Skandals : Nächster Tiefschlag für Daimler

Analysten und Anleger sind nervös: Der Autokonzern muss einen weiteren Milliardenbetrag für Diesel-Altlasten zurückstellen. Und auch die Van-Sparte leidet unter einer ganzen Reihe hausgemachter Schwierigkeiten. Ein Beobachter spricht von „einem traurigen Tag für alle Beteiligten“.

F.A.Z. Podcast für Deutschland : 100 Milliarden Euro für die Freundschaft

Heute jährt sich der Aachener Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich. Wie steht es um die deutsch-französische Freundschaft? Und was hat es mit dem militärischen 100-Milliarden-Euro-Projekt auf sich? Außerdem: Was wir aus Jeff Bezos Handyhack lernen können und warum die Dinosaurier wirklich ausstarben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.