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Im Gespräch: Strahlenbiologe Müller : „Keine Gesundheitsgefahr in Deutschland“

Welche Auswirkungen haben brennende radioaktiv verseuchte Gebiete? Bild: dpa

Also doch: Russland hat zugegeben, dass die Waldbrände auch auf radioaktiv verseuchte Gebiete übergegriffen haben. Doch Angst vor Gesundheitsrisiken in Deutschland ist kaum gerechtfertigt, sagt der Essener Strahlenbiologe Wolfgang-Ulrich Müller im Interview.

          Herr Professor Müller, was passiert, wenn wie jetzt in Russland radioaktiv verseuchte Gebiete brennen?
          Das hängt sehr von den jeweiligen Radionukliden ab, die vor Ort vorhanden sind. Wenn sie sich tief im Erdreich befinden, wie es an einigen Stellen in Russland der Fall ist, haben die Brände keinen Einfluss auf die Partikel. Nur wenn brennbares Material nahe der Oberfläche radioaktiv belastet ist, etwa Bäume oder Wurzeln, können radioaktive Partikel in die Atmosphäre aufsteigen, wenn das Material verbrennt. Dann werden die Teilchen mit den Wolken transportiert und könnten beispielsweise wieder mit dem Regen auf die Erde gelangen.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Wie gefährlich ist das für die Gesundheit der Menschen vor Ort?
          Das kann man schwer sagen, weil es sehr davon abhängt, wie hoch die freigesetzte Radioaktivität im Einzelnen ist. Man muss sich aber bei all dem zwei Dinge vor Augen führen: Zum einen wird sowieso ständig natürliche Radioaktivität durch Brände irgendwo auf der Welt freigesetzt, ohne dass es nachweisbare Auswirkungen auf die Gesundheit hätte. Zum anderen sinkt die Konzentration der radioaktiven Partikel sehr rasch in der Atmosphäre, weil sie dort immer weiter verdünnt werden.

          Was richten radioaktive Partikel an, wenn Sie doch in hoher Konzentration in den Körper gelangen?
          Das hängt von der Dosis ab und von den Körperbereichen, in denen sich die Partikel anreichern. In einem mittleren Dosisbereich, etwa ab dem einhundertfachen der natürlichen Strahlenexposition, ist mit einem nachweisbaren Anstieg von Tumorerkrankungen zu rechnen. Nach sehr hohen Strahlendosen, etwa ab dem eintausendfachen der natürlichen Strahlenexposition, kann es zu vereinzelten Todesfällen kommen, bei noch höheren Dosen zu vielen Todesfällen. All diese Strahlendosen werden in Deutschland jedoch unmöglich durch die Brände in Russland erreicht werden.

          Für wie glaubwürdig halten Sie die russischen Angaben über das Strahlenrisiko in den Brandgebieten?
          So weit die Angaben von offiziellen Stellen kommen, halte ich sie für einigermaßen glaubwürdig. Denn in der Vergangenheit haben die Russen großen Wert darauf gelegt, dass ihre Messungen international bestätigt wurden, etwa in der Umgebung Tschernobyls. Wenn sie jetzt Falschmeldungen herausgäben, würde sich dies irgendwann einmal rächen. Trotzdem: Ganz sicher kann man natürlich nicht sein, auch weil es, soweit ich weiß, zur Zeit keine unabhängigen Messungen der Radioaktivität in den betroffenen Gebieten gibt.

          Wolfgang-Ulrich Müller

          Sehen Sie eine Gesundheitsgefahr für die Menschen in Deutschland, wenn die Wolke in den nächsten Tagen nach Westeuropa ziehen sollte?
          Nein, ich halte das für sehr unwahrscheinlich, dazu ist die Konzentration der radioaktiven Partikel zu gering. Außerdem gibt es seit Tschernobyl sehr genaue Überwachungssysteme, mit denen die Radioaktivität in der Luft ständig gemessen wird. Schon eine minimale Abweichung bei den Werten würde durch das so genannte IMIS-System frühzeitig erkannt werden.

          Es besteht also kein Grund zur Besorgnis?
          Nein, jetzt vor verstärkter Radioaktivität in Deutschland zu warnen, wäre unredlich und reine Panikmache. Überhaupt haben wir in unserem Alltag schon jetzt viel mehr mit Radioaktivität zu tun, als viele es wahrnehmen, ohne dass wir dadurch noch beunruhigt wären. Jeder von uns hat noch radioaktive Teilchen in Zähnen und Knochen, die aus oberirdischen Atombombentests stammen, die schon Jahrzehnte her sind. Gerade Strontium-90 ist wegen seiner physikalischen Halbwertzeit von etwa 30 Jahren noch lange Zeit nachweisbar.

          Haben diese Teilchen noch Auswirkungen auf Mensch und Umwelt?
          Bis heute gibt es keine wissenschaftlich belegten Daten, die in Deutschland eine Erhöhung des Tumorrisikos durch den Fallout solcher Atombombenversuche belegen würden. Dieser Nachweis wäre wegen der vergleichsweise niedrigen Strahlendosen allerdings auch schwer zu führen.

          Die Fragen stellte Oliver Georgi.

          Der Strahlenbiologe Professor Wolfgang-Ulrich Müller ist Mitglied der Strahlenschutzkommission der Bundesregierung und stellvertretender Direktor des Instituts für Medizinische Strahlenbiologie an der Universität Duisburg-Essen.

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