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Im Gespräch: Bergsteiger Ralf Dujmovits : „Ich bringe keine Kunden auf den K 2“

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Bergsteiger Ralf Dujmovits Bild:

Nach dem Drama am K 2 konnte der Bergsteiger Marco Confortola gerettet werden, elf weitere starben jedoch am zweithöchsten Berg der Erde. Es stellt sich die Frage: „Würden sie noch leben, wären sie früher zurückgekehrt?“ Der Bergsteiger Ralf Dujmovits im F.A.Z.-Gespräch.

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          Nach dem Drama am K 2 konnte der Bergsteiger Marco Confortola gerettet werden, elf weitere starben jedoch am zweithöchsten Berg der Erde. Es stellt sich die Frage: „Würden sie noch leben, wären sie früher zurückgekehrt?“ Der Bergsteiger Ralf Dujmovits im F.A.Z.-Gespräch.

          Nach dem Unglück am K 2 haben Retter am Dienstag den Italiener Marco Confortola in Sicherheit gebracht. Der Bergsteiger erlitt schwere Erfrierungen an Armen und Beinen. Elf Tote sind bei der K 2-Katastrophe zu beklagen. Einige hatten erst kurz vor Sonnenuntergang den Gipfel erreicht. Womöglich würden sie noch leben, wären sie früher zurückgekehrt. Was hat sie daran gehindert?

          Es war wohl der Ehrgeiz. Meine Frau und ich wären sicher früher umgekehrt, um 14, spätestens um 15 Uhr. Umdrehen zu können ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines Höhenbergsteigers.

          Gab es weitere Gründe für das Unglück?

          Schönwetter war vorhergesagt, das hat vielleicht zum Leichtsinn verleitet. Beim Aufstieg stiegen sie zudem in den felsdurchsetzten Flaschenhals, statt rechts davon im steilen Eis aufzusteigen. Viele mussten deshalb warten und haben wertvolle Zeit verloren. Außerdem ging eine Eislawine ab. Auch das Schicksal in Form eines Naturereignisses schlug also zu.

          Sie sind zwei Mal mit Ihrer Frau am Achttausender Lhotse umgedreht, weil Sie den Umkehrzeitpunkt erreicht hatten. Was ist das für ein Gefühl, nachdem man sich monatelang vorbereitet hat?

          Das ist ein extrem schwieriger Entschluss. Wir haben einmal 100 Meter unter dem Gipfel des Lhotse umgedreht. Es war später Nachmittag, wir wären in die Nacht hineingekommen, und das wäre viel zu kraftraubend und gefährlich geworden. Hundert Meter! Man muss stark sein für eine solche Entscheidung.

          Zumal es keine fixen Zeitpunkte gibt.

          Ja, die legt man selbständig fest. 1994 habe ich eine kommerzielle Expedition am K 2 geleitet und die Umkehrzeit auf elf Uhr festgelegt, weil es dort für den Abstieg viel Zeit und Konzentration braucht – die meisten Unfälle passieren beim Abstieg am späten Nachmittag. Wir waren damals um 11.10 Uhr auf dem Gipfel. Ich kann also nur schwer verstehen, dass sich die Bergsteiger bei den Expeditionen am Wochenende so viel Zeit gelassen haben.

          Am K 2 sind Sie auch einmal umgekehrt.

          Ja, im vergangenen Jahr, wegen des Wetters. Meinerau, die neun Jahre jünger ist als ich, hat es dann sogar noch mal probiert und war innerhalb von 39 Stunden zwei Mal auf über 8000 Metern und wieder zurück im Basislager. Aber sie ist auch extrem schnell – und das gibt eine Sicherheit, die den meisten Besteigern heute fehlt. Meine Frau kann den Aufstieg auch ohne Fixseile bewältigen.

          Dass Sie den Lhotse, den Achttausender, der Ihnen fehlt, noch nicht geschafft haben, wurmt Sie aber schon?

          Im ersten Moment hat es das. Aber ich muss keine Namen abarbeiten. Wir Bergsteiger sind Menschen, die negative Erlebnisse gut absorbieren können. Es bleibt das Schöne, was wir am Lhotse erlebt haben. Und: Berge sind keine Frösche, die davonhüpfen.

          Aber Umkehr bedeutet auch Scheitern.

          Sicher, aber es gibt ja auch noch die Vernunft und die Liebe zum Leben. Ich würde es auch nie auf eine Erfrierung ankommen lassen. Mir hat ein Bergsteiger gesagt, er würde auch ein paar Finger opfern, um auf den K 2 zu gelangen. So etwas ist schwachsinnig. Leichtsinn ist auch oft mit mangelnder Erfahrung gepaart.

          Und mit dem Geschlecht? Die meisten Teilnehmer – und Opfer – sind Männer.

          An unseren kommerziellen Expeditionen nehmen zu etwa 15 Prozent Frauen teil, und der Anteil wächst.

          Verhalten sie sich anders?

          Frauen sind besser vorbereitet und überschätzen sich nicht so schnell. Sie überprüfen ihre Fähigkeiten und erreichen die Ziele, die sie sich vornehmen.

          Kommerzielle Expeditionen werden nun stark kritisiert. Würden Sie heute noch Kunden auf den K 2 leiten?

          Nein. Man muss zwischen hohen und niedrigen Achttausendern unterscheiden. Bei den hohen – Mount Everest, K2, Kangchendzönga, Lhotse, Makalu – muss man auf etwa 8000 Metern im Biwak eine letzte Nacht verbringen. Nach einer Nacht auf 8000 Metern sind wir Bergführer genauso am Anschlag wie unsere Kunden. Dahin führe ich mit meiner Firma keine kommerzielle Expedition mehr.

          Die hohen Preise führen zu dem Druck, die Teilnehmer auch hochzubringen.

          So ist es. Dabei kann man da oben keine Sicherheit mehr garantieren. An niedrigeren Achttausendern wie Cho Oyu oder Shisha Pangma haben wir Bergungen gemacht. Einen Teilnehmer, der an einem beginnenden Hirnödem litt, konnte ich vom Nanga Parbat herunterbringen. An hohen Achttausendern geht das nicht.

          Die Saison ist nun vorüber. Was machen Sie im nächsten Frühjahr?

          Wir gehen wieder an den Lhotse.

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