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Hurrikan trifft auf Festland : Nicht das erste Rodeo der Carolinas

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

Hurrikan Dorian ist in Amerika auf Land getroffen. In der Hafenstadt Charleston sind viele Haushalte ohne Strom, die Altstadt überschwemmt, die Straßen unpassierbar – doch die Bürger kennen sich aus mit dem Ausnahmezustand.

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          Die Ausläufer des Hurrikans Dorian haben das Zentrum Charlestons am Donnerstagmittag fest im Griff. Von Osten kommt die Sturmflut. Der Wind, der in South Carolina mit der Stärke eines tropischen Sturms bläst, hat Hunderte Bäume umgeknickt, die nun vielfach die Ausfallstraßen der Stadt blockieren oder Stromleitungen durchtrennt haben. Und von oben prasselt der Regen nieder. Die Straßen um den City Market in der Innenstadt sind Flüsse, in denen man knietief steht.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die meisten Anwohner haben die Stadtteile, die am Wasser liegen, verlassen. Die Cafés und Restaurants sind geschlossen und mit Sandsäcken verbaut. Über die Fenster sind Bretter genagelt worden. Flaggen, die vor Gebäuden wehen, werden vom Wind mit einem kräftigen Schnalzen hin und her gepeitscht.

          Die im prächtigen Kolonialstil der Südstaaten errichteten Häuser dienen am Donnerstag nur als Kulisse für die Reporter, die sich hier postiert haben, um 24 Stunden live in Regenjacke und Gummistiefeln über Dorian zu berichten. Außer Journalisten sind nur Sicherheitskräfte und Katastrophenschützer zu sehen. Wer auf der Straße nichts zu suchen hat, wird gleich angesprochen: „Was machst du hier, mein Sohn?“, fragt der Polizist mit breitem Südstaaten-Akzent. „Geh von der Straße. Das ist zu gefährlich.“

          Ausnahmezustand: Bewohner der Isle of Palms im Bundesstaat South Carolina begutachten die Schäden, die Hurrikan Dorian angerichtet hat.

          Hurrikan „Dorian“ ist am Freitag mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde in den Vereinigten Staaten auf Land getroffen. Das Auge des auf einen Sturm der Kategorie 1 heruntergestuften Hurrikans sei bei Cape Hatteras auf der Inselkette Outer Banks im Bundesstaat North Carolina angekommen, teilte das Nationale Hurrikan-Zentrum  in Miami mit. Und obwohl Dorian hier in Charleston, anders als auf den Bahamas, nicht als Wirbelsturm der Kategorie fünf wütet, herrscht Ausnahmezustand. Am Donnerstag sind vorübergehend 250.000 Haushalte in South Carolina ohne Strom. Die Infrastruktur ist ein altbekanntes Problem in Amerika: Die Stromleitung wird von Haus zu Haus geführt, dicht neben dem Baum im Vorgarten – eine Windböe in Orkanstärke, und die Stromversorgung für ein ganzes Wohngebiet ist unterbrochen.

          Der Weg hinaus aus Charleston, in dessen Metropolregion eigentlich 500.000 Menschen leben, gestaltet sich schwierig. Die Sicherheitskräfte sperren immer mehr Straßen, teils wegen Hochwasser, teils wegen umgestürzter Bäume. Interstate 26, der Highway, der nach Charleston führt, war schon am Mittwoch gesperrt worden. An jeder Ausfahrt waren Polizeiwagen postiert. Keiner sollte mehr in die Stadt gelangen, nur um kurz noch etwas zu erledigen. Wer dennoch nach Charleston fuhr, musste sich auf Schleichwegen bewegen. Diejenigen, die nun raus wollen aus der Stadt, müssen durch ein Labyrinth. Hinter vielen Kurven liegt wieder ein Baum auf der Straße. Noch während das Unwetter anhält, sind Räumungsfahrzeuge unterwegs. Aber auch Streifenpolizisten haben Motorsägen im Kofferraum. Alle fassen mit an.

          „Kategorie zwei, was soll’s?“

          Als Patrick Boland Anfang der Woche vom Evakuierungsaufruf des Gouverneurs gehört hatte, zuckte er zunächst mit den Schultern. „Kategorie zwei, dachte ich, was soll’s?“ Boland, geboren auf Hawaii, ist durch das Studium nach Charleston gekommen. Der Siebenundvierzigjährige denkt wie viele Bewohner der Küstenstadt in den vergangenen Tagen: „Dies ist nicht mein erstes Rodeo.“ Dass er am Ende doch seine Sachen gepackt und nach Summerville, 20 Meilen ins Landesinnere, gefahren ist, lag vor allem an seiner Frau. Beide sitzen nun in einem Imbiss, Fernanda guckt gebannt auf ihr Mobiltelefon und liest Wetternachrichten. Sie komme aus Brasilien, sagt Patrick, da gebe es keine Hurrikane.

          Zu den Älteren, die Hurrikan Hugo noch erlebt haben, der 1989 mit der Kategorie vier durch die Stadt fegte und 3000 Häuser in South Carolina zerstörte, gehört Patrick zwar nicht. Doch die vergangenen Jahre haben ihm gereicht: Matthew 2016, Florence 2018 und nun Dorian. Die amerikanischen Südstaaten bekommen die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren. Laut der Umweltbehörde EPA steigt der Meeresspiegel an der Küste um 2,5 bis 3,5 Zentimeter pro Jahrzehnt, Strände erodieren, Tiefebenen werden überschwemmt. „Hurrikane und tropische Stürme haben in den vergangenen Jahren an Intensität zugenommen“, heißt es in einem EPA-Bericht. Charleston sei besonders gefährdet.

          Hurrikan „Dorian“ an der Ostküste der Vereinigten Staaten

          Patrick und Fernanda besitzen ein Haus auf James Island, auf einer der Halbinseln der Stadt. Patrick liebt seine Wohngegend: „Das ist das echte Charleston.“ Mount Pleasant, wo viele Touristen hingehen, nennt er nur „Mount Plastic“. James Island und Mount Pleasant liegen besonders tief. „Wenn man Charleston mag, muss man mit den Naturgewalten klarkommen“, sagt Patrick, während Fernanda etwas auf Portugiesisch nuschelt.

          Das Eigenheim der beiden ist ein Stelzenhaus, um das sie sich bei Hochwasser keine Sorgen machen müssen. Alles, was auf der Stellfläche unter dem Haus stand, musste allerdings weg: das Wohnmobil, das Patrick, der eine Produktionsfirma für Modefotografie besitzt, für die Arbeit braucht, sein Motorrad, sein Pritschenwagen. Am Mittwochmittag fuhren beide ihr Hab und Gut auf einen großen Parkplatz nach Summerville. Die Gemeinde gilt derzeit als einer der sichersten Orte in der Gegend. In den Kettenhotels an den Highways sind nicht nur Leute aus Charleston untergekommen, die dem Evakuierungsaufruf gefolgt sind, sondern auch Mitglieder einer Polizeistaffel.

          Die Fernsehsender zählen zu den Krisenprofiteuren

          Als der Gouverneur den Notstand ausgerufen hatte, wurden Polizisten aus anderen Teilen des Bundesstaats an die Küste verlegt. Alles Routine in South Carolina. Die Staffel rückt aus, wenn die örtliche Polizei um Unterstützung bittet – sei es, um Straßen zu sperren, oder um Plünderungen in evakuierten Wohngebieten zu unterbinden. Vor einem Hotel in Summerville stehen zwei Dutzend bewaffnete Polizeibeamte im Hof und grillen Hamburger. Einer aus der Gruppe hat seinen imposanten Grill mitgebracht, schließlich machen die Restaurants und Schnellimbisse bei Hurrikan-Warnung dicht. Um die Polizeibeamten springen während des Grillens Kinder herum, die den Wirbelsturm nicht schlecht finden, da die Schule, die am Dienstag gerade erst begonnen hat, nun wieder geschlossen bleibt.

          Auch die Fernsehsender zählen zu den Krisenprofiteuren. Die Zuschauerzahlen der Sendungen steigen, in denen (vermeintliche) Wetterfachleute die Bürger einerseits ermahnen, zu Hause zu bleiben, andererseits aber bitten, ihre Amateurfilme an den Sender zu mailen. Auch die Werbeeinnahmen sprudeln. Zwischen den Berichten über zerstörte Orte auf den Bahamas und Straßensperrungen in Downtown Charleston gibt es Werbeblöcke, in denen Klempner, Installateure und Baumärkte Reklame machen. Auch Katastrophen haben ihren Markt.

          Am Donnerstagnachmittag tritt der Gouverneur in Columbia, der Hauptstadt South Carolinas, vor die Presse. Henry McMaster ist ein besonnener Mann mit einer sonoren Stimme. Er berichtet, dass es bislang keinen mit dem Hurrikan verbundenen Todesfall gab. 80 Prozent der Bewohner der Küstenregion seien der Evakuierungsanweisung gefolgt. Einige von denen, die in der Stadt blieben, weil sie nicht wussten, wohin sie sollten, und weil ihnen womöglich das Geld für ein Hotel fehlte, sind in die Notunterkünfte der Stadt gegangen. 2000 Anwohner schliefen auf Pritschenbetten in den High Schools der Stadt. Zehnmal so viele hätten Platz gehabt.

          Charleston ist mal wieder davongekommen. McMaster hebt noch am Donnerstag den Evakuierungsaufruf für die drei südlichen Küsten-Landkreise auf. Er warnt aber, dass die Gefahr noch nicht vorbei sei. In den nördlichen Kreisen könne Dorian immer noch auf Land treffen.

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