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Hurrikan trifft auf Festland : Nicht das erste Rodeo der Carolinas

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Zu den Älteren, die Hurrikan Hugo noch erlebt haben, der 1989 mit der Kategorie vier durch die Stadt fegte und 3000 Häuser in South Carolina zerstörte, gehört Patrick zwar nicht. Doch die vergangenen Jahre haben ihm gereicht: Matthew 2016, Florence 2018 und nun Dorian. Die amerikanischen Südstaaten bekommen die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren. Laut der Umweltbehörde EPA steigt der Meeresspiegel an der Küste um 2,5 bis 3,5 Zentimeter pro Jahrzehnt, Strände erodieren, Tiefebenen werden überschwemmt. „Hurrikane und tropische Stürme haben in den vergangenen Jahren an Intensität zugenommen“, heißt es in einem EPA-Bericht. Charleston sei besonders gefährdet.

Hurrikan „Dorian“ an der Ostküste der Vereinigten Staaten

Patrick und Fernanda besitzen ein Haus auf James Island, auf einer der Halbinseln der Stadt. Patrick liebt seine Wohngegend: „Das ist das echte Charleston.“ Mount Pleasant, wo viele Touristen hingehen, nennt er nur „Mount Plastic“. James Island und Mount Pleasant liegen besonders tief. „Wenn man Charleston mag, muss man mit den Naturgewalten klarkommen“, sagt Patrick, während Fernanda etwas auf Portugiesisch nuschelt.

Das Eigenheim der beiden ist ein Stelzenhaus, um das sie sich bei Hochwasser keine Sorgen machen müssen. Alles, was auf der Stellfläche unter dem Haus stand, musste allerdings weg: das Wohnmobil, das Patrick, der eine Produktionsfirma für Modefotografie besitzt, für die Arbeit braucht, sein Motorrad, sein Pritschenwagen. Am Mittwochmittag fuhren beide ihr Hab und Gut auf einen großen Parkplatz nach Summerville. Die Gemeinde gilt derzeit als einer der sichersten Orte in der Gegend. In den Kettenhotels an den Highways sind nicht nur Leute aus Charleston untergekommen, die dem Evakuierungsaufruf gefolgt sind, sondern auch Mitglieder einer Polizeistaffel.

Die Fernsehsender zählen zu den Krisenprofiteuren

Als der Gouverneur den Notstand ausgerufen hatte, wurden Polizisten aus anderen Teilen des Bundesstaats an die Küste verlegt. Alles Routine in South Carolina. Die Staffel rückt aus, wenn die örtliche Polizei um Unterstützung bittet – sei es, um Straßen zu sperren, oder um Plünderungen in evakuierten Wohngebieten zu unterbinden. Vor einem Hotel in Summerville stehen zwei Dutzend bewaffnete Polizeibeamte im Hof und grillen Hamburger. Einer aus der Gruppe hat seinen imposanten Grill mitgebracht, schließlich machen die Restaurants und Schnellimbisse bei Hurrikan-Warnung dicht. Um die Polizeibeamten springen während des Grillens Kinder herum, die den Wirbelsturm nicht schlecht finden, da die Schule, die am Dienstag gerade erst begonnen hat, nun wieder geschlossen bleibt.

Auch die Fernsehsender zählen zu den Krisenprofiteuren. Die Zuschauerzahlen der Sendungen steigen, in denen (vermeintliche) Wetterfachleute die Bürger einerseits ermahnen, zu Hause zu bleiben, andererseits aber bitten, ihre Amateurfilme an den Sender zu mailen. Auch die Werbeeinnahmen sprudeln. Zwischen den Berichten über zerstörte Orte auf den Bahamas und Straßensperrungen in Downtown Charleston gibt es Werbeblöcke, in denen Klempner, Installateure und Baumärkte Reklame machen. Auch Katastrophen haben ihren Markt.

Am Donnerstagnachmittag tritt der Gouverneur in Columbia, der Hauptstadt South Carolinas, vor die Presse. Henry McMaster ist ein besonnener Mann mit einer sonoren Stimme. Er berichtet, dass es bislang keinen mit dem Hurrikan verbundenen Todesfall gab. 80 Prozent der Bewohner der Küstenregion seien der Evakuierungsanweisung gefolgt. Einige von denen, die in der Stadt blieben, weil sie nicht wussten, wohin sie sollten, und weil ihnen womöglich das Geld für ein Hotel fehlte, sind in die Notunterkünfte der Stadt gegangen. 2000 Anwohner schliefen auf Pritschenbetten in den High Schools der Stadt. Zehnmal so viele hätten Platz gehabt.

Charleston ist mal wieder davongekommen. McMaster hebt noch am Donnerstag den Evakuierungsaufruf für die drei südlichen Küsten-Landkreise auf. Er warnt aber, dass die Gefahr noch nicht vorbei sei. In den nördlichen Kreisen könne Dorian immer noch auf Land treffen.

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