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Mangelhafte Hochhäuser : „Grenfell hat alles verändert“

Angemessen oder blinder Aktionismus? Für viele Bewohner der Wohnblocks in Camden kam die Evakuierung am Freitagabend völlig überraschend. Bild: dpa

Nach dem verheerenden Brand im Londoner „Greenfell Tower“ entdecken britische Experten immer mehr Hochhäuser mit gefährlichen Mängeln. Hunderte Wohnungen wurden schon geräumt, viele könnten folgen. Wie viel Aktionismus steckt dahinter?

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          Ärger und staunendes Unverständnis – das waren die Reaktionen vieler Bewohner von vier Hochhäusern in London, als sie in der Nacht zum Samstag Knall auf Fall ihre Wohnungen räumen mussten. Die Verwaltung des zuständigen Stadtbezirks Camden hatte kurzfristig entschieden, die Gebäude mit rund 650 Wohnungen und mehreren Tausend Bewohnern komplett zu evakuieren. Nach der Brandkatastrophe von Kensington waren sie von Fachleuten untersucht und als zu gefährlich eingestuft worden. Mittlerweile haben die Behörden bereits bei mindestens sechzig Gebäuden im ganzen Land gravierende Brandschutzmängel festgestellt. In London sollen die Vorkehrungen nun verbessert werden. Nach Angaben der Verwaltung können die Bewohner erst in drei bis vier Wochen in ihre Wohnungen zurückkehren.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Das ist doch ein schlechter Witz“, sagt Izac am späten Freitagabend. Der Student teilt sich mit seinem Freund Maciej eine Wohnung in einem der Hochhäuser. „Es ist ja richtig, dass etwas unternommen wird, um die Häuser sicher zu machen. Aber warum konnten die uns nicht wenigstens übers Wochenende Zeit geben, um auszuziehen?“

          Bewohner erfuhren nicht durch Behörden von der Räumung

          Laut Verwaltung wurden für die Betroffenen 270 Hotelzimmer angemietet. Ein Teil ist auch bei Freunden und Familienangehörigen untergekommen. Aber rund 100 Bewohner mussten die Nacht zum Samstag in einem Sportzentrum verbringen, wo in der Turnhalle eilig Luftmatratzen auf dem Boden verteilt wurden. Viele blieben das ganze Wochenende dort.

          Die nächtliche Räumungsaktion wirkte konfus und schlecht vorbereitet. Betroffen waren auch viele Familien mit kleinen Kindern, Behinderte in Rollstühlen und verunsicherte Senioren. Ordnungskräfte versicherten Izac, Maciej und ihren Nachbarn zunächst, ihr Hochhaus solle nicht evakuiert werden. Gegen 23 Uhr am Freitagabend hieß es dann plötzlich, alle müssten raus. In den frühen Morgenstunden des Samstags wiederum teilte die Verwaltung mit, ein benachbartes fünftes Hochhaus sei sicher; zumindest dort musste niemand ausziehen.

          Bewohner der Hochhäuser berichten, sie hätten von der Räumung nicht von der Stadtverwaltung, sondern in den Nachrichten oder durch Anrufe von Freunden erfahren. Bibiche, die in einem der Türme wohnt, erzählt, sie sei am Freitag gegen acht Uhr abends mit ihrem jüngsten Sohn vom Einkaufen zurückgekehrt. „Die Sicherheitskräfte wollten mich zunächst nicht ins Haus lassen“, sagt die alleinerziehende Mutter. Dabei saßen ihre beiden älteren Söhne im Teenageralter oben allein in der Wohnung. „Die wussten von nichts.“ Was los war, erfuhren sie erst, als ihre Mutter schließlich doch reingelassen wurde, um das Nötigste zu packen. Auch lange nach Mitternacht war die Familie noch unterwegs, auf der Suche nach einem Taxi. Sie wollten bei Familienangehörigen unterkommen. „Das darf doch alles nicht wahr sein“, sagt Bibiche.

          Ist die überstürzte Evakuierung angemessen oder blinder Aktionismus, nachdem den britischen Behörden nach der Katastrophe von Kensington Untätigkeit vorgeworfen worden war? Die Ratsvorsitzende des Stadtbezirks Camden, Georgia Gould, spricht von einer „beispiellosen Aktion“. Die Katastrophe in Kensington „verändert alles“. Man habe sich deshalb auf Drängen der Feuerwehr für die Evakuierung entschieden. „Wir mussten das tun, wir müssen auf den Rat der Feuerwehr hin handeln.“ Hunderte Helfern seien im Einsatz, um die Betroffenen zu unterstützen, sagt Gould. Allein die Hotelzimmer für die Bewohner kosteten eine halbe Million Pfund. Sie räumt aber auch ein, es werde „Fragen geben“, wie es zu der überstürzten Räumung habe kommen können. Gould verspricht Antworten.

          Auch die britische Regierung schaltet sich ein. Der zuständige Minister Sajid Javid stärkt der Bezirksverwaltung von Camden den Rücken: Es sei „absolut die richtige Entscheidung“ gewesen, sagt er im BBC-Fernsehen. Premierministerin Theresa May schreibt auf Twitter: „Meine Gedanken sind bei den Bewohnern, die von der Evakuierung betroffen sind, während ihre Wohnungen sicher gemacht werden.“

          Verkleidungen von 600 Hochhäusern prüfen lassen

          Es geht nicht nur um einen Einzelfall: Die Regierung will die Fassadenverkleidungen von bis zu 600 Hochhäusern im ganzen Land auf Brandgefahren untersuchen lassen. Die bisherigen Ergebnisse sind alarmierend: Am Sonntag heißt es, bisher seien die Verkleidungen von 60 Türmen geprüft worden – und alle hätten den Brandschutztest nicht bestanden. Javid weist aber darauf hin, dass dies nicht unbedingt bedeutet, dass auch diese Gebäude alle evakuiert werden müssten. Vielmehr habe die Feuerwehr bei den vier geräumten Häusern in London eine Reihe weiterer Feuerrisiken festgestellt. Unter anderem fehlten dort Brandschutztüren. Dutzende Bewohner weigerten sich am Wochenende dennoch, ihre Wohnungen zu verlassen. Ihnen wurde am Sonntag mit der Zwangsräumung gedroht.

          Die aus insgesamt fünf Hochhäusern bestehende Sozialwohnungssiedlung „Chalcots Estate“ im Stadtteil Belsize Park im Norden Londons ist Ende der sechziger Jahre gebaut worden. Viele der Appartements wurden inzwischen allerdings an Privatleute verkauft. Die Wohntürme befinden sich einer teuren Wohngegend der britischen Hauptstadt nördlich des Regent’s Parks. Sie sind zwischen 2007 und 2009 saniert worden. Dabei wurden, ähnlich wie beim Grenfell Tower in Kensington, an den ursprünglichen Betonfassaden Verkleidungen angebracht, die inzwischen als leicht entflammbar eingeschätzt werden. Die Sanierungsarbeiten wurden Medienberichten zufolge von derselben Baufirma durchgeführt wie im Fall des abgebrannten Hochhauses.

          Im Innern der Gebäude freilich ist dem Augenschein nach bei der Renovierung wenig geändert worden. Das Hochhaus, in dem Izac und Maciej leben, hat 23 Stockwerke mit 158 Wohnungen. Es gibt nur ein einzelnes, enges Treppenhaus und zwei Aufzüge. Diese seien aber häufig defekt, sagt Izac. Sprinkleranlagen und Feuerlöscher sind in den Fluren nirgends zu sehen.

          Im Eingangsbereich hängt ein Zettel, der die Bewohner auffordert, im Brandfall in ihren Appartements zu bleiben. Dieselbe Brandschutz-Empfehlung war auch den Bewohnern des Grenfell Tower vor der Brandkatastrophe gegeben worden. Sie ist mittlerweile hoch umstritten. Mindestens 79 Menschen kamen bei dem Brand in Kensington ums Leben.

          „Wir saßen auf dem Sofa“

          Kutim, der mit seiner Familie in einem der nun geräumten Gebäude wohnt, berichtet, in seinem Hochhaus habe es vor einigen Jahren einen Wohnungsbrand gegeben, der aber glimpflich verlaufen sei. Danach sei zwar das betroffene Stockwerk renoviert worden, Maßnahmen für einen besseren Brandschutz aber seien nicht ergriffen worden.

          Die Familie mit drei Kindern steht am späten Freitagabend mit ihren Koffern und der Hauskatze auf dem Bürgersteig und weiß nicht, wie ihr geschieht. Auch Kutim hält die schnelle Räumung für überzogen. Er habe aus den Nachrichten davon erfahren: „Wir saßen auf dem Sofa, als im Fernsehen kam, dass unser Haus evakuiert werden soll.“

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